Stand: 16.06.2016 19:32 Uhr

Integrationsstudie: "10 bis 15 Prozent fundamentalistisch"

Es wird so viel über Integration gesprochen, dass manchmal das Einfachste oft zu kurz kommt, nämlich der Wechsel der Perspektive. Wie nehmen es eigentlich jene wahr, die schon lange im Lande leben? Wie geht es den aus der Türkei stammenden Mitbürgern erster, zweiter, dritter Generation? Wie stehen sie zu diesem Deutschland, wie fühlen sie sich angenommen? Dies herauszufinden war ein Ziel der Studie "Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland". Ihre Ergebnisse sind es wert, mit dem Leiter der Studie ins Gespräch zu kommen, dem Religionssoziologen Prof. Dr. Detlef Pollack vom Exzellenzcluster Religion und Politik der Uni Münster.

NDR Kultur: Herr Pollack, viele Zahlen, die Sie ermittelt haben, wirken eindrucksvoll positiv. Mehr als zwei Drittel der Befragten wollen sich "unbedingt und ohne Abstriche" in die deutsche Gesellschaft integrieren. Aber was bedeutet das konkret, auf welche Parameter bezieht sich eine solche Willensbekundung?

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Der Leiter der Studie: Prof. Dr. Detlef Pollack.

Detlef Pollack: Sie bezieht sich auf der einen Seite auf die Bereitschaft teilzuhaben an der Gesellschaft, Kontakte aufzunehmen zu Deutschen, zu Christen und zu Andersgläubigen; aber auch darauf, dass man das Bildungsniveau bereit ist anzuheben und sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Diejenigen, die jünger sind, sind an dieser Stelle auch aktiver, engagierter und erfolgreicher als die älteren.

Offenbar ist das persönliche Wohlbefinden durchaus ausgeprägt: 90 Prozent fühlen sich eher wohl oder sehr wohl und 87 Prozent sprechen von einer engen oder sehr engen Verbundenheit mit Deutschland. Zugleich fühlen sich 85 Prozent aber auch der Türkei eng oder sehr eng verbunden. Ist denn beides gut miteinander zu integrieren in einer Situation, in der Präsident Erdogan vielen Deutschen ein höchst unangenehmer Partner geworden ist? Ist das nicht ein innerer Konflikt?

Pollack: Das ist ein innerer Konflikt und er ist ganz typisch für alle Zugewanderten. Sie wollen sich auf der einen Seite integrieren, aber auf der anderen Seite auch ihre Herkunftsprägung und ihre Bindung an die Herkunftsgesellschaft nicht einfach aufgeben, sondern beides miteinander verbinden. Wir haben auch danach gefragt, ob man sie stärker anpassen müsste an die deutsche Gesellschaft und sie sagten: Ja, wir müssen uns anpassen. Aber genauso viele sagen auch: Wir sollten selbstbewusst zu unserer eigenen Herkunft stehen und sie pflegen. Das ist der Spagat, den die Zugewanderten zu leisten haben. Sie wollen und sie müssen sich integrieren, zugleich wollen sie aber auch festhalten, ein positives Verhältnis haben zu ihrer Kultur, zu ihrer Religion. Um das miteinander zu verbinden, bedarf es besonderer Anstrengung. Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir als Angehörige der Mehrheitsgesellschaft dafür mehr Verständnis aufbringen.

Sie sprechen von der Religion. Wie ist es zu deuten, wenn 47 Prozent es für wichtiger halten, die Gebote des Islam zu befolgen, als die deutschen Gesetze zu achten? Solange beides im Einklang miteinander steht, ergibt sich kein Problem. Was aber, wenn nicht?

Pollack: Wir haben versucht, fundamentalistische Einstellungen zu erfassen. Das war eine Frage, die wir in dem Zusammenhang gestellt haben. Wir haben auch gefragt, ob man der Meinung ist, man sollte zurückkehren zu den Gesellschaftsverhältnissen wie zu Zeiten Mohammeds. Oder ob man der Meinung ist, dass nur der Islam die Lösungen zu den Problemen unserer Zeit hat. Ungefähr ein Drittel bejaht das. Wenn man das alles zusammenfasst und versucht, verschiedene Facetten und Dimensionen solcher fundamentalistischer Einstellungen zu erfassen, dann sind es zwischen zehn und 15 Prozent der Türkeistämmigen in Deutschland, die wir als fundamentalistisch bezeichnen würden. Das ist relativ viel.

Die Frage danach, ob die religiösen Gebote wichtiger sind als staatliche Gesetze, sollte man nicht überschätzen. Es gibt auch im Christentum ähnliche Aussagen, z.B. dass man Gott mehr gehorchen sollte als dem Menschen - und da stimmen auch sehr viele zu. Es ist eine Verbundenheit mit der Religion und wenn es wirklich hart auf hart kommt, ist die Frage, ob man sich nicht doch an die staatlichen Gesetze hält und bereit ist, sich an vielen Stellen anzupassen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.06.2016 | 19:00 Uhr

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