Stand: 08.02.2017 17:57 Uhr

Starkes Deutsches Kino auf der Berlinale

von Christian Berndt

Seit 2002 ist die "Perspektive Deutsches Kino" eine feste Institution auf der Berlinale. Gegründet wurde sie, um filmische Innovationen zu fördern und dem deutschen Kino wieder größere Geltung zu verschaffen. Ob das gelungen ist, bleibt umstritten. Immerhin sind dieses Jahr im Wettbewerb gleich drei deutsche Filme vertreten. In der Perspektive gibt es 14 Erstlingsfilme von Nachwuchsfilmemachern zu sehen, die aus über 300 Einreichungen ausgewählt wurden. Dominierte letztes Jahr das Thema Flüchtlinge, ist das Programm dieses Mal auf den ersten Blick weniger tagespolitisch aktuell. Aber es zeigt sich, dass die Jungregisseure dieses Jahr sehr genau auf die Gesellschaft schauen.

Ein präziser Blick auf den Menschen

Die letzten Gäste sind weg, der siebenjährige Adrian strahlt überglücklich. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie er lebt: Seine Mutter und ihr Freund sind Junkies und ziehen sich in der versifften Wohnung regelmäßig Drogen rein. Aber die junge Mutter geht auch sehr liebevoll mit ihrem Sohn um.

Regisseur Adrian Goiginger zeigt in seinem autobiografischen Debütfilm "Die beste aller Welten" keine Drogenhölle, sondern bietet eine differenzierte und zugleich empathisch erzählte Milieustudie. Der präzise, aber auch anerkennende Blick auf Menschen in ihren sozialen Verhältnissen ist auffallend in Filmen der diesjährigen "Perspektive Deutsches Kino".

Perspektiven in unsicheren Zeiten

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Linda Söffker leitet die Sektion "Perspektive Deutsches Kino" bei der Berlinale.

Ein Zeichen der Zeit, wie Sektionsleiterin Linda Söffker meint: "Man will, glaube ich, sagen, 'Es geht auch anders'. Die jungen Leute wollen zeigen, es gibt den Ausweg, und jeder einzelne kann was tun dafür, dass diese Welt besser wird. Ich glaube schon, dass es so ein Empfinden gibt. An irgendetwas muss man ja glauben und sich an etwas festhalten, wenn die Welt um uns herum unsicher ist. Und man muss in seinem kleinen Rahmen anfangen. Und dabei entstehen eben diese kleinen Heldenfiguren, die eine Geschichte tragen."

Das Thema Familie im Fokus

Die Heldin im Spielfilm "Back for Good" hat gerade einen Drogenentzug hinter sich und will nun - als momentan wenig gefragtes C-Promi-Sternchen - die Karriere im Dschungelcamp wiederbeleben. Angie könnte schnell zur Witzfigur werden, aber auch hier wird die Protagonistin ernstgenommen.

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Kim Riedle spielt die Hautrolle in Mia Spenglers Film "Back for Good".

Die Spielfilme der Perspektive sind wieder stark auf familiäre Themen ausgerichtet - anders als letztes Jahr ist etwa das Thema Flüchtlinge nur in den kürzeren Filmen vertreten. Aber es wird viel über die Gesellschaft erzählt, meint auch Linda Söffker: "Wann ist ein Film politisch? Wenn ein Film sehr an den Lebensverhältnissen kratzt. Also das authentisch und glaubwürdig erzählt, dann ist das ja auch eine gesellschaftspolitische Kritik. Wenn man ein Bild zeichnen kann: Wo leben wir und wie hebt sich das von denen ab, die auf der anderen Seite der Straße leben?"

Utopie auf einer Apfelplantage

Einen explizit politischen Ansatz verfolgt die Komödie "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes". Dem erfolglosen, jungen Filmemacher Julian bietet das Arbeitsamt einen Job auf einer Apfelplantage an. Zusammen mit einer bunten Truppe von Niedriglöhnern landet der Großstadt-Intellektuelle auf einem ländlichen Gut, das sich allerdings als absoluter Ausbeuterbetrieb herausstellt. Deshalb denken seine Kollegen über einen kommunistischen Umsturz nach.

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Regisseur Julian Radlmaier wählt für seinen Film "Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes" die Form der burlesk-absurden Komödie.

Als die Plantagenleiterin auf eine Harke tritt, ist die Gelegenheit da. Julian aber mag sich nicht anschließen - was er später selbstkritisch bereut. Regisseur Julian Radlmaier erklärt warum: "Das eine ist so eine Art Selbstkritik von jemandem, der aus einer gewissen bürgerlichen Mittelschicht kommt, keine Solidarität entwickelt, sondern eigentlich nur den Wunsch, die nächste Gelegenheit zu ergreifen, die Leiter der Gesellschaft nach oben zu klettern. Und auf der anderen Seite geht es um eine Gruppe von Apfelpflückern, die an einem gewissen Moment darüber nachdenken, ob sie die Dinge nicht selber in die Hand nehmen, und darin steckt für mich so ein utopischer Kern."

Für seine gesellschaftliche Analyse hat Radlmaier die Form der burlesk-absurden Komödie gewählt, aber er meint es ernst: "In einem Chaplin-Film wird ja auch zum Beispiel die ganze Brutalität einer kapitalistischen Gesellschaft dargestellt, aber immer auch mit der Möglichkeit der Figur, auf eine Art Widerstand zu leisten, die irgendwie auch Spaß macht. Das finde ich ein tolles Potential."

Bemerkenswert reife Filme

Ob in der Komödie oder im Sozialdrama - die diesjährigen jungen Filmemacher schauen genau hin und treffen den Jargon der Figuren. Darin liegt das größte Potential dieses Jahrgangs, der einige bemerkenswert reife Filme hervorgebracht hat.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.02.2017 | 15:40 Uhr

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