Stand: 16.07.2015 12:00 Uhr

Städter an die Spaten!

von Agnes Bührig

Welcher Städter träumt nicht davon: Einmal einen eigenen Garten bewirtschaften, sehen, wie die Pflanzen wachsen und sich sicher sein, dass es ökologisch wertvoll ist, was man da selbst zieht und später isst? Für immer mehr Groβstädter wird dieser Traum inzwischen Wirklichkeit. Urban Gardening, Urbanes Gärtnern, heißt das Phänomen, bei dem sich Gärtnerwillige öffentliche Flächen erobern, um Gemüse und Blumen zu pflanzen. Das Projekt "Pagalino" der Initiative Transition Town Hannover bietet Raum für Hobbygärtner.

Gärtnern im öffentlichen Raum

Pflanzkisten in Lindens Norden

Christine Widdel-Abban steht vor zwei Wassertanks und befüllt ihre quietschgrüne Gießkanne. Ihren Blick lässt die 59-Jährige über ein öffentliches Gelände unweit der Autobahn streifen, kaum größer als ein Fußballfeld. Früher war das ein Teil des Parks hinter dem Freizeitheim Linden, jetzt stehen hier hölzerne Pflanzkisten.

Seit vier Jahren erlaubt die Stadt Hannover "Pagalino" (zusammengesetzt aus den jeweiligen Anfangsbuchstaben: PalettenGartenLindenNord) hier zu gärtnern. Für Christine Widdel-Abban ist das inzwischen ein Stück Heimat: "Man ist besser vernetzt im Stadtteil und dann fühlt man sich natürlich automatisch mehr zu Hause. Man trifft sich hier, aber die gleichen Leute sehe ich halt auch, wenn ich auf der Limmerstraße einkaufen gehe, und da finde ich mich anders eingebunden in den Stadtteil." Christine Widdel-Abban kommt aus einem kleinen Dorf in Niedersachsen mit 700 Einwohnern. Ein eigener Garten wäre ihr zu viel Arbeit, doch zwei bis dreimal die Woche herzukommen und das eigene Gemüse wachsen zu sehen, erfreut die Grundschullehrerin.

Urban Gardening

Beim Urban Gardening oder Urban Farming werden in Großstädten brachliegende Flächen durch Anwohner gemeinschaftlich in selbst genutzte Gartenflächen verwandelt. Die Gründe sind vielfältig: Umweltaspekte, gestiegenes Ernährungsbewusstsein oder der Wunsch, sich selbst mit Nahrungsmitteln zu versorgen - auch aus finanziellen Gründen. Bereits in den 70er-Jahren entstanden in New York die ersten "community gardens" - kollektive Gemüse- und Blumenbeete.

Die Öffentlichkeit nimmt sich, was ihr gehört

Dass dafür ein Teil eines öffentlichen Parks in Linden geopfert wurde, stört sie nicht. Die Öffentlichkeit nimmt sich, was ihr gehört und bildet neue Gemeinschaften. Das beobachtet auch Daniela Hadem-Kälber. Die Soziologin erforscht derzeit das Phänomen Urban Gardening: "Es ist ja schon festzustellen, dass gerade in den Städten in den letzten Jahrzehnten eine starke Neoliberalisierung stattgefunden hat, das heißt dass wirklich viele öffentliche Räume privatisiert worden sind. Ein Ziel der Urban Gardening Bewegung ist es, dann wieder Allgemeingüter herzustellen und zu sagen, wir teilen die Ressourcen, wir produzieren gemeinsam, wir konsumieren gemeinsam und versuchen so ein wirklich gutes Leben zu leben."

Gemeinsam im Grünen

Und dazu gehört der Zusammenhalt in der Gemeinschaft. An diesem heißen Samstagnachmittag haben sich etliche "Pagalino"-Gärtnerinnen verabredet, um eine Ausstellung über ihr Projekt zu gestalten. Ein halbes Dutzend Frauen zwischen Mitte dreißig und Mitte sechzig steht um einen Camping-Klapptisch und sortiert alte Schwarz-Weiß-Bilder für eine Infotafel. Für Heike Schmidt, die seit einem Jahr dabei ist, ist es kein unerheblicher Teil von Urban Gardening. "Die Gemeinschaft, dass man hier die Leute aus der Gegend kennenlernt. Ich muss sagen, ich habe nicht viel Ahnung vom Gärtnern. Ich komme zwar vom Dorf und meine Eltern haben auch einen Garten, aber früher, als man jung war, da war das eher lästig. Dann bin ich ganz froh, dass ich hier guten Beistand habe, dass ich Leute fragen kann, was gibt es da für einen Tipp, wie kann ich das machen. Das finde ich auch toll, dieses Geben und Nehmen, diesen Austausch", sagt Heike Schmidt und lockert dann mit ihrem Dreizack die Erde um Mangold und Radieschen auf. Für sie ist das Gärtnern hier nicht zuletzt: Entspannung pur.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 16.07.2015 | 10:20 Uhr