Stand: 24.01.2017 18:01 Uhr

Konstruktiver Journalismus: Utopien für alle

von Claudio Campagna
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Alexander Sängerlaub ist Chefredakteur des Magazin "Kater Demos".

"Politische Ohnmacht war gestern. Wir verraten euch, was sich wirklich ändern lässt und wie wir alle ein Teil davon sein können." Mit einem kleinen Youtube-Clip wirbt "Kater Demos" um Abonnenten. "Utopisches Politikmagazin" nennen die Macher ihr vierteljährlich erscheinendes Heft; gemeint sind fortschrittliche Ideen, die zum Beispiel andere Länder bereits umgesetzt haben. Der Chefredakteur und Gründer Alexander Sängerlaub erläutert: "Bestes Beispiel ist vielleicht dieses: Costa Rica hat irgendwann sein Militär abgeschafft und die frei werdenden Etats in Bildung und Gesundheit gesteckt. Da würde man in Deutschland sagen: 'Das ist ja utopisch! Wer macht denn sowas?' Aber es gibt selbst für extremere Ansätze gute Beispiele, dass das funktionieren kann. Das sind manchmal auch ganz kleine Sachen; beispielsweise für den Journalismus die große Frage, ob er als gemeinnützig anerkannt werden könnte."

Medien sind das Schwerpunktthema im aktuellen Heft; frühere Nummern behandelten Utopien wie das bedingungslose Grundeinkommen, den Sechs-Stunden-Arbeitstag oder die Gleichstellung von Mann und Frau. Sängerlaub und sein Team bekennen sich zu den Zielen des konstruktiven Journalismus, also: auch von Fortschritten zu berichten, nicht nur von Problemen, und nach Möglichkeit Lösungswege aufzuzeigen. "Es gibt Studien, die sich dezidiert mit konstruktivem Journalismus befasst haben und nachweisen konnten, dass zum einen das Problemverständnis besser ist, aber auch, dass die Leute motivierter sind, dann selber zu handeln. Das erzielt also tatsächlich seine Wirkung bei den Leuten."

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5.000 Exemplare lässt das junge Magazin pro Ausgabe drucken; nicht überwältigend viele, doch die Zahl der Abonnenten steigt. Und die Leser-Reaktionen zeigen für Sängerlaub, dass das Bedürfnis nach lösungsorientierten Berichten wächst. Auch das Online-Magazin "Perspective Daily" hat sich dem konstruktiven Journalismus verschrieben. Täglich eine Perspektive bietet es den Lesern; beispielsweise in Sachen Klimawandel, Terrorismus oder Datenschutz. "Es geht nicht darum, am Ende sagen zu können: So machen wir's. Das wäre sehr anmaßend. Sondern es geht einfach darum, schon bei der Berichterstattung von Anfang an diese Fragen mitzustellen: Was ist gut gelaufen, was ist schlecht gelaufen, wie könnte es beim nächsten Mal anders laufen, welche anderen Menschen, Organisationen oder Ideen müssen wir vielleicht noch mitdenken?", sagt Maren Urner von "Perspective Daily". Dabei sucht "Perspective Daily" die Nähe zur Wissenschaft. Laut einer Umfrage des Magazins ist jeder fünfte Nutzer Student.

Traditionelle Medien öffnen sich dem neuen Ansatz

Viele wünschen sich mehr Gegenpositionen in den Beiträgen, doch die Mehrheit schätzt das Konstruktive. Auch immer mehr traditionelle Medien öffnen sich dem neuen Ansatz. "Spiegel Online" überlegt, verstärkt auf Artikel zu setzen, "die weitergehen". Die Wochenzeitung "Die Zeit" versucht, mit positiven Geschichten über vorbildliche Projekte, Anregungen zu geben und ein ausgewogeneres Weltbild zu zeichnen. Ebenso wie "die tageszeitung". Lukas Wallraff, Seite-1-Redakteur der "taz" meint: "Man wird im Internet gratis zugeschüttet mit schlechten Nachrichten und Schreckensmeldungen. Und es ist extrem wichtig, dass Journalismus auch Lösungsansätze anbietet und positive Ziele formuliert und eben nicht nur eine Schrecklichkeit nach der anderen anhäuft, die zu Frust und Resignation führt."

Er selbst versucht, bei der Themenauswahl immer auch den hoffnungsvollen Aspekt zu finden. "Es muss nicht immer die noch schlechtere Statistik aus Griechenland sein, es kann auch mal ein Bericht sein über Aufschwung in Spanien. Es muss nicht immer der Ausbruch der Ebola-Seuche in Afrika sein, es kann auch mal die Eindämmung der Ebola-Seuche sein."

Schweres auch mal mit Humor nehmen

Gerade aus diesen Erfolgs-Geschichten lasse sich oft lernen, sagt Wallraff. Zu strittigen Fragen veröffentlicht die "taz" auch mal ein Pro und Contra, um verschiedene Lösungsansätze gegeneinander zu stellen. Allzu Ernstes nimmt sie mit Humor. "Es gibt da, glaube ich, auch eine gewisse Erleichterung, wenn man über schwere Politik-Themen mal lachen kann, über Donald Trump, Angela Merkel oder verschiedene Politiker. Und da merkt man schon an den Klick- und Likes-Zahlen, dass sowas weitaus mehr angenommen und geteilt wird als nüchterne Nachrichten-Beschreibungen."

Harte Beweise sind das nicht, aber manches deutet darauf hin, dass Hörer, Nutzer, Leser sich vom Journalismus zunehmend auch Lösungsvorschläge und Perspektiven wünschen.

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