Stand: 18.04.2017 18:16 Uhr

Chris Kraus erforscht ein Familiengeheimnis

Als Regisseur hat Chris Kraus schon viele Preise gewonnen - für Filme wie "Scherbentanz", "Vier Minuten" oder "Poll". Und "Die Blumen von gestern", seine Anfang dieses Jahres herausgekommene Komödie über einen Holocaustforscher und die Enkelin eines Opfers, ist in gleich acht Kategorien für den Deutschen Filmpreis nominiert. Außerdem ist in diesem Frühjahr ein monumentaler Roman erschienen: "Das kalte Blut" erzählt auf 1.200 Seiten die Geschichte eines deutsch-baltischen Brüderpaares und spannt dabei den Bogen vom Aufkommen des Nationalsozialismus über den Zweiten Weltkrieg bis heute.

Herr Kraus, unsere erste Frage ist aufgrund Ihres Romantitels zwar etwas kalauerhaft, aber wie kaltblütig muss man sein, um 1.200 Seiten zu schreiben?

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Autor Chris Kraus wollte eigentlich nur ein Buch für seine Kinder schreiben - dann ist es ein Roman geworden.

Chris Kraus: Heißblütig! Heißblütig und leidenschaftlich. Mit kaltem Blut hat das gar nichts zu tun. Und ein bisschen wahnsinnig muss man natürlich auch sein. Was auf jeden Fall auch geholfen hat: am Anfang nicht zu wissen, wie sehr sich das Projekt ausweiten würde - von einem Vorhaben, das eigentlich kurzfristig gedacht war, zu dem Ziegelstein, der jetzt vor einem liegt.

2017 ist wirklich ein spannendes Jahr für Sie. Weil eben nicht nur dieses Buch, sondern im Januar auch Ihr Film "Die Blumen von gestern" herausgekommen sind. Beide hängen thematisch eng zusammen und wurzeln in Ihrer Familiengeschichte, denn Ihr Großvater war bei der SS. Wann war Ihnen klar, dass Sie sich damit künstlerisch auseinandersetzen wollen?

Kraus: Das war tatsächlich ein Prozess und die Auseinandersetzung damit begann eher am Rande. Als ich meinen ersten Film als Regisseur gemacht habe, "Scherbentanz", fand ich heraus, was mein Großvater getan hatte. Und ich habe dann ein paar Dinge ins Drehbuch einfließen lassen, die entfernt mit meiner Familiengeschichte zu tun haben.

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Chris Kraus' umfangreiche Familienchronik "Das kalte Blut" ist in der ersten Hälfte packend und leicht zu lesen. Später setzt Ermüdung ein und die Rahmenhandlung wirkt störend. mehr

Aber tatsächlich war die erste Beschäftigung eine rein historische. Ich habe mich immer sehr für Geschichte interessiert, bin eigentlich auch Historiker, wenn auch ein "abgebrochener". Und als ich vor etwa 14 Jahren herausbekam, dass mein Großvater nicht nur bei der Waffen-SS, sondern als Mitglied der Einsatzgruppen auch an Massenerschießungen beteiligt gewesen war, habe ich mich entschieden, ein Geschichtsbuch für meine Kinder zu schreiben. Daran schrieb ich zehn Jahre lang, neben meinem Job als Regisseur und Autor. Aber das war noch keine künstlerische Beschäftigung, sondern eine populärwissenschaftliche, weil ich das Buch natürlich allgemeinverständlich schreiben wollte für meine Kinder. Und danach begann ich erst, mich mehr und mehr damit auseinanderzusetzen, wie man das, was man nicht herausbekommt, dieses Unsagbare oder nur Fühlbare, in den Griff bekommt. Und das ging für mich nur über das Fiktionale.

"Die Blumen von gestern" erzählt von einem Holocaustforscher, der Enkel eines SS-Offiziers ist und sich mit großer Verbissenheit der Aufarbeitung widmet. Dabei verliebt er sich in die Enkelin eines Opfers. Ganz anders und doch wieder ähnlich erzählen Sie so eine Geschichte auch in Ihrem Roman "Das kalte Blut", dort aus der Perspektive eines ehemaligen SS-Offiziers, der sich an sein Leben erinnert. Wie wirkte sich Ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Großvater auf Ihre Arbeit aus?

Kraus: Ich hatte natürlich vorher gelesen, was es mit einem angeblich macht, wenn man solche dunklen Geheimnisse erfährt und war überrascht, als dies tatsächlich eintraf: Schlaflosigkeit, Depressionen, mir ging es wirklich nicht gut. Aber es war mir wichtig, mich nicht in Therapien zu stürzen, sondern wirklich herauszubekommen, was geschehen ist. Was mein Großvater, den ich gekannt und sehr geliebt habe, getan hat und was er im Nachhinein auch nicht getan hat: nämlich, dazu zu stehen.

Daraus sind dann zwei Stoffe entstanden, die unterschiedliche Perspektiven auf das Thema bieten. Der Roman ist tatsächlich ein sehr umfangreiches Werk, das eigentlich das 20. Jahrhundert aus der Sicht eines Täters beschreibt. Und zwar eines sehr sympathisch erscheinenden Täters. Es war mir wichtig, dass das jemand ist, zu dem man Empathie entwickelt. Denn so ist es mir bei der tatsächlichen Auseinandersetzung mit meinem Großvaters auch gegangen: Ich wollte verstehen, wie ein kluger, charismatischer Mensch, der Bildung atmet und sich für das Schöne im Leben interessiert, in diese Taten verstrickt werden konnte.

Und der Film ist völlig anders, weil er im Hier und Heute spielt und eine Liebegeschichte erzählt zwischen zwei Holocaustforschern. Er ist Enkel eines Täters, sie die Enkelin eines Opfers, und die beiden fallen übereinander her und heilen sich in gewisser Weise. Ich wollte das unbedingt mit Humor verbinden. Das kam daher, dass ich in den Jahren zuvor viel in Archiven gearbeitet hatte. Und dort bin ich immer wieder Juden begegnet, die ihre Familiengeschichte recherchiert haben. Und das Verrückte war, dass die extrem interessiert waren an mir und meinen deutschen Kollegen. Die kamen auf uns zu und haben sofort diesen Abgrund, den es natürlich gab, überbrückt mit Humor, Witzen, Banalitäten und Einladungen. Das hat mich abends, wenn ich im Hotel lag, so beschäftigt, dass das gar nicht beschwichtigend oder heilend, sondern noch verstörender wirkte. Und dieses Ambivalente, das mit Humor und diesem schweren Thema einhergeht, das wollte ich in dem Film zeigen.

Das Gespräch führte Katja Weise.

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