Stand: 12.10.2017 16:43 Uhr

"Babylon Berlin": Mord und Intrigen in den 20ern

von Bettina Peulecke

38 Millionen Euro hat das bis dato teuerste Serienprojekt im deutschen Fernsehen gekostet. Diese Summe kam zusammen durch die erste Koproduktion der ARD mit dem Bezahlsender Sky, bei dem die ersten beiden Staffeln "Babylon Berlin" ab dem 13. Oktober in acht Folgen ausgestrahlt werden.

"Babylon Berlin" in Zeiten des Umbruchs

Drei Regisseure und Drehbuchautoren waren am Werk um ein großartiges Gesellschaftspanorama zu zeichnen, das 1929 in Berlin spielt. Viele Elemente sind dabei angelehnt an den historischen Kriminalroman "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher. Dessen Hauptfigur Kommissar Gereon Rath ist unterwegs bei der Berliner Sitte, konfrontiert mit Porno, politischen Verschwörungen und ganz privaten Problemen.

Die Figur des Kommissar Gereon Rath aus den Romanen von Volker Kutscher ist so etwas wie der rote Faden in dieser anfangs etwas verworrenen, doch schon nach wenigen Minuten unglaublich mitreißenden, einzigartigen Serie. Ein Millionenprojekt, dem man jeden Euro ansieht. "Babylon Berlin" ist vieles in einem: visuell opulente Milieustudie, historischer Krimi, Sittengemälde und Gesellschaftspanorama.

Keine klassische Kutscher-Verfilmung

So etwas hat man im deutschen Fernsehen noch nicht gesehen: Drei Regisseure und Drehbuchautoren haben fast fünf Jahre daran gearbeitet: Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten, der klarstellt, dass die Serie keine klassische Kutscher-Verfilmung ist: "Wir hatten die Idee, eine Serie in den 1920er-Jahren anzusiedeln, und zwar alle drei, bevor wir auf die Romane von Volker Kutscher gestoßen sind. Kutscher kam sozusagen dazu als - wie soll ich sagen - ordnendes Element. Also, wenn man sagt, Leute, wir wollen ein Sittengemälde der 20er-Jahre erzählen, toll, Wahnsinn, ich ja auch. Aber das bringt nichts. Denn da hatten wir zwar das Setting, aber wir hatten überhaupt keine Geschichte. Dann kamen die Romane von Volker Kutscher hinzu und das Genre, und das ist tatsächlich ein Krimi", erklärt er.

Volker Bruch spielt Sonderermittler Gereon Rath

So beginnt die Serie mit dem Sonderermittler aus Köln, der plötzlich bei der Berliner Sitte auftaucht. Gereon Rath, grandios gespielt von Volker Bruch, der mit einer anderen Serie nämlich "Unsere Mütter, unsere Väter" einem breiteren Publikum bekannt wurde. Dieser Rath ist ziemlich eifrig dabei, als gerade mal wieder eine Pornoproduktion im Hinterhof hochgenommen wird, denn er sucht etwas ganz Bestimmtes. Das ahnt auch sein Kollege, allerdings wird nur der oberste Chef in Berlin aufgeklärt:

"In Ihrer Lage wäre es fatal, wenn Sie mir etwas vorenthalten würden. Das ist mir bewusst. Ich habe vorhin mit Köln telefoniert. Ihr Vater sagte mir, dass Sie mir den Sachverhalt erklären würden. Der Oberbürgermeister von Köln wird erpresst. Herr Dr. Adenauer, mein oberster Dienstherr. Die Sache ist unappetitlich. Soll vor der Wahl erledigt sein." Filmzitat

Die unappetitliche Sache ist ein pikanter Film, den der Herr Oberbürgermeister ungern in der Öffentlichkeit sehen würde.

Parallelen zur Gegenwart waren nicht geplant

Eine Filmrolle im Anschnitt dargestellt © panthermedia Fotograf: W. Woggon

Gespräch über "Babylon Berlin"

NDR Kultur -

Die Filmkritikerin Bettina Peulecke über die Verfilmung der Gereon-Rath-Bücher von Volker Kutscher sowie Erläuterungen des Regisseurs Henk Handloegten zum Projekt.

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Politik spielt natürlich auch eine Rolle. Da gibt es Verschwörungen in den eigenen Reihen der Weimarer Republik und eine geplante Konterrevolution im fernen Russland. Eine wilde Zeit des Umbruchs, eine junge Demokratie in der Dämmerung.

Parallelen zu Gegenwart sind unübersehbar - wenn auch natürlich nicht geplant, so Regisseur Tom Tykwer: "Während der letzten Jahre hat es sich eben so ergeben, es ist ja auch ein europäisches Thema, ein internationales, also Brexit, oder Trump oder die Europakrise. Auch irgendwie, wenn man so will, die neuerdings infrage gestellten Grundfesten der Demokratie und auch so systemimmanente Erschöpfungserscheinungen von der Grundliberalität, das sind alles Sachen, die natürlich eine riesige Rolle in 'Babylon Berlin' spielen."

Am liebsten morgen die nächste Staffel drehen

Aber auch Sex and Crime, ein Gangsterkönig wie ihn Scorsese nicht besser hätte inszenieren können, ein morphiumabhängiger Kommissar, glamouröse Partys und eine der berauschendsten Choreografien in der Tanzsaalgeschichte spielen eine nicht ganz unwichtige Rolle in "Babylon Berlin".

Mit dabei sind auch bekannte norddeutsche Akteure, neben dem in Celle geborenen Regisseur Henk Handloegten ("Fenster zum Sommer", 2011), auch die aus Mecklenburg-Vorpommern stammenden Darsteller Peter Kurth und Julius Feldmeier sowie die in Hamburg geborenen Schauspieler Leonie Benesch, Hannah-Rebecca Herzsprung und Anton von Lucke.

Es ist ein bombastisches Projekt, das so viel Geld und so viel Energie verschlungen hat, dass Regisseur Achim von Borries genau wie seine Kollegen am liebsten schon morgen die nächste Staffel drehen würde: "Um ehrlich zu sein, war das für mich, oder für uns alle, dann schon so etwas wie dieses Werk, wenn ich es mal so nennen darf, einer sechzehnköpfige Krake, die zu bändigen einfach sehr vieler Hände bedarf."

Die erste Staffel "Babylon Berlin" läuft ab dem 13. Oktober bei Sky und im nächsten Jahr im Ersten

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 13.10.2017 | 10:50 Uhr

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