Stand: 06.12.2017 15:00 Uhr

"Clair Obscur": Schritte in die Freiheit

Clair Obscur
, Regie: Yeşim Ustaoğlu
Vorgestellt von Katja Nicodemus

Das Meer spielt eine der Hauptrollen im Film "Clair Obscur". Als wilde, ungezähmte, launische, wankelmütige, sanfte, aufbrausende Natur. Es ist das winterliche Meer der türkischen Mittelmeerküste. Hier, in einem kleinen Städtchen, führt der Film der Regisseurin Yeşim Ustaoğlu die Geschichten zweier Frauen zueinander.

Szene aus dem Film "Clair Obscur" © Real Fiction Filmverleih

Filmtrailer: "Clair Obscur"

Der Film "Clair Obscur" zeigt tiefe Einblicke in das Leben in der Türkei. Viele Lebensweisen lassen sich nicht so einfach in den Konflikt zwischen Moderne und Tradition fassen.

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Zwei sehr verschiedene Frauen

Chenaz, die eine, modern, selbstbewusst, autonom, absolviert im Krankenhaus die letzte Stufe ihrer Ausbildung als Psychiaterin. Am Wochenende fährt sie zurück in die Großstadt, wo sie mit ihrem Freund Cem in einer durchgestylten Wohnung lebt.

Elmas, die andere, ist sehr jung und lebt mit ihrem deutlich älteren Ehemann und dessen Mutter zusammen. Beide behandeln sie wie eine Dienstbotin, nachts zwingt sie der grobschlächtige Kerl, ihm sexuell zu Diensten zu sein.

Zwei Frauen, zwei Schicksale. Verbunden sind sie zunächst nur durch ihre gemeinsamen Blicke auf das Meer - und durch melancholische Bilder der kargen, halburbanen Landschaft, in der sie leben.

Gedächtnisverlust nach dem Unglück

Elmas wird in die Psychiatrie von Chenaz' Krankenhaus eingeliefert. Nachdem ihr Mann und ihre Schwiegermutter nachts an einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung gestorben sind, ist das junge Mädchen traumatisiert. Chenaz soll ihr helfen, ihre Erinnerung wieder zu finden.

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Nach dem Tod von Ehemann und Schwiegermutter kommt Elmas (Ecem Uzun) schwer traumatisiert ins Krankenhaus.

Gegenüber stehen sich Ärztin und Patientin. Eine moderne und eine dem Patriarchat unterworfene junge Frau. Freiheit und Unfreiheit. Aber ist das wirklich so? Das Meer, das mit aller Gewalt in die Nächte und Träume der Ärztin hereinbricht, scheint schon zu wissen, dass die Menschen und Beziehungen von ihrem festen Platz gespült, hinweggerissen werden.

Durch ihre Nähe zu Elmas, der traumatisierten, auf dramatische Weise dem Ehegefängnis entronnenen Frau, fängt die junge Ärztin an, ihre eigene Lebensweise zu hinterfragen. Was ist das für eine Beziehung zu dem gutaussehenden Cem? Was ist das für ein Leben, das so stylish wirkt, zwischen Designerlampen, Risotto und Pomerol?

Selbstbestimmung gegen Unterdrückung

Eine Rückblende zeigt die Party, auf der sich beide kennen lernten. Leidenschaftliche Küsse auf der Tanzfläche. Und doch: Sieht man hier nicht schon die Selbstbezüglichkeit des Mannes? Für einen türkischen Film sehr explizite Sexszenen zeigen, dass es ihm allein auf die eigene Befriedigung ankommt. Indessen spitzen sich im Krankenhaus die Geschehnisse dramatisch zu.

Nach der Befragung durch den Staatsanwalt erleidet Elmas einen Anfall und Zusammenbruch. Bei einer weiteren Therapiesitzung muss ihre Ärztin einer bitteren Wahrheit ins Auge sehen: Freiheit und Unfreiheit, Selbstbestimmtheit und Unterdrückung sind in der Türkei nicht ausschließlich eine Frage der Bildung, der gesellschaftlichen Schicht. Es gibt auch die verinnerlichte Unfreiheit der jungen Ärztin, die sich der Lebensweise ihres Freundes automatisch unterwirft.

Die zarte Romanze mit einem Krankenhauskollegen zeigt vielleicht einen Ausweg. Und wieder scheint das von den beiden ausgelassen begrüßte stürmische Meer die Dinge vorauszuahnen.

Wege zur Freiheit

"Clair Obscur" - der Titel von Yeşim Ustaoğlus Film - spielt auf die Hell-Dunkel-Malerei der Spätrenaissance an. Tatsächlich ist es die Fotografie, die diesem, seine Frauenschicksale manchmal ein wenig hart gegeneinander schneidenden Film seine Nuancen gibt. Der Blick auf ein sich zum Meer öffnendes Fenster im Morgengrauen. Die nicht fertig gebauten Häuser am Strand. Die fragenden, suchenden Kamerablicke auf die Gesichter der beiden Heldinnen.

So gelingt es diesem Film, wirkliche Einblicke auf ein von Nachrichtenbildern überlagertes Land zu geben. Er zeigt Lebensweisen, die sich nicht so einfach in den Konflikt zwischen Moderne und Tradition fassen lassen. Der Weg zur Freiheit geschieht in kleinen Schritten - für beide Heldinnen dieses Films.

Clair Obscur

Genre:
Drama
Produktionsjahr:
2016
Produktionsland:
Türkei, Deutschland, Frankreich, Polen
Zusatzinfo:
mit Funda Eryiğit, Mehmet Kurtuluş, Ecem Uzun
Regie:
Yeşim Ustaoğlu
Länge:
105 Min.
FSK:
FSK ohne Angabe
Kinostart:
7. Dezember 2017

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Filme | 07.12.2017 | 07:20 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/film/Drama-Clair-Obscur,clairobscur112.html

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