Stand: 01.02.2017 14:00 Uhr

"The Salesman": Krimi, Sittenbild und Ehedrama

The Salesman
, Regie: Asghar Farhadi
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Für seinen Film "The Salesman" wurde der iranische Oscargewinner Asghar Farhadi ("Nader und Simin oder Szenen einer Ehe") nach 2012 wieder für den begehrtesten Filmpreis der Welt nominiert. Falls er ihn bekommen sollte, wird er ihn nicht entgegennehmen. Aus Protest gegen Donald Trumps Einreiseverbot gegen den Iran, hat Farhadi seine Teilnahme an der Oscarverleihung abgesagt. "The Salesman" hat bereits beim Filmfestival von Cannes den Drehbuchpreis gewonnen.

Risse im Haus und in der Beziehung

Die Wohnung von Rana und Emad hat Risse, das Haus droht zusammenzubrechen. Ohne statische Absicherung hat ein Bagger das Nebenhaus abgerissen - Alltag in Teheran. Hals über Kopf ziehen die beiden in die Übergangswohnung, die ihnen ein Freund zur Verfügung stellt.

In Asghar Farhadis "The Salesman" wird der Riss zum immer wiederkehrenden Bild eines Films, in dem sich Kunst und Leben verschränken. Rana und Emad sind Mitglieder einer Theatertruppe, die gerade Arthur Millers Stück "Tod eines Handlungsreisenden" probt. Mit grau gepuderten Haaren spielen die beiden ein älteres Ehepaar, zwei Menschen, die einander entfremdet sind.

Dem Drama auf der Bühne folgt ein Drama im Leben des Paares: Rana ist im Krankenhaus. Emad eilt ins Hospital und trifft dort auf ein Nachbarspaar. Was ist geschehen?

Überfall führt zu einer Krise

Meisterlich umkreist dieser Dialog im Krankenhaus die Schweigegebote der iranischen Gesellschaft. Die Mischung aus Prüderie, Sensationslust und Verdrängung. Rana wurde von einem unbekannten Eindringling in der Dusche niedergeschlagen. Die Vormieterin der Wohnung wird erwähnt. Offenbar war sie eine Prostituierte. Aber dieses Wort darf man im Iran, wo es ja offiziell keine Prostitution gibt, nicht öffentlich aussprechen.

Der Vorfall bringt das Leben des Paares aus dem Tritt. Er, der engagierte Lehrer, geht tagsüber seiner Arbeit nach. Sie hat den Schock des Überfalls noch längst nicht überwunden und sitzt verängstigt in der Wohnung. Abends bearbeiten die beiden das Geschehen im Gespräch.

Langsam wird klar, dass das Drama, das Rana und Emad auf der Bühne in Arthur Millers Theaterstück spielen, in ihrer Beziehung, im wirklichen Leben angekommen ist. Eines Abends hat Rana während der Theatervorstellung einen Nervenzusammenbruch.

Der Iran auf dem Weg in die Moderne

"The Salesman" schildert die Krise eines Paares nach einem Verbrechen. Aber der Film handelt auch in einem umfassenden Sinne von den Geschlechterverhältnissen im Iran. Rana wünscht sich von ihrem Mann Rückhalt, Zärtlichkeit, Unterstützung durch Anwesenheit. Emad hingegen fühlt sich in seiner männlichen Ehre verletzt, sinnt auf Rache. In den zurückgelassenen Habseligkeiten der Vormieterin sucht er nach Spuren des Täters. Jedes weitere Gespräch scheint den Riss zwischen ihm und ihr nur zu vertiefen.

"The Salesman" ist Krimi, Sittenbild, Ehedrama. Der Film folgt Menschen, die im heutigen Teheran ein modernes Leben führen - aber nur in den eigenen vier Wänden. Draußen lauern überkommene Geschlechterbilder, lauert die Frage, was die Nachbarn denken, was man sagen darf oder verschweigen muss. Wieder einmal erweist sich Asghar Farhadi als feinsinniger, begeisternder Beobachter der iranischen Gesellschaft, auf dem Weg in ihre ureigene Moderne.

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The Salesman

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
Iran, Frankreich
Zusatzinfo:
mit Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi
Regie:
Asghar Farhadi
Länge:
123 min
FSK:
FSK ab 12 Jahre
Kinostart:
2. Februar 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 02.02.2017 | 19:20 Uhr

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