Stand: 26.02.2016 14:11 Uhr

Troll Dich, Hater!

von Katrin Weller

Troll - klingt niedlich und märchenhaft, ist aber ein Alptraum für Administratoren. Der Troll pöbelt und provoziert in der Internetdebatte. Und er hat es mittlerweile sogar in den Duden geschafft. Ein Troll ist demnach "jemand, der fortgesetzt beleidigende und diskriminierende Kommentare ins Internet stellt". Aber was heißt das genau? Ist jemand der heftig mitdiskutiert schon ein Troll? Was wollen die echten Trolle mit ihrem Verhalten bewirken? Und warum sind sie für manche sogar ein wichtiger Teil der Internetdebatte? NDR Kultur hat sich auf die Suche nach einem Troll gemacht.

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Die Redaktion der Tagesschau in Hamburg-Lokstedt.

Ein Großraumbüro beim NDR in Hamburg-Lokstedt. Leises Tippen auf den Tastaturen, die Blicke der Redakteure hängen an den Bildschirmen. Durchschnittlich 10.000 Kommentare pro Tag hat die Tagesschau-Redaktion im vergangenen Monat allein über Facebook erhalten. Hinzu kommen noch einmal täglich bis zu 2.000 Einträge auf tagesschau.de. Wir kontaktieren einige Nutzer, die besonders oft kommentieren und fragen, warum sie posten. Und wir wollen wissen, und ob sie sich als Troll bezeichnen würden. Die Antworten sind lang, aber ein Troll will keiner sein.

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    Die klare Antwort darauf ist NEIN. Viele meiner Beiträge mögen wohl provokant sein, aber sie sind in der Regel auch alle sachbezogenen und beinhalten zumindest den Versuch, einen konstruktiven Dialog zu starten.

    User "montideluxe"
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    Ich sehe mich als Verfechter der Wahrheit und hasse Lügen und Manipulationen. DAS ist meine Hauptmotivation. Ich werde dafür weder bezahlt, noch verfolge ich eine besondere Doktrin. Als Troll sehe ich mich beim besten Willen nicht. Eher als #Ausgleicher# zwischen den Extremen.

    User "Agent Lemon"
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Wo sind sie also, die Trolle? Sie sind allgegenwärtig, sagt Linus Neumann. Er ist Psychologe, arbeitet als Spezialist für IT-Sicherheit und ist einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs. "Suchen Sie nach jemandem, den eigentlich niemand mag. Suchen Sie nach jemandem, der in alle Richtungen gleichmäßig austeilt und suchen Sie nach jemandem, der sich dabei nicht in Themen hineinsteigert, der immer fröhlich lächelnd und ausgeglichen am Rechner sitzt und sich amüsieren kann, wie andere sich die Köpfe einhauen. Dann haben Sie einen Troll gefunden."

Trollen als Kommunikationsstrategie

Eine Studie eines kanadischen Forscherteams um Erin Buckles aus dem Jahr 2014 ("Trolls just want to have fun") bezeichnet das Trollen als "trügerisches, destruktives oder störendes Verhalten (…) ohne erkennbaren Zweck". Im Gegensatz dazu sieht Linus Neumann darin eine Kommunikationsstrategie. "In der klassischen Wahrnehmung ist ein Troll jemand, der eine andere Person dazu bringt, sich selber zu entlarven", erklärt Neumann. "Das mag sein, dass das dadurch erreicht wird, dass die Zielperson ihre eigenen Argumente ad absurdum führt, dass die Zielperson in irgendeiner Form ausrastet. Aber wichtig ist, dass die Zielperson selbst ihre eigene Glaubwürdigkeit oder ihren eigenen Ruf unterwandert."

Linus Neumann unterscheidet dabei ganz klar zwischen denjenigen, die Hasskommentare posten und den Trollen. Die sogenannte Hate Speech gelte unter Trollen als "unfein". Außerdem gehe es dabei nicht um den Diskurs. Wohingegen er dem Trollen sogar eine Rolle in der Debatte zuschreibt: "Für mich ist trolling wichtig, um in einer Gesellschaft eine Ausgeglichenheit, einen Humor und auch eine Kritik und Kritikfähigkeit zu behalten."

Trollen gegen Hate Speech

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Anna-Mareike Krause ist Social-Media-Koordinatorin bei der Tagesschau.

Daher kann für Linus Neumann das Trollen auch beispielsweise dabei helfen, rechte Hetzer im Netz zu entblößen, sodass sie keine Anhänger finden. Auch Anna-Mareike Krause, Social-Media-Koordinatorin der Tagesschau, beobachtet, dass einige Nutzer intensiv gegen die Hasskommentare anschreiben: "Ich sehe manchmal Leute, die mit diesen alten Troll-Methoden dieser systematischen Hetze etwas entgegensetzen." Seit gut einem Jahr ist die Hetze das große Problem im Netz, sagt Anna-Mareike Krause: "Heute sind nicht mehr die Trolle das wichtigste Thema bei der Frage, wie wir unsere Community gestalten, sondern in nahezu allen Communities ist die größte Herausforderung jetzt der Umgang mit der systematischen, rechten Hetze und mit der systematischen Verbreitung von falschen Informationen und Falschbehauptungen. Das sind aber nicht Trolle."

Die Journalistin stellt fest: Bei den Trollen, aber auch bei denjenigen, die Hasskommentare posten, handelt es sich jeweils um eine Minderheit in der Community. Die konstruktive Debatte der Mehrheit verläuft nur leiser.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 26.02.2016 | 06:40 Uhr

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