Stand: 23.08.2017 16:03 Uhr

High Noon in Bulgarien

Western
, Regie: Valeska Grisebach
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Auf den vergangenen Filmfestspielen von Cannes wurde "Western", der neue, in Bulgarien gedrehte Film der Berliner Regisseurin Valeska Grisebach gefeiert. Vor allem die Spielfreude ihrer nicht-professionellen deutschen und bulgarischen Darsteller wurde gelobt. Nun kommt der Film bei uns ins Kino.

Tatsächlich will Meinhard nur Geld verdienen, auf Montage in Bulgarien. Der hochgewachsene schweigsame, etwa 50-jährige Mann mit dem sächsischen Einschlag und der gedrungene Vorarbeiter Vincent begegnen sich zu Beginn dieses Films abschätzend, austestend. In einem Flusstal nicht weit von der bulgarisch-griechischen Grenze sollen die Männer ein kleines Wasserkraftwerk errichten. Eine Holzbaracke wird errichtet, die deutsche Flagge gehisst. Immer wieder werden die Arbeiten aufgehalten, durch Material- und Wassermangel. So bleibt der Kamera genügend Zeit, die Männer zu beobachten. Vor allem beim Sprücheklopfen. Über Schießtechniken zum Beispiel.

Aus Bauarbeitern werden Cowboys

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Meinhard (Meinhard Neumann) gerät mit seinem Vorarbeiter Vincent (Reinhard Wetrek) schnell aneinander.

Ein deutscher Western, der in Bulgarien spielt? Deutsche Bauarbeiter, die plötzlich wie Cowboys oder Pioniere wirken? In einer Landschaft, die wild und ungezähmt aussieht? Tatsächlich hat Valeska Grisebachs Film "Western" alles, was ein Western so braucht: einen coolen Helden und seinen Gegenspieler. Eine Frau, um die beide buhlen. Ein Pferd, ein Gewehr und die endlose Weite einer majestätischen Wald- und Berglandschaft und die zunächst fremd wirkenden Einheimischen.

Irgendwann entdecken die Männer ein Dorf in der Nähe ihres Camps. Wie kommt man an Zigaretten, wenn man kein Wort Bulgarisch spricht?

Besetzungsprinzip: Echtheit

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Eine Geste der Eroberung oder doch der Angst vor dem Fremden? Meinhard und Vincent hissen eine Deutschlandfahne über Bulgariens Weiten.

Sowohl die deutschen als auch die bulgarischen Figuren von "Western" werden gespielt von Laien-Darstellern. Ihre Bauarbeiter fand Valeska Grisebach im wirklichen Bauarbeitermilieu. Doch nicht eine Sekunde lang hat man das Gefühl, dass die Männer sich selbst spielen. Es sind einfach Typen, die auf sehr wahrhaftige Weise in ihrer Haut stecken. So wie Meinhard Neumann, der hochgewachsene hagere Held. Viel erfährt man nicht über ihn. Nur, dass er als Söldner im Irak kämpfte. In der sommerlichen Hitze des Flusstales besitzt er die Aura eines einsamen Wolfs. Meinhard wird sich mit Adrian aus dem nahen bulgarischen Dorf anfreunden. Eine gemeinsame Sprache gibt es nicht. Noch nicht.

Perfekte Genre Archetypen

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Regisseurin Valeska Grisebach ist mit "Western" sowohl ein atmosphärisch-dichter als auch ein Genre-treffender Film gelungen.

Ganz klar, Meinhard hat mehr Gefühle und Sehnsüchte als sein meist unbewegtes Gesicht verraten will. Immer wieder gerät er mit Vincent, dem Vorarbeiter aneinander. Während unser Held mit einer Bulgarin aus dem nahe gelegenen Dorf flirtet, verlegt sich sein Konkurrent auf plumpe Anmache. Während Meinhard sich mit einem in der Nähe weidenden Pferd anfreundet, es reitet, versucht Vincent das Tier zu bezwingen. Während Meinhard den Bulgaren mit Offenheit und Neugier begegnet, betrachtet Vincent sie misstrauisch als Fremde.

"Western" ist ein Film der Spannungsverhältnisse. Da ist die Spannung zwischen dem Realismus der Figuren und dem Sehnsuchtsraum des Western-Genres; dem Sehnsuchtsraum einer Geschichte über Männer, Freiheit und die Lust auf Abenteuer. Da ist die Spannung zwischen einer ruhigen Kamera und einer dynamischen Montage, die die Konflikte und Rivalitäten auf den Punkt bringt. Noch taxieren sich Meinhard und Vincent einander nur mit Blicken. Zum Glück gehört es zum Gesetz des Western, dass man sich um seine sehr coolen Helden keine Sorgen machen muss.

Western

Genre:
Western
Produktionsjahr:
2017
Produktionsland:
Deutschland, Bulgarien, Österreich
Zusatzinfo:
mit Meinhard Neumann, Reinhardt Wetrek, Syuleyman Alilov Letifov, Veneta Frangipova, Viara Borisova
Regie:
Valeska Grisebach
Länge:
121 min.
FSK:
FSK ab 12 Jahren
Kinostart:
24. August 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 24.08.2017 | 07:20 Uhr

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