Stand: 25.08.2017 16:11 Uhr

"Kinder wollen eine echte, lebendige Beziehung"

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Herbert Renz-Polster beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der kindlichen Entwicklung. Er ist selbst Vater von vier erwachsenen Kindern.

"Tyrannenkinder" lautet das Schlagwort, das sich immer wieder durch die aktuellen Erziehungsdebatten in der Gesellschaft zieht. Annkathrin Bornholdt hat über das Thema "Tyrannenkinder" mit dem Kinderarzt, Buchautor und vierfachen Vater Herbert Renz-Polster gesprochen. Er hat zahlreiche Bücher zum Thema Kindesentwicklung und -erziehung geschrieben. Zuletzt erschienen: "Kinder verstehen" und "Menschenkinder". Renz-Polster ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mannheimer Institute of Public Health und betrachtet kindliches Verhalten vor allem aus evolutionsbiologischer Sicht. Er ist außerdem Verfasser des Blogs "Kinder verstehen".

"Kinder wollen erfolgreich groß werden"

Wenn Sie von "Tyrannenkindern" und überforderten Eltern hören, was denken Sie dann? Sind Eltern wirklich nicht mehr erziehungsfähig?

Herbert Renz-Polster: Speziell der Vorwurf, dass Kinder zu Tyrannen werden, ist sehr alt. Ich glaube, da schwingt immer auch die Angst mit, dass unsere Kinder auf die Welt kommen, um sich mit Macht zu versorgen und das Heft in die Hand zu nehmen. Ich glaube aber, dass unsere Kinder ganz andere Ziele haben. Die haben nämlich das Ziel, erfolgreich groß zu werden. Dazu brauchen sie ihre Eltern. Deswegen muss die Frage eher lauten, was suchen die Kinder und was finden sie bei ihren Eltern und was nicht. Vielleicht haben Eltern auch Schwierigkeiten.

Was können das für Schwierigkeiten sein?

Erziehung © picture-alliance / Presse-Bild-Poss Fotograf: Oscar Poss

Erziehung ist nicht nur Elternsache

NDR Kultur -

Wenn Kinder auffällig werden, wird schnell der Ruf nach mehr Durchsetzungsfähigkeit der Eltern laut. Anstatt die Schuld allein bei den Eltern zu suchen, sieht Renz-Polster auch die Gesellschaft in der Verantwortung.

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Renz-Polster: Es ist schwierig, mit kleinen Menschen zu leben. Denn kleine Menschen sind auf Beziehungen angewiesen. Kinder wollen in eine echte und lebendige Beziehung und in den Austausch eintauchen. Sie suchen das Signal: Ich bedeute dir was, ich bin für dich da, ich bin dein Begleiter, wenn du in Not bist. Das klingt so leicht. Aber das ist unheimlich schwierig für Eltern heute. An denen wird viel gezogen und gerüttelt. Sie sollen möglichst früh auf dem Arbeitsmarkt aufschlagen. Sie sollen ihren Mann und ihre Frau stehen im Wertschöpfungsprozess. Sie sollen einen hohen Freizeitwert haben. Von Kindern aus betrachtet, ist es schon ganz schön schwierig in der Welt anzukommen. Denn die für Kinder wichtigste Ressource, nämlich Zeit, Raum und Gelegenheit, sich aufeinander einzustellen, ist unter Druck geraten.

Ist die Forderung nach mehr Grenzen und mehr Durchsetzungsvermögen also falsch?

Renz-Polster: Wo Beziehungen funktionieren, da funktionieren auch die Grenzen und da funktioniert auch Freiheit. Nur das wird alles zu einem verkrampften Thema, wenn wir nicht in der Lage sind, im Alltag echt und verlässlich miteinander zu leben. Das ist eher das Problem.

Kinder sind heute schon genug Grenzen ausgesetzt - Freiräume sind eher weniger geworden. Aber ein echtes Miteinander, das Kinder stärkt und stützt auf ihrem Weg, ist schwieriger geworden. Aber nur auf so einer Basis kann man Grenzen setzen.

Fehlt Eltern diese Orientierung, weil zu viele Ratschläge und Meinungen auf sie einprasseln?

Renz-Polster: Das glaube ich nicht. Auch in Zeiten, als es wenige Ratgeber gab, wussten Eltern nicht automatisch, was richtig ist. Denken Sie an die Kaiserzeit oder den Nationalsozialismus. Da sind die Eltern mit ihren Kindern sehr grausam umgegangen. Das treibt uns heute einen Schauer über den Rücken. Babys nachts schreien lassen, nur alle vier Stunden an die Brust und so weiter. Es ist nicht so, dass Eltern früher unbedingt besser wussten, was zu tun ist. Auch ein Waisen- oder Scheidungskind hatte früher schwere Bürden zu tragen, weil es eine ganz schreckliche Sonderstellung hatte. Heute sind wir da wirklich weiter. Wir haben viel Land gewonnen im Umgang mit Kindern.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 28.08.2017 | 14:20 Uhr

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