Stand: 10.01.2014 15:25 Uhr

Vom "Judenschloss" zur Nachwende-Ruine

Die "Villa Baltic" dominiert die Promenade in Kühlungsborn-West: Seit Jahren steht das neobarocke Gebäude leer und verfällt immer mehr.

"Das selten schöne Gebäude, der außergewöhnlich große, herrliche Park, in dem es steht, die Lage unmittelbar am Meer bieten die prachtvollsten Möglichkeiten der Erholung für die müden Nerven der geistigen Arbeiter": So schwärmerisch beschreibt die Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums die "Villa Baltic" in Arendsee Anfang der 1930er-Jahre. Das im Inneren mit Marmor ausgestattete Haus dient den jüdischen Akademikern zu dieser Zeit als Erholungsheim. Der breite kilometerlange Ostseestrand liegt direkt vor der Tür, das neobarocke Anwesen dominiert mit seiner säulengestützten Veranda, den Erkern, Türmchen und dem reich verzierten Giebel die Promenade.

Mehr als 80 Jahre später ist die Villa Baltic immer noch ein beeindruckendes Haus - weiterhin das schönste in ganz Kühlungsborn, wie der Ort mittlerweile heißt. Doch statt prachtvoller Erhabenheit verströmt der Bau nun eine morbide Melancholie: Die hohen Fenster sind mit Sperrholz vernagelt, die Wände im Erdgeschoss mit Graffiti besprüht, aus der Balkonbalustrade ist das mittlere Stück herausgebrochen. Seit Jahrzehnten steht das Gebäude leer - und so mancher Kühlungsborn-Besucher vor der Frage, wie es so weit kommen konnte. Keine Gedenktafel erinnert an die Erbauer, kein Hinweisschild klärt über die wechselvolle Geschichte auf. Dabei ist die Historie der Villa exemplarisch: Sie steht als Spiegelbild für die deutsch-jüdische und deutsch-deutsche Geschichte des kompletten vergangenen Jahrhunderts und erzählt von Aufbruch, Enteignung, Vergessen, Neuanfang und Verfall.

Das Schloss hinter den Dünen verfällt

Vom luxuriösen Privathaus zum Ferienheim für jüdische Akademiker

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Auf diesem Foto von Anfang der 1930er-Jahre liegt das Erholungsheim der Hausmann-Stiftung hinter einem gepflegten Park.

Die Spurensuche führt zunächst in die Heimatstube, ein kleines Museum in Kühlungsborn: In einem Schaukasten wird hier der jüdische Ursprung des Hauses thematisiert. Ein Foto zeigt Wilhelm und Margarete Hausmann. Der Berliner Rechtsanwalt und Notar lässt die Villa von 1910 bis 1912 für 2,5 Millionen Goldmark errichten - als Privathaus. Das Ehepaar bleibt kinderlos. Margarete Hausmann vermacht die Immobilie später der jüdischen Hochschule. 1931 eröffnet die ein Jahr zuvor gegründete "Akademische Gesellschaft Hausmann-Stiftung" darin ihr Erholungsheim, das bereits im ersten Jahr von 104 jüdischen Besuchern besucht wird: "Der Preis für volle Pension mit bester Verpflegung (rituell) beträgt täglich RM 5."

Arendsee ist damals bereits seit Längerem ein beliebter Ferienort für jüdische Familien. Viele haben hier ihre Sommerresidenzen errichtet. Die Besucher schicken Grüße nach Hause, in denen von der Sommerfrische in "Aronsee" die Rede ist. "Dieser Name hat sich unter den jüdischen Besuchern anstelle von Arendsee eingebürgert", erklärt Wolfgang Baade vom Heimatverein. Auf den Postkarten heißt es dann beispielsweise: "Oh, wie wunderschön ist Deutsch-Jerusalem in Aronsee!"

Nach der Machtübernahme der Nazis: "Arendsee wird judenrein"

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Vom jüdischen Erholungsheim zur Nazi-Villa: Nach der Enteignung der Hausmann-Stiftung weht eine Hakenkreuzfahne auf dem Dach der "Baltic".

Mit der Ferienidylle hat es jedoch schon bald ein Ende. Alexander Schacht von der Denkmalschutzbehörde Bad Doberan hat Dokumente zusammengetragen, die zeigen, wie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 eine judenfeindliche Einstellung in Arendsee um sich greift. Eine Hetzkampagne gegen das "Judenbad" richtet sich auch speziell gegen die "Villa Hausmann". Sie wird von den Nazis als "kommunistischer und jüdischer Marmorpalast" oder ganz einfach als "Judenschloss" diffamiert. Im Juli 1935 titelt der "Niederdeutsche Beobachter": "Arendsee wird judenrein". Die Nationalsozialisten enteignen kurz darauf die Hausmann-Stiftung. Im Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 17. März 1936 heißt es lapidar: "Die Satzung vom 2. Januar 1930 wird aufgehoben, weil die Erfüllung des Stiftungszwecks nicht mehr möglich ist. Das Stiftungskapital wird dem Gemeindevermögen zugeführt."

Das Ferienheim für jüdische Akademiker wird dem Reichspropagandaministerium unterstellt und zum Gästehaus der "Joseph-Goebbels-Stiftung für Bühnenschaffende". Auf dem Dach weht fortan die Hakenkreuzfahne. Auch der Ortsname Arendsee verschwindet. Zum 1. April 1938 wird das Ostseebad mit dem benachbarten Brunshaupten und dem Dorf Fulgen zum Ostseebad Kühlungsborn zusammengelegt. Laut Wolfgang Baade ist auch die jüdische Bezeichnung "Aronsee" ein Grund für die Umbenennung: "Der Name musste verschwinden."

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 30.10.2013 | 19:30 Uhr

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