Stand: 20.09.2015 17:40 Uhr

Kunst auf den zweiten Blick

Street Art reloaded
von Riika Kuittinen (Kuratorin)
Vorgestellt von Stefanie Groth

Die einen empfinden es als Vandalismus, die anderen als subversive Kunst. Man mag von Graffiti halten was man will, aber die Streetart-Szene wäre ohne die Pioniere der ersten Stunde, die unter Lebensgefahr U-Bahn-Züge besprühten, kaum denkbar.

Seit damals haben Künstler immer wieder neue Methoden gefunden, um sich kreativ und immer auch ein wenig subversiv auf der Straße auszuleben. Der Bildband "Street Art reloaded - Neue Kunst von der Straße" widmet sich gut zwei Dutzend dieser Künstler. Nach Graffitis sucht man darin vergebens. Stattdessen entdeckt man kleine Kunstwerke, die immer da auftauchen, wo man sie am wenigsten vermuten würde.

Überraschendes im Alltäglichen

Neue Methoden der Kreativität

Er sitzt einfach nur da, in einem alten zerknitterten Anzug. Unbeteiligt, verloren. Sitzt in diesem kleinen Ruderboot, das mit dem Bug schon unter Wasser ist und bald gänzlich untergehen wird - mit ihm. Noch funkelt das Sonnenlicht im Wasser, spiegelt sich auch auf seiner Halbglatze, doch dicke Regenwolken ziehen auf. Er aber regt sich nicht, sitzt nur. Die Knie an den Oberkörper gezogen, starrt er reglos auf das Smartphone in seinen Händen.

Wieder steht er im Wasser. Wieder im zerschlissenen Anzug. Doch nicht allein. Es sind fünf, zehn, zwanzig seiner Sorte, die im Kreis umeinander gedrängt immer tiefer ins Wasser waten, magisch angezogen von der Tiefe. Den einen steht das Wasser bis zur Brust, den anderen bis zum Hals, einige sind schon komplett abgetaucht.

Aus größerer Entfernung betrachtet - sieht man: Es ist kein Meer, in dem sie verschwinden, sondern eine Pfütze auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Die Anzugträger sind Miniaturen aus bemaltem Zement. "Folge den Führern". So heißt diese Installation des spanischen Künstlers Isaac Cordal: "Meine Werke beschäftigen sich mit den Nebenwirkungen des sogenannten Fortschritts. Ich möchte zeigen, wohin uns der Kapitalismus geführt hat. Die Szenen symbolisieren die Absurdität unseres Lebens, unsere Einsamkeit."

Plakatierte Fassaden und umstrickte Bäume

Nach Graffitis sucht man in diesem Bildband vergebens. "Street Art Reloaded" konzentriert sich auf die neuen Spielformen der Straßenkunst: Fassaden werden plakatiert, Bilder mit Licht projiziert, Straßen bepflanzt und Bäume umstrickt. Die Künstler experimentieren mit der unmittelbaren Umgebung, irritieren den Betrachter, werfen einen neuen Blick auf Altbekanntes.

Hunderte blaue Schmetterlinge, einer filigraner als der andere, schmücken die Fassade des alten Fabrikgebäudes in Brooklyn. Wie ausgesetzt wirken sie hier. Das sind sie tatsächlich. Jeder einzelne aufwendig aus Stoff gefertigt und von der Künstlerin Tasha Lewis mit einem Magneten an die Wand drapiert, hauchen sie seelenlosen Orten vorübergehend Leben ein.       

Fotos dokumentieren eine Kunst, die schnell wieder verschwindet

Riesige Gorilla-Gesichter blicken gutmütig über die Ödnis der Industriebrache. Stefan Lotze projiziert sie mit Licht auf Stahlträger und Hochhausfassaden. Majestätische Wächter im Großstadtdschungel.

Mitten auf Straße und Bürgersteig sprießen rote Gerbera. Wo vorher noch ein großes Schlagloch klaffte, blühen nun Blumen. Ein Ärgernis, das durch "Guerilla Gardening" in etwas Schönes verwandelt wird.

Der Bildband zeigt fast nur Künstler aus Europa und den USA. Man vermisst die kreativen Auswüchse der Straße aus anderen Regionen der Welt. Denn Streetart ist durch den Ort inspiriert, an dem sie stattfindet. Ihre Umgebung erschafft sie genauso, wie sie sie zerstört. Viele der Installationen sind nach wenigen Tagen, Stunden oder Minuten wieder verschwunden. Deshalb ist die Dokumentation durch Fotos ein wesentlicher Bestandteil dieser flüchtigen Kunstform.

Die kleinen Kunstwerke kann man überall entdecken

"Street Art reloaded" stellt genau diese Dokumente in den Mittelpunkt, lässt auch deren Künstler selbst zu Wort kommen:

  • "Ich wollte keine Auftragsarbeiten mehr erledigen, sondern endlich meine Kreativität ausleben."
  • "Uns geht es darum, die Menschen aus ihrer Routine zu reißen und zum Lächeln zu bringen."
  • "Street Art macht frei. Zumindest fühle ich mich dabei so."
  • "Freiheit heißt, aus dem Alltagstrott auszubrechen."
  • "Ich brauche keine Erlaubnis, sondern die Freiheit der Straße. Ich will mir die Stadt zurückerobern."

Durch dieses Buch zu blättern ist wie ein Spiel. Nicht immer erschließt sich auf den ersten Blick, was man auf diesen Seiten sieht. Manches, wie Bäume im Strickkleid, bleiben einem vielleicht auch weiterhin ein Rätsel. Und doch verschafft der Bildband "Street Art Reloaded" uns Zutritt in eine Welt, die sich direkt vor unseren Augen abspielt, aber trotzdem schnell übersehen wird. Er macht Lust vor die Tür zu gehen. Kleine Kunstwerke kann man überall entdecken. Vielleicht schon an der nächsten Straßenecke.

 

Street Art reloaded

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Verlag:
Prestel
Bestellnummer:
978-3-7913-8138-1
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 20.09.2015 | 17:40 Uhr

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