Stand: 18.01.2013 13:37 Uhr  | Archiv

1971: Notlandung auf Autobahn 7 misslingt

Ein Ort des Grauens: Rettungskräfte suchen in den Wrackteilen der notgelandeten Maschine nach Überlebenden.

115 Passagiere warten am 6. September 1971 in Hamburg-Fuhlsbüttel auf ihren Flug Richtung Südspanien und freuen sich auf ihren Urlaub. Doch in Málaga kommen sie nie an. Kurz nach dem Start um 18.19 Uhr fangen die Triebwerke des vollbesetzten Charterflugzeugs vom Typ British Aerospace 1-11 Feuer. Der Flugzeug-Kapitän der Münchner Gesellschaft Paninternational reagiert schnell und setzt zur Notlandung auf der A 7 bei Hasloh wenige Kilometer nördlich von Hamburg an.

Beide Triebwerke explodieren gleichzeitig

"In dem Moment, als das Kerosin in das Triebwerk kam, explodierten gleichzeitig beide Triebwerke. Das ging bang, bang. Beide Triebwerke waren praktisch ohne Schub", erinnert sich der damalige Kapitän Reinhold Hüls in einem Interview mit dem Schleswig-Holstein Magazin an die schrecklichen Minuten. "Nach dem Ausfall der Triebwerke war die verbleibende Zeit nur noch 42 Sekunden bis zum Aufsetzen. Ich war mir ziemlich sicher, dass die Notlandung durchaus machbar war. Ich hatte keine Zweifel, dass mir das auch gelingen würde", so Hüls.

Flugzeug zerschellt an Brücke

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An dieser Autobahnbrücke der A 7 zerschellte das Flugzeug bei dem Versuch einer Notlandung.

Unglücklicherweise steht dabei eine Brückenüberführung des im Bau befindlichen Autobahnteilstücks im Weg. Die Maschine prallt gegen die Brückenpfeiler. Hülst selbst verliert durch den Aufprall sein Bewusstsein. Erst nach Minuten kommt er wieder zu sich. Das Flugzeug gerät sofort in Brand. Der Rauchpilz ist bis in die Hamburger Innenstadt zu sehen. Ein Crew-Mitglied und 21 Passagiere kommen in den Flammen ums Leben. "Wenn man 22 Tote auf dem Gewissen hat, ist das nicht leicht wegzustecken", sagt Hüls heute. Doch durch sein waghalsiges Mannöver rettet er den übrigen 99 Insassen das Leben.

99 Menschen überleben

Von den 99 Überlebenden werden 45 zum Teil schwer verletzt. Rund 60 Krankenwagen, elf Feuerwehren, zwei Unfalldienste sowie Hubschrauber der Polizei und Bundeswehr werden zum Unfallort beordert. Mehr als 280 Polizisten, davon 230 aus Schleswig-Holstein, sind im Einsatz. Experten des Luftfahrtbundesamtes in Braunschweig treffen noch am Abend an der Absturzstelle ein. Das Flugzeugwrack wird anschließend nach Braunschweig gebracht. Dort wird das Triebwerk zerlegt und untersucht.

Die BAC 11-1

Die BAC 1-11 ist ein zweistrahliges Passagierflugzeug des britischen Herstellers British Aircraft Corporation. Es hat ein einziehbares Bugradfahrwerk sowie eine Druckkabine. Beide Triebwerke befinden sich seitlich am Heck. Der Erstflug der 1-11 startete am 20. August 1963 vom südenglischen Flughafen Bournemouth. Die Indienststellung erfolgte am 9. April 1965. In dem Flugzeug finden bis zu 119 Passagiere Platz. Es ist fast 33 Meter lang, knapp 7,50 Meter hoch und hat eine Spannweite von 28,50 Metern.

Zwei Rolls-Royce-Spey-Triebwerke bringen die Maschine auf eine Gipfelhöhe von 9.000 Metern. Mit einer Tankfüllung kann sie etwa 2.800 Kilometer weit fliegen. Der Serienproduktion endete 1980 in Bournemouth. Die gesamte 1-11-Flotte umfasste 245 Flugzeuge. Das letzte Exemplar wurde im Juli 2010 von der Royal Air Force Oman ausgemustert.

Kerosin irrtümlich in Tanks gefüllt

Bereits wenige Tage nach dem verheerenden Flugzeugunglück wird der Grund für den Triebwerksbrand bekannt: Die Ermittlungen ergeben, dass statt destilliertem Wasser irrtümlich eine mit brennbarem Kerosin gemischte Flüssigkeit in die Zusatztanks der One-Eleven gefüllt wurde. Destilliertes Wasser wird bei schwierigen Wetterverhältnissen und voller Beladung eingesetzt, um die Schubkraft der Maschine zu erhöhen, was in Hamburg für den Start des Flugzeugs nötig war. Aufgrund der falschen Betankung überhitzten die Flugzeugtriebwerke und gerieten in Brand.

Nach zwei langwierigen Prozessen verurteilte das Landgericht Kiel 1976 einen Elektriker und einen Flugzeugmechaniker von Paninternational, die den verhängnisvollen Fehler begangen hatten, zu je 1.500 Mark Geldstrafe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen / Unsere Geschichte / 20.01.2013 / 12:30 Uhr

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