Stand: 18.12.2016 00:00 Uhr

Spenden statt schenken?

von Heide Soltau
Bild vergrößern
Geld ist ein beliebtes Weihnachtsgeschenk. Aber muss es immer direkt für den Beschenkten sein?

Parfüm oder Pralinen, Socken oder Krawatte, Buch oder Baumkuchen - oder doch lieber Geld? Was schenkt man den Lieben, die eigentlich alles haben und keine Wünsche äußern? Oder jenen, die sich einfach nichts schenken lassen wollen, weil sie den kommerziellen Zauber ablehnen. Man kann zum Beispiel etwas für das Gemeinwohl tun und sein Weihnachtsbudget einer Stiftung überlassen.

Klar, es gibt Greenpeace und die große Aktion "Brot für die Welt", für die alljährlich zu Weihnachten in den Kirchen gesammelt wird. Nach der Predigt und dem Absingen von "Stille Nacht, heilige Nacht" gibt man ein paar Euro in den Klingelbeutel, mitunter auch Scheine, und schon ist das gute Werk getan.

Benachteiligten helfen - auf vielfältige Art

Darüber hinaus aber gibt es noch andere Möglichkeiten. Wer sich besonders für die Situation von Frauen interessiert, kann zum Beispiel die Stiftung "filia" unterstützen, die sich dafür einsetzt, dass Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung voranbringen und wahrnehmen können.

Und wer lieber den Benachteiligten in seiner Heimatstadt helfen will, kann sich an einer Bürgerstiftung beteiligen, erklärt Anja Wöllert von der Bügerstiftung Hamburg: "Es gibt zum einen die Möglichkeit, an die Bürgerstiftung insgesamt zu spenden. Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen bestimmten Themenschwerpunkt zu bedenken. Im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen benachteiligt Kinder und Jugendliche. Man kann aber auch, wenn einem der generationsübergreifende Dialog am Herzen liegt, an unseren Fond 'Generation Ja - Jung und Alt' gemeinsam spenden. Das heißt, man kann sich thematisch konzentrieren auf einen Bereich. Oder wenn einem ein bestimmtes Projekt am Herzen liegt und das hat Förderbedarf, kann man auch projektbezogen spenden."

Rund 400 Bürgerstiftungen in Deutschland

Die erste Bürgerstiftung wurde vor 20 Jahren gegründet, von Bürgern für Bürger. Nicht nur Reiche wie Alfred Töpfer, Kurt Körber oder Gerd Bucerius können mit eigenen Stiftungen Gutes tun. Jeder andere kann das auch und entweder Geld oder Zeit investieren. Das ist die Idee der Bürgerstiftung, die schnell Furore machte.

Heute gibt es rund 400 Bürgerstiftungen in Deutschland. Nach welchen Gesichtspunkten sie Menschen und Projekte fördern, haben sie per Satzung bei der Gründung festgelegt. "Für uns ist es wichtig, dass wir nachhaltig und langfristig fördern. Da gibt es einen sehr klaren Kriterienkatalog, den wir auch veröffentlichen, damit auch Projekte wissen, ob wir die Richtigen für sie sind. Wir konzentrieren uns sehr klar auf benachteiligte Kinder, es geht um Chancengerechtigkeit, es geht um Teilhabe", sagt Anja Wöllert.

Spenden mit besonderem Service

Neben dem generationenübergreifenden Dialog und der Unterstützung von Familien in Not. Zu den Prinzipien einer Stiftung gehört es, dass das Stiftungskapital nicht angetastet werden darf. Für die Projektförderung stehen nur die Erträge, also die Zinsen, zur Verfügung. Und das bedeutet bei der gegenwärtigen Niedrigzinspolitik, dass Stiftungen weniger Geld zur Verfügung haben. "In unserem Fall heißt das, dass 70% dessen, was wir ausgeben für die Projektförderung, über Spenden und Kooperationsmittel eingeworben werden muss", sagt Wöllert.

Die Stiftungen sind also mehr denn je auf Spenden angewiesen, wenn sie ihre Arbeit fortsetzen wollen. Und: Die Spenden gehen alle komplett in die Projektförderung und landen nicht in der Verwaltung, versichert Anja Wöllert. Darüber hinaus bieten die Bürgerstiftungen ihren Stiftern und Spendern noch einen besonderes 'Service': Sie können sich selbst einen Eindruck von der Projekten verschaffen, beispielsweise beim Schulhausroman, der auch von der Bürgerstiftung Hamburg gefördert wird: "Träger ist ja das Literaturhaus. Die Projektkollegen schauen sich das an, wie die Autoren mit den Schulklassen arbeiten. Und diese Romane werden dann auch präsentiert im Literaturhaus einmal im Jahr und wir laden zum Beispiel unsere Förderer ein, dass sie sich das mal anhören, was am Ende dabei rauskommt."

Vorlesen als Geschenk

Bild vergrößern
Kindern Geschichten vorzulesen - auch das wäre ein Geschenk, von dem nicht nur ein Beschenkter profitiert.

Wäre das nicht ein passendes Weihnachtsgeschenk für Familien? Denn wer den Schulhausroman mit einer Spende unterstützt, tut damit nicht nur etwas für Schüler, die unter Anleitung eines echten Schriftstellers spannende Texte schreiben lernen. Eine Spende für den Schulhausroman bietet auch die Gelegenheit, für einen gemeinsamen  Ausflug ins Literaturhaus. Das Weihnachtsgeschenk hätte damit sogar eine doppelte Funktion.

Aber nicht nur Geldspenden sind bei der Bürgerstiftung willkommen. "Wir haben zum Beispiel ein großes Leseprojekt, wo Menschen, die sich engagieren wollen für ihre Stadt oder für ihren Stadtteil, oder wie in unserem Fall für benachteiligte Kinder, in Kindergärten und Schulen vorlesen können. Bei uns gibt es 350 ehrenamtliche Mitarbeiter. Auch hier in der Geschäftsstelle engagieren sich einige in Arbeitsgruppen im Bereich der Evaluation", sagt Anja Wöllert.

So gibt es viele Wege, der üblichen Geschenke-Orgie zu entgehen. Mit leeren Händen unterm Weihnachtsbaum stehen will niemand. Schließlich bringt es auch Spaß, anderen eine Freude zu machen. Also warum es nicht mal mit einer persönlichen Spende probieren? Für ein Boxtraining von Kindern, einen Schwimmkurs, eine Volleyballgruppe für Mädchen, eine Umweltwerkstatt, einen Sprachkurs für jugendliche Flüchtlinge oder einen Schulkochkurs.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 19.12.2016 | 09:55 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/kulturdebatte/Spenden-statt-schenken,geschenke298.html

Mehr Kultur

10:48
06:58

Modedesigner Harald Glööckler (13.01.2012)

21.10.2017 01:30 Uhr
NDR Talk Show
09:12

Kabarettist Jochen Busse (21.11.1986)

21.10.2017 01:30 Uhr
NDR Talk Show