Stand: 30.08.2017 15:56 Uhr

Zwischen Glamour, Autorenkino und Radikalität

Die 74. Ausgabe des ältesten der großen Filmfestivals läuft vom 30. August bis zum 12. September in Venedig. Für uns vor Ort ist die Kinokritikerin Katja Nicodemus. Im Gespräch mit NDR Kultur Moderator Philipp Schmid bietet sie einen Ausblick auf das diesjährige Programm.

Wenn wir an Venedig denken und an Film, fällt uns vermutlich "Wenn die Gondeln Trauer tragen" oder "Tod in Venedig" von Luchino Visconti ein. Ist die Stimmung bei Ihnen düster und melancholisch?

Katja Nicodemus: Sie ist alles andere als Visconti-haft. Hier wird vor dem Festivalpalast noch gesägt, gehämmert und der rote Teppich glatt gezogen und geschäumt. Melancholisch wird man tatsächlich ein bisschen, wenn man am Grand Hotel des Bains vorbeitgeht, wo Luchinos Viscontis "Tod in Venedig" gedreht wurde. Dieses wunderschöne Belle Epoque Hotel ist seit Jahren verrammelt und verfällt wegen eines Mafia-Bauskandals. Da wird man hier an dem Lido doch auf eine unselige Weise daran erinnert, dass man sich in Italien befindet.

Goldener Löwe für Fantasydrama "Shape Of Water"

Wie präsentiert sich das Programm in dieser Ausgabe, was sind die Höhepunkte?

Nicodemus: Man ist immer gespannt, aber das Programm liest sich in diesem Jahr wie eine ideale Balance zwischen Glamour, Autorenkino und radikalen Filmversuchen. Dieses Programm wurde im Vorfeld von den Branchenzeitungen auch schon als sensationell gefeiert. Am Wochenende laufen hier die amerikanischen Produktionen, die wahrscheinlich ins Oscar-Rennen gehen werden. Also Darrens Aronofsky Horrorthriller "Mother" mit Jennifer Lawrence, Javier Bardem und Michelle Pfeiffer, oder auch die neue Regiearbeit von George Clooney, "Suburbicon" mit Matt Damon. Da haben übrigens die Coen-Brüeder am Drehbuch mitgeschrieben. Interessanterweise laufen hier im Wettbewerb auch zwei lange, große Dokumentarfilme: "The Human Flow" von dem chinesischen Politaktivisten und Künstler Ai Weiwei, und "Ex Libris" von dem großen amerikanischen Dokumentarfilmer Frederick Wiseman. Da freue ich mich besonders drauf. Drei Stunden in der New York Public Library. Das wird ein meditatives, literarisches Ereignis.

Ein paar der Stars, die kommen werden, haben Sie schon angesprochen: George Clooney ist da, Matt Damon, Jennifer Lawrence, auch Isabelle Huppert. Was heißt das für die Bedeutung von Venedig im internationalen Festivalkontext?

Nicodemus: Die Stars sind nicht nur einfach Stars oder Kamerafutter. Man kann sie tatsächlich als eine Art festivalpolitisches Symptom sehen, weil die Bedeutung und Strahlkraft, die Venedig in den letzten Jahren wiedererlangt hat, damit zusammenhängt. Und das hängt auch an dem Festivalleiter Alberto Barbera, der da mächtig immer gedreht hat. Eine Weile hieß es ja, dass das wichtigste Herbstfestival nur das riesige Fest von Toronto sei, das kurz nach Venedig in Kanada stattfindet. Dieses Festival ist eben sehr kommerziell, businessmäßig, ganz wichtig für den nordamerikanischen Markt. Aber dann ist eine interessanten Entwicklung eingetreten: Die Oscarkandidaten und Oscargewinnerfilme sind immer anspruchsvoller und visionärer gewordnen. Filme wie "Birdman", "Black Swan", "La La Land" oder "Gravity". Und plötzlich wurde wieder klar, wie wichtig für solche Filme eine europäische Öffentlichkeit ist, oder eine europäische Filmkritik. Oder auch ein Resonanzraum im Vorfeld der Oscarkampagnen. Davon hat Venedig enorm profitiert.

Wie sieht es mit der deutschen Beteiligung aus?

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Ulrich Matthes und Barbara Auer trauern in "Krieg" um ihren Filmsohn, der als Soldat in Afghanistan stirbt.

Nicodemus: Wir haben keinen Film im Wettbewerb. Aber es läuft in einer Parallelreihe, der Film "Krieg" um ein Ehepaar, dessen Sohn als Soldat in Afghanistan stirbt. Gedreht hat ihn der Filmemacher Rick Ostermann, und die Hauptrollen - das finde ich viel versprechend - spielen Ulrich Matthes und Barbara Auer. Man kann gespannt sein, das wird kein platter Realismus sein, denn Ostermann ist ein Filmemacher, der stark in Metaphern ist.

Wie ist es überhaupt bei einem Festival, gerade in Venedig: Sind die Kinos da besonders schön, oder ist es eigentlich egal, wenn die Lichter ausgehen, in welcher Stadt und in welchem Umfeld man so einen Film sieht?

Nicodemus: (lacht) Das ist eine interessanten Frage. Wenn das Licht ausgeht, und man im Film drin ist, ist man im Film drin. In Venedig zum Beispiel, wenn es stark gewittert, was nicht selten ist, dann laufen immer noch manchmal die Kinos voll, die Foyers der Kinos. Da wird man daran erinnert, dass die Infrastuktur hier ein bisschen marode ist. Aber einmal im Film, bleibt man im Film.

Das Gespräch führte Philipp Schmid.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 30.08.2017 | 07:20 Uhr

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