Stand: 03.12.2015 17:30 Uhr

Eine autobiografische Zeitreise

Die Jahre im Zoo
von Durs Grünbein
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Durs Grünbein lebt als freier Schriftsteller in Rom.

In den Gedichten, Essays und Prosa-Arbeiten von Durs Grünbein hat es immer wieder ein paar autobiografische Spurenelemente gegeben. Da war mal von der Geburtsstadt Dresden die Rede, mal vom Großvater und von der Elbe oder von der Geburt der Tochter. Jetzt hat der Büchner-Preisträger erstmals einen Band mit autobiografischen Erzählungen veröffentlicht - über seine Kindheit und Jugend, über seine Herkunftsfamilie und Dresden und über seine frühesten literarischen Einflüsse. Denkwürdig auch der Titel: "Die Jahre im Zoo".

Ängste und Zweifel während der Kindheit

Mit einem Kindheitstraum beginnt Durs Grünbein seine autobiografischen Erkundungen, aber dieser Traum erweist sich bald als Alptraum: In der Nacht treibt er immer wieder einsam und verlassen als Kosmonaut durch den Weltraum. Die Eltern, die den Siebenjährigen nicht jede Nacht trösten können, überlassen ihn bald sich selbst.

Allein unter Sternen erwacht das Grünbein'sche Bewusstsein - und in der Nähe seines Großvaters, der ihn beizeiten mitnimmt zu seiner alten Arbeitsstätte, einem Schlachthof. Der Großvater ist ein schweigsamer Mensch, nicht sehr belesen, aber charakterstark. 1933 bekam er bei einem SA-Aufmarsch in Dresden eine Ohrfeige, weil er den Weg nicht frei machen wollte. Aber was war danach? Immer wieder plagen den Erzähler Zweifel:

Nach meiner eigenen Militärzeit erst der Verdacht: War er das typische fleißige Lieschen gewesen, der Schatten hinterm Spieß, zuerst Liebling der Kompanie, dann ihr einziger Anwärter aufs Überleben? (...) Ob er auch Dörfer angezündet hatte, irgendwo hinter Kursk, vor Orel oder Woronesh, wenn auf dem Rückzug Verödung befohlen war? War er dabei gewesen, wenn es darum ging, steifgefrorenen Kosakenleichen das Fußzeug abzunehmen, indem man ihnen mit der Axt die Unterschenkel abschlug und die blutigen Filzstiefel zum Auftauen ans Feuer stellte? Im Winterkrieg war es schnell vorbei mit den guten Sitten, der fröhliche Landser verrohte. Aus motorisierten Romantikern wurden Mordbrennerbanden. Leseprobe

Von der Gedichtform bis zur Prosa - ein vielseitiger Autor

Durs Grünbein ist ein Zauberer. Durch seine Erinnerungen setzt er auch die Erinnerungen beim Leser frei. Sein Dresden ist überall. Der Hauptbahnhof verwandelt sich bei ihm in einen "transhistorischen Ort", in dem die Züge durch die Jahrzehnte fahren und einmal den Erzähler als Kind zu den Großeltern nach Gotha, später nach Prag ans Grab von Franz Kafka bringen; und die Nazis organisierten vom selben Ort die Juden-Deportationen nach Polen.

Es gibt Kapitel, in denen der Erzähler Spielzeuge - Lokomotive, Luftgewehr und Kaleidoskop - in Gedichtform aufruft; in anderen schildert er essayistisch die Geschichte der Gartenstadt Hellerau, die unter anderen von Kafka und Gottfried Benn aufgesucht worden ist und in der Durs Grünbein den Großteil seiner Kindheit verbracht hat; und in wieder anderen Kapiteln tritt er auf als Meister der Prosa und erzählt Geschichten von verstorbenen Mitschülern und Jugendfreunden. In diesem elbhaften Bewusstseinsstrom fehlt natürlich auch nicht die Erweckung des jungen Mannes als Künstler:

Etwa um diese Zeit fing das Gedichteschreiben an. Im letzten Frühjahr vor den Abschlussprüfungen war das. Mehr als fünfzig Sonette hatte er innerhalb eines Sommers aufs Papier geworfen, in seiner unschönen Handschrift, er hat sie niemals gemocht. Rimbaud und Trakl und Georg Heym waren seine Tutoren. Zum ersten Mal gelang es ihm, sich von außen zu sehen. Das Ich, das durch die Gedichte geisterte, war nicht mehr er selbst, sondern irgendein Dahergelaufener, und er begriff, dass Gedichteschreiben sich von sich abspalten hieß. (...) Aber er spürte auch, dass dies erst der Anfang war und ein Weg in die Freiheit. Leseprobe

Es ist fast so, als habe Durs Grünbein schon lange auf dieses Buch hingearbeitet, als wären seine früheren Bücher eine Art Vorbereitung auf diesen großen Wurf. "Die Jahre im Zoo" sind das Selbstporträt eines jungen Mannes als Künstler, in dem er sich - in eigenen Worten - als "pubertierender Zoobewohner im Osten" fühlt; aber zugleich sind diese Jahre auch die Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Dem Alptraum vom Leben als Kosmonaut entsprach der Wunschtraum, einmal Zoodirektor zu werden. Was für ein Glück, dass aus Durs Grünbein kein Tier-, sondern ein Wort-Dompteur geworden ist.

Die Jahre im Zoo

von
Seitenzahl:
400 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp / Insel
Bestellnummer:
978-3-518-42491-9
Preis:
24,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.12.2015 | 12:40 Uhr