Stand: 11.08.2017 10:55 Uhr

Auf ein Bierchen mit dem Wutbürger?

Die zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie
von Philipp Manow
Vorgestellt von Dorothea Heintze
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Philipp Manow, Jahrgang 1963, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Bremen. Für das Magazin Merkur schreibt er regelmäßig Beiträge.

Dieser Sommer ist ein politischer Sommer - nicht zuletzt wegen der bevorstehenden Bundestagswahl. Aber jenseits von aktuellen Themen (wie dem Dieselskandal), Parteien, Programmen und Kandidaten, die gerade durchs Land ziehen und um Stimmen werben, bietet ein Buch den "etwas anderen" Blick auf den deutschen Politikbetrieb. Der Bremer Politikwissenschaftler Philip Manow hat sich von A-Z mit den "Zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie" befasst, die nicht so unwichtig sind, wie sie scheinen.

Gelebte Spießigkeit

Der Auftakt ist furios. Gleich bei B heißt es unter "Burg Wulffenstein":

Es entspricht der Ästhetik des Mittelmaßes, die unsere Demokratie dominiert, dass auch die Häuser unserer Politiker die elementaren Prinzipien architektonischer Spießigkeiten berücksichtigen: Oggersheim, Burgwedel, Goslar - schon die Standorte sind Versprechen gediegener Provinzialität. Hannover, Zooviertel: Schröders Reihenhaus, nebenan die Edeka-Filiale und ein ‚Getränkemarkt, dessen Gebäude der Talstation einer Seilbahn ähnelt.‘ Und Sigmar Gabriel fährt zu Hause Aufsitzrasenmäher. Leseprobe

Frech und unglaublich erhellend

Ach, ist das ein Lesevergnügen. So geht es durch das ganze Buch - treffend, frech, unglaublich erhellend. Was bedeutet es, wenn Angela Merkel auf dem einen Parteitag fünf Minuten Applaus erhält, auf dem nächsten 15 - und dann gar "stehend"?  Unter A wie Applausminuten erzählt Manow von den ollen Germanen, damals, und den Engländern heute und deren Applaustradition: Nicht Länge sondern Lautstärke war und ist hier das alles entscheidende Kriterium. Nur wenige Zeilen genügen, und zukünftig wird der geneigte Leser kritischer hinsehen, wenn mal wieder automatisch von Applauslänge auf Zustimmung geschlossen wird. Denn so einfach ist es eben nicht.

 "Seit wann genau ist die Politik so bierernst geworden?", fragt Manow bei "H" wie "Hard Work, Softdrink", und erwähnt den irischen Parlamentsabgeordnete Gerry Fitt: Sein erster Drink des Tages war ohne Eis, weil er aufgrund seines Katers das Gegeneinanderschlagen der Eiswürfel im Glas nicht ertragen konnte.

Politik funktioniert auch über Kleinigkeiten

Natürlich weiß Manow: Der Politikbetrieb wird nicht automatisch besser, nur weil nicht mehr gesoffen wird. Der Stammtisch ist out - aber die Stammtischparolen leben hoch bei AfD und Pegida und Manow schlussfolgert: Vielleicht wäre das eine oder andere Bierchen mit diesen Leuten an eben diesen Stammtischen genau das, was den Wutbürgern den Wind aus den Segeln nehmen würde. "Wie stellt sich uns Politik dar?" lautet die zentrale Frage des Autors. Denn bei allem Spaß und Lesevergnügen, den das Buch liefert - der in Bremen lehrende Politikwissenschaftler hat ein ernstes Anliegen. Indem er uns aufzeigt, was die angeblichen "Nebensächlichkeiten" des Politikbetriebes tatsächlich bedeuten, zeigt er uns, wie dieser Betrieb funktioniert, und schüttet damit so manchen Graben zu. Politik wie Politiker rücken uns näher.

Buchcover "Die zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie" © Rowohlt Taschenbuch Verlag

"Zentrale Nebensächlichkeiten der Demokratie"

NDR Info - Buchtipp -

Philipp Manow befasst sich mit den scheinbaren Nebensächlichkeiten unseres Politikgeschehens: von Applausminuten und Geschenken bei Staatsbesuchen. Politik wie Politiker rücken uns näher.

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Diplomatie mit Pferden und Cowboystiefeln

Zum Beispiel das Thema Gastgeschenke. Wahnsinn, was die sich alles so schenken, denken wir ein bisschen neidisch und lesen dann, was geschah, als Ronald Reagan 1981 zu Besuch nach Deutschland kam:

"Das Auswärtige Amt hatte Mühe, Reagan diskret von der Idee abzubringen, Bundeskanzler Kohl als Gastgeschenk ein Pferd mitzubringen. Das Bundeskanzleramt verfüge zwar über begrenzte Weidemöglichkeiten, aber bedauerlicherweise nicht über Stallungen, so das Argument, das Reagan letztlich überzeugte. Ach, wie gerne hätte man Helmut Kohl auf einem Kaltblut durch die Rheinauen traben sehen." Leseprobe

Bei einem Gegenbesuch Jahre später bei George Bush konnte Kohl sich nur mit Mühe dagegen wehren, für das Abschlussfoto in Cowboystiefeln zu erscheinen - nein, Dankeschön, da möchten wir nicht tauschen.

Zwischen Geschwurbel und Lesespaß

So viel man lernt und so wunderbar süffig sich das alles liest - ein wenig zu altklug und selbstverliebt  in seiner Formulierungskunst kommt der Autor im Laufe der Kapitel von A-Z daher. Manchmal möchte man das Buch ob des intellektuellen Geschwurbels, der vielen Fremdworte und gelehrten Literaturverweise einfach in die Ecke werfen. Aber dann gewinnt der Lesespaß wieder überhand. Politikverdrossen? Warum eigentlich? Wer weiß, wie der Laden läuft, kann auch viel Spaß damit haben. Dieses Buch ist nicht nur großartig zu lesen - es weckt auch die Lust dazu, ein bisschen mitzumischen.

Die zentralen Nebensächlichkeiten der Demokratie

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Verlag:
Rowohlt Taschenbuch Verlag
Veröffentlichungsdatum:
21.07.2017
Bestellnummer:
978-3499632778
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 12.08.2017 | 09:20 Uhr

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