Stand: 03.02.2016 18:08 Uhr

"Verschwörungstheorien haben Konjunktur"

von Daniel Kaiser
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"US-Schiffe bringen Flüchtlingsmassen nach Europa" - Verschwörungstheorien haben gerade Konjunktur.

Eine besonders exotische, schillernde Zutat in der Diskussion "Wahrheit oder Meinungsmache?" ist die Verschwörungstheorie. Gerade jetzt trifft man immer wieder auf sie. Was klingt wie Motive eines Hollywood-Thrillers, gehört mittlerweile zu den selbstverständlichen Kernüberzeugungen vieler Menschen.

Viele Köpfe sind voller Theorien

"US-Schiffe bringen Flüchtlingsmassen nach Europa!", "Man will die deutsche Bevölkerung austauschen", "Der IS ist ein Geheimdienstkonstrukt des Westens", "Die Amerikaner wollen mit den Flüchtlingen Europa destabilisieren" - das Internet und viele Köpfe sind voller solcher Thesen. "Verschwörungstheorien haben gerade Konjunktur", sagt der Journalist Tobias Jaecker, der sich schon lange mit dem Thema beschäftigt. "Verschwörungstheorien entstehen immer im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Umbrüchen mit Kriegen und Krisen", sagt er. "Immer, wenn sich Leute Dinge nicht erklären können und nach Erklärungen suchen, dann wird in der Regel die Frage gestellt: 'Wem nützt ein Ereignis?' Und dann kommt der Umkehrschluss: 'Wem es nützt, der muss dahinterstecken'."

Die Verschwörungstheorie glaubt nicht an eine komplexe Welt

Für jede Krise wird eine glasklare Lösung präsentiert. Eine einfache, exotische, spannende Erklärung. Die Verschwörungstheorie glaubt nicht an eine komplexe Welt. "Das macht Verschwörungstheorien so attraktiv. Man glaubt, es geblickt zu haben. Man glaubt, hinter die Fassaden blicken zu können und kommt immer nur auf die alten Feindbilder zurück."

Immer weiteres Vorrücken in die Gesellschaft

Meistens sind das die USA oder die Juden. "Zwei Prozent der Amerikaner haben jüdische Wurzeln. Zum Vergleich: 25 Prozent haben deutsche Wurzeln", sagt Ken Jebsen, ehemals Radiomoderator und jetzt selbst ernannter Friedensaktivist mit eigenem YouTube-Kanal mit 120.000 Abonnenten. "Diese zwei Prozent verfügen über 25 Prozent des Geldes. Dieses Geld wird überall eingesetzt, um eigene Interessen durchzusetzen." Jüdisches Geld will also die Welt beherrschen. Jebsen deutet eine jüdische Weltverschwörung an, wie sie schon vor 100 Jahren in den "Protokollen der Weisen von Zion" zu lesen war, diesem antisemitischen Pamphlet, einer Fälschung aus dem zaristischen Russland, das bis heute in vielen Köpfen herumspukt. Lange haben nur vereinzelte Sonderlinge solche Theorien konsumiert. "Heute ist es anders", sagt Tobias Jaecker. "Das rückt immer weiter in die Gesellschaft vor, sodass immer mehr Leute, die sich früher nicht getraut haben, damit um die Ecke kommen - natürlich befeuert durch die sozialen Netzwerke, in ungeheurer Schnelle. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung."

Rechte Verlage nutzen Verschwörungsthesen

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Auch über Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt es Verschwörungstheorien.

Man hört mittlerweile auch bürgerliche Akademiker sagen, dass Angela Merkel doch in Wahrheit eine Jüdin sei. "Das ist so ein Evergreen", sagt Jaecker. "Das hat man auch über Helmut Kohl gesagt. Angeblich würde er Henoch Kohn heißen. Das ist harter und alter Antisemitismus." Das Ganze hat System. Rechte Verlage nutzen solche Thesen: Verschwörungstheorien als Geschäftsmodell. Der Mord an Kennedy, die angeblich erfundene Mondlandung - Verschwörungstheorien hat es immer schon gegeben. Das Internet macht heute aber alles noch einfacher und schneller. "Es gibt da Communitys Gleichgesinnter, wo man keine kritischen Äußerungen wahrnimmt, wo eigentlich nur mit Halbwissen und Ressentiments operiert wird", erklärt Jaecker.

"Harter Kern an Verschwörungstheoretikern nicht mehr erreichbar"

Gerade wurde klar bewiesen, dass das 13-jährige Mädchen in Berlin nicht von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt wurde. Doch Fakten und Wahrheiten sind für solche Leute keine Währung. "Es gibt einen harten Kern an Verschwörungstheoretikern, die sind tatsächlich nicht mehr erreichbar", sagt Jaecker. "Die wollen nur noch bestätigt bekommen, was sie ohnehin schon glauben. Und alles, was man dagegen hält, passen sie noch in ihre Verschwörungstheorien ein - nämlich als Propaganda, die nur ein Beweis dafür ist, dass man Recht hat."

Die Verschwörungstheorie ist ein süßes Gift und leicht verdaulich. "Das Gegenmittel ist ein wirklich kritischer Umgang mit Ereignissen", meint Jaecker. "Dass man alternative Deutungen zulässt. Natürlich gibt es in vielen Medien die Tendenz, das zu schreiben und zu senden, was die anderen auch senden. Und das ist für eine Debatte auch tödlich - das muss man klar sagen."

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NDR Info | 04.02.2016 | 10:53 Uhr