Stand: 06.09.2017 10:44 Uhr

Al Gore: "Klimakrise muss bewusst werden"

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Al Gore, Jahrgang 1948, erhielt 2007 zu gleichen Teilen mit der "Intergovernmental Panel on Climate Change" den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen für das Klima.

Seit seinem Ausstieg aus der Politik hat sich der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore dem Kampf gegen die Klimaerwärmung verschrieben. Seine weltweite Vortragsreihe war Basis für den Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" und erhielt 2006 den Oscar. Nun kommt die Fortsetzung in die Kinos: "Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft" mit einem unermüdlichen Al Gore als Protagonisten. NDR.de hat den Friedensnobelpreisträger zum Interview getroffen.

Sie bewahren in der Öffentlichkeit - und im Film - immer die Contenance. Auch bei herben Rückschlägen ...

Al Gore: Jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, geht irgendwann durch schwere Zeiten, in denen Hoffnung und Verzweiflung nicht immer im Gleichgewicht sind. Aber es gibt ein wunderbares Beispiel: In den USA kam einmal ein Mann auf der Straße auf mich zu, der sich als Verantwortlicher eines sehr angesehenen konservativen Think Tanks (Denkfabrik, Ideenfabrik, Anm. d. Red.) vorstellte, für den er 20 Jahre lang gearbeitet hatte. In dieser Zeit war er der Verantwortliche für das Leugnen des Klimawandels. Er entschuldigte sich bei mir, sagte mir, ich habe ihn überzeugt, und er würde jetzt für die andere Seite arbeiten.

Apropos die andere Seite: Ihre objektiven Warnungen verleiten noch immer viele Klimawandel-Leugner zu heftigen Reaktionen. Möchten Sie nicht manchmal einfach zurückblaffen?

Gore: Ich war lange in der Politik, da habe ich mir ein dickes Fell zugelegt. Eine Filmszene zeigt die Reaktion von Donald Trump auf eine Sequenz aus dem ersten Teil. Er meinte, ich solle meinen Friedensnobelpreis zurückgeben. Nun ja, wenn einem die Botschaft nicht gefällt, wird gern der Überbringer angegriffen.

Da war Trump aber noch nicht Präsident. Nach der Fertigstellung des im Grunde optimistischen Films wurde er aber dann tatsächlich US-Präsident - und kündigte den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen an, an dessen Erfolg - so ist es im Film zu sehen - Sie maßgeblich beteiligt waren.

Gore: Schon bei der Premiere beim Sundance Festival ahnten wir, dass wir den Film aufgrund der anstehenden Wahl wohl würden umschneiden müssen. Aber meine Erfahrung lehrt mich, diese Wahl im Kontext zu betrachten. Jede Aktion ruft eine Gegenreaktion vor. Trump ruft gerade sehr viele Gegenreaktionen auf seine Klima-Absurditäten hervor! Ich glaube, er hat sich selbst isoliert. Es gab durchaus schon andere gewählte Präsidenten, die sich weigerten zu handeln und den Kampf gegen den Klimawandel aufzunehmen.

Führen Sie einen Kampf gegen den Klimawandel oder gegen die Leugnung des Klimawandels?

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Zeuge des Klimawandels vor Ort: Al Gore ist nach Grönland gereist.

Gore: Ich sehe das als ein und dieselbe Sache. Um die Klimakrise zu bekämpfen, müssen wir ein Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit schaffen, eine Grassrootbewegung (deutsch in etwa: eine Basisbewegung, Anm. d. Redaktion) die dann von den Politikern verlangt, mit dem Leugnen der Fakten aufzuhören. Ich sage Ihnen, die Leugner sind auf dem Rückzug. Manche machen allerdings den Eindruck, als hätten sie innerlich einem Telepromter mit einer Wiederholungsschleife von Fox News laufen.

Sie bewegen sich zielsicher auf dem internationalen politischen Parkett, zweifelsohne ein Vorteil bei ihre jetzigen "Mission".

Gore: Meine Erfahrung als Politiker öffnet mir sicher sehr viele Türen. Manche sind dadurch vielleicht auch verschlossen geblieben, aber auf die achte ich nicht so sehr. Ich empfinde es als großes Glück, über die Kontakte zu Politikern und Geschäftsmännern zu verfügen und meinerseits Türen zu öffnen ...

Sie sind nicht gerade der Prototyp eines Umweltaktivisten. Sie sind ein reicher Mann und verdienen auch Geld mit erneuerbaren Energien. Sind Sie so etwas wie ein linker Kapitalist?

Gore: Diese Bezeichnung würde ich nicht benutzen. Ich sehe mich als Anwalt und Aktivist. Und als Geschäftsmann setze ich mich für bestimmte Produkte ein. Vielleicht also eher ein nachhaltiger Kapitalist?

Man könnte den Film auch als Al-Gore-One-Man Show betrachten ...

Gore: Es war die Entscheidung der Regisseure, mich zwei Jahre lang zu begleiten und das Thema aus meiner Perspektive zu betrachten. Insofern sind sie dafür verantwortlich, dass es jetzt ist, was es ist. Ich finde, sie haben einen großartigen Job gemacht.

Die Fragen stellte Bettina Peulecke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 06.09.2017 | 06:55 Uhr

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