Sendedatum: 28.04.2017 15:20 Uhr

Klischees laut Lehrplan? Der Islam in Schulbüchern

Deutschland ist ein Einwanderungsland. In den Klassenzimmern ist das schon lange zu sehen, in vielen Schulbüchern jedoch wird die gesellschaftliche Vielfalt nur unzureichend abgebildet. Auch wenn es um das Thema Islam geht, fehlt in den Unterrichtsmaterialien oft noch der differenzierte Blick.

Was lernen Kinder in Schulbüchern über den Islam und was nicht?

Von Silvia Horsch

Jedes Jahr frage ich meine Studierenden im ersten Semester, was sie in der Schule über den Islam gelernt haben. In den meisten Fällen reduziert sich der Stoff auf eine Geschichte der Konfrontation: die Kreuzzüge, manchmal die Türkenkriege und - das gab es zu meiner eigenen Schulzeit noch nicht - die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus.

Problematische Darstellung des Islam

In Schulbüchern vermittelt eine Gesellschaft ihr eigenes Selbstbild und ihre grundlegenden Werte an die junge Generation. Die Darstellung des Islam und muslimischer Gesellschaften als “das Andere“ war von Beginn an ein wichtiges Mittel zur europäischen Selbstbestätigung. Eine solche Gegenüberstellung ist aber nicht nur historisch falsch, wie etwa das Beispiel Andalusien zeigt. Sie ist auch hochproblematisch. Muslimische Kinder lernen auf diese Weise, dass sie nicht wirklich dazu gehören, nichtmuslimische Kinder lernen so nicht, Fremdbilder kritisch zu hinterfragen.

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Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben das Feinbild des Islam wiederbelebt.

Es geht nicht darum, schwierige Themen wie den islamistischen Terrorismus auszusparen. Vielmehr gilt es, Schülern und Schülerinnen die Fähigkeit zur Differenzierung zu vermitteln. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wird der Islam in Schulbüchern oft in problematischer Weise mit Gewalt und Terror verknüpft, etwa wenn innerhalb weniger Buchseiten auf Fotos der Moschee von Mekka Aufnahmen von den Anschlägen in New York folgen. Terrorismus darf aber nicht eine Unterkategorie zum Thema "Islam" sein. Stattdessen müssen unter der Kategorie "Terrorismus" verschiedene Formen des Terrors behandelt werden. Nur so kann deutlich werden, dass der IS und Boko Haram in gleicher Weise eine Pervertierung des Islam sind, wie der Ku-Klux-Klan und die Lord’s Resistance Army eine Pervertierung des Christentums.

Islamische Vielfalt zeigen

Das Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung gehört zur Leibniz-Gemeinschaft und erforscht gesellschaftliche Deutungsmuster, Orientierungshilfen und Identitätsangebote, die über Schulbücher und andere Bildungsmedien vermittelt werden. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Präsentation des Islam in Schulbüchern. Untersucht wurde auch, wie Schulbücher mit Migration und Integration umgehen. Das Projekt Zwischentöne bietet auf der multimedialen Webplattform zwischentoene.info Unterrichtsmaterialien für Vielfalt im Klassenzimmer an.

In Schulen, in denen islamischer Religionsunterricht angeboten wird, erleben muslimische Kinder, dass ihre Religion ganz selbstverständlich zum Schulalltag dazugehört. Schon dadurch kann der islamische Religionsunterricht dazu beitragen, das Bild des Islam als das "Andere" aufzulösen und stattdessen unaufgeregt über den Islam und Muslime in Deutschland zu sprechen. Auch in diesem Unterricht müssen Lehrwerke eingesetzt werden, die keine trennenden Sichtweisen herstellen, sondern den Islam in seiner Vielfalt zeigen und Identifikationsangebote für Mädchen und Jungen machen. Deutschlands Muslime sollten darin so divers erscheinen, wie sie sind und nicht, wie es manchmal der Fall ist, auf eine bestimmte Herkunft festgelegt werden.

Zusammenarbeit statt Konfrontation

Gute Schulbücher sind jedoch nicht alles: Einige meiner Studierenden berichten auch von engagierten Lehrerinnen und Lehrern, die die vielfältige Zusammensetzung ihrer Klassen im Unterricht berücksichtigen. Zum Beispiel, indem sie  im Mathematikunterricht erwähnen, dass der Begriff Algorithmus auf den persisch-arabischen Mathematiker al-Khawarizmī zurückgeht. So zeigen sie ganz nebenbei, dass Wissenschaft und Zivilisation eine gemeinsame Leistung verschiedener Kulturen sind. Und: Sie setzen an die Stelle der Konfrontation die Zusammenarbeit.

Über die Autorin

Silvia Horsch arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. Sie studierte Germanistik und Arabistik in Berlin und promovierte zu frühislamischen Märtyrerfiguren. Seit 20 Jahren ist Silvia Horsch Muslimin. Es ist ihr wichtig, sich am gesellschaftlichen Diskurs über den Islam und muslimische Frauen zu beteiligen. Mit der Website Nafisa.de zum Beispiel. "Nafisa" ist auch auf Facebook vertreten und hat einen eigenen Youtube-Kanal.

Zum Nachhören
02:56

Klischees laut Lehrplan? Der Islam in Schulbüchern

28.04.2017 15:20 Uhr
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Die Darstellung des Islam ist in vielen Schulbüchern zu einseitig. Oft fehle der differenzierte Blick, findet Silvia Horsch in ihrem Gastbeitrag. Audio (02:56 min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Freitagsforum | 28.04.2017 | 15:20 Uhr

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