Stand: 13.07.2015 19:46 Uhr

Stadt und Land: Wird die Kluft größer?

von Thorsten Mack

Denken wir an die Zukunft, denken wir an die Stadt. Denken wir an den ländlichen Raum, suchen wir oft nach einer Zukunft. Die Aussichten für das Jahr 2030 zeigen eine immer größere Kluft zwischen den Lebensräumen. In der Stadt geht’s weiter voran. Sie ist ein Veränderungsmotor: Es entstehen neue Jobs, die Stadt steht für das moderne Leben und zieht damit immer mehr Menschen an, sie wird immer voller. Die Bevölkerung Hamburgs etwa soll bis 2030 um 7,5 Prozent wachsen.

Auf dem Land hingegen nimmt die Bevölkerungszahl mit dem fortwährenden Rückgang von Handwerk und Landwirtschaft ab. In der Kommune Bad Gandersheim soll sie etwa bis 2030 um 11,5 Prozent zurückgehen. Was könnte da noch helfen?

"Es ist ganz entscheidend, dass Menschen sich engagieren", sagt Ulrich Harteisen, Professor für Regionalmanagement. "Denn Engagement ist nicht nur sozusagen für die Gemeinschaft, sondern hat auch eine ganz starke Wirkung auf das Individuum. Jeder kennt das, wenn man sich für etwas engagiert und in ganz kleinen Schritten vorwärtskommt. Dann hat man das Gefühl, an einer positiven Entwicklung mitzuwirken."

Interview
07:34 min

"Dorfgemeinschaft ist ein emotionales Gefüge"

13.07.2015 22:45 Uhr
Kulturjournal

Es sei entscheidend, dass Menschen sich engagieren und ihren Wohnort mitgestalten können, ist Ulrich Harteisen überzeugt. Der Professor für Regionalmanagement gibt Tipps fürs Landleben. Video (07:34 min)

Das wachsende Dorf Heckenbeck

Was das bewirkt, sieht man nur vier Kilometer von Bad Gandersheim entfernt. Heckenbeck sieht erst mal aus wie ein handelsübliches Dorf mit Kirche und Schützenverein. Etwas ungewöhnlicher ist der Bioladen. Ganz ungewöhnlich aber ist, dass der Bioladen voller Menschen ist. Das trifft auf ganz Heckenbeck zu: Die Einwohnerzahl des Dorfes stieg seit den 80er-Jahren von 370 auf 470 Einwohner. Wie das ging? Ein Glücksfall: Städter auf der Suche nach Raum und Lebensqualität kamen, zogen weitere und Weiteres nach.

"Hier ist ja wirklich viel aus einem menschlichen Bedürfnis entstanden: Die Kinder wurden geboren", erzählt Bewohnerin Elisabeth Möller. Sie wollten eine Schule haben und einen Kindergarten. "Das sind alles ganz naheliegende Bedürfnisse. Ich hatte das Gefühl, ich will raus aus der Stadt, ich brauche mehr Natur, mehr Luft, aber: Ich möchte hier auf dem Land gute Kultur haben. Also machen wir das."

Veränderungen durch Eigeninitiative

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In Eigenregie entstanden ein Kulturzentrum und die Freie Schule direkt dahinter. Die Neuen brachten neue Ideen, auch neue Arbeit durch Handwerk, und Ärzte ließen sich nieder. Die Eingesessenen mussten sich auf so viel Neues erst einmal einlassen. Es sei auch schwierig gewesen, erinnert sich Elisabeth Möller. "Das kam so nach und nach. Es ist ein sehr schöner Prozess entstanden, also dass wir uns des Öfteren zusammensetzen, vom Ortsverein her aus, und uns bei verschiedenen Veranstaltungen treffen. Und jetzt, glaube ich, jetzt haben wir es geschafft, und es gibt auch einen gewissen Stolz, auch der Alteingesessenen, auf das, was hier inzwischen entstanden ist."

Eigeninitiative darf nicht die Rolle des Staates ersetzen

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Heckenbeck zeigt, was man auf dem Land erreichen kann. Es braucht aber auch Infrastruktur wie Verkehrsanbindung und modernes Internet. Gerade für die älterwerdende Bevölkerung. Dafür werden Dörfer zusammenarbeiten müssen. Und bei aller Eigeninitiative: Das ist ein zeitaufwändiger Prozess, der Unterstützung braucht. Ganz wichtig sei, dass Engagement der Zivilgesellschaft keineswegs die Rolle des Staates ersetze, betont Ulrich Harteisen. "Dieser Prozess gelingt nur dann, wenn Staat und Zivilgesellschaft zusammenwirken."

Prestigebauten in der Stadt helfen wenig

Und die Stadt ist auch kaum ein Selbstläufer. Die Planer müssen den Zuwachs so gestalten, dass der Raum lebenswert bleibt. Prestigebauten helfen da wenig. Zumal die Bevölkerung insgesamt älter sein wird. Die dafür nötige Infrastruktur hat die Stadt zwar, aber sie ist eben nicht umsonst.

Vielleicht müssten gerade wir stets so beharrenden Deutschen einfach mal die Chancen in der Veränderung sehen.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 13.07.2015 | 22:45 Uhr

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