Stand: 06.11.2014 11:39 Uhr  | Archiv

Ein Mahnmal im Wandel der Zeit

Der Berliner Mauerstreifen heute
von Gerhard  Westrich
Vorgestellt von Juliane Bergmann
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Die Berliner Mauer teilte Berlin mehr als 28 Jahre lang.

Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Nur ein Jahr später waren die Grenzanlagen im innerstädtischen Bereich, bis 1992 auch im Berliner Umland fast vollständig abgebaut. Das, was zuvor eine unüberwindliche Grenze zu sein schien, war in wenigen Jahren nahezu verschwunden. Was erinnert heute noch an Mauer und Todesstreifen? Der Fotograf Gerhard Westrich hat sich auf die Suche gemacht.

Berühmte Plätze und unbekannte Gegenden

Ein Junge auf einem BMX-Rad: vor ihm laufen mehrere Sandwege auseinander, schlängeln sich über Hügel, fließen in die Weite der Landschaft. Der Junge kann entscheiden, welchen Weg er nimmt - über diesen Parcours am Berliner Mauerweg in Lichtenrade. Eine freie Wahl, die an diesem Ort nicht immer selbstverständlich war. Der Fotograf Gerhard Westrich stammt aus der Pfalz. Die Orte an der ehemaligen Berliner Mauer hat der 50-Jährige für sich entdeckt, als er sie 2011 zum ersten Mal mit dem Fahrrad abfuhr: "Auf der ganzen Strecke liegen sehr berühmte Plätze, die in keinem Reiseführer fehlen, aber es gibt eben auch diese sehr unbekannten und nicht weniger sehenswerten Gegenden. Gerade diese Mischung und das Gegensätzliche von Natur und Stadt, das Drinnen und das Draußen, das Lebendige und das Ruhige - das machte für mich den besonderen Reiz dieser Serie aus."

Spraydosenkaskaden und Blütenmeer

Drei Jahre lang fotografierte Westrich Orte direkt am ehemaligen Mauerstreifen: Karawanen aus Autos an der East Side Gallery, leere Spraydosen aufgetürmt vor einer Garagenwand in Pankow oder ein Meer aus Pink in einer Allee aus japanischen Kirschen an der Bösebrücke. Ganz unterschiedliche Motive, die etwas mit mir machen - die mich nachdenken lassen über die deutsche Teilung und das, was davon noch übrig ist.

Westrich gelingt es Atmosphäre einzufangen: Licht, Farben, Menschen, Bewegung. Bei seiner Arbeit setzt er auf Spontaneität. Dennoch wirken einige Fotos ein bisschen glatt gebügelt und einen Hauch zu perfekt: Als er auf dem Spandauer Hahneberg den grauen Himmel fotografiert, durch den das Sonnenlicht bricht, streckt eine Frau im Bildvordergrund die Arme in den Himmel: "Da fahre ich dann halt hin und suche mir erst mal meine Position, wo ich das Foto machen will, stelle Kamera auf und Stativ - und dann warte ich halt. Dann warte ich, bis sich das Bild irgendwie zusammenfügt, bis die Leute an der richtigen Position sind oder bis sich irgendwas Unvorhergesehenes ereignet."

McDonald's auf dem ehemaligem Todesstreifen

Ein Stückchen Zaun, ein verrosteter Pfahl, ein alter Grenzturm. Auf manchen Fotos sind Überbleibsel zu finden, die die Geschichte sichtbar dokumentieren. Aber das ist eher die Ausnahme bei Westrichs Bildern. Er will nicht die Relikte ablichten, sondern zeigen: Was sehen wir da heute stattdessen?

"Es bleibt ein Gedächtnisort. Und dass da, wo früher Leute erschossen wurden, heute ein McDonald's steht, das ist gerade das, was ich sehr spannend finde. Spannender noch, als wenn da heute noch ein Pfosten steht, der mal Teil eines Mauerzauns war," meint Gerhard Westrich.

Der Bildband liefert auch wissenswerten Hintergrund: Auf jeder Doppelseite verortet eine kleine Berlin-Landkarte die Aufnahmen. Zeitzeugen schildern ihre Erlebnisse rund um den Mauerfall. Im Kopf bleiben jedoch die Fotos: Da, wo vorher Patrouillenwege waren, Selbstschussanlagen, Stacheldraht, sieht man heute Kleingärten, Neubauwohnungen, Würstchenbuden, freies Feld. Und nur, wer ganz genau hinsieht, findet sie noch, die Spuren der ehemaligen Mauer. Zugegeben: An Wende-Themen mangelt es dem Büchermarkt sicherlich nicht, doch die originelle Auswahl an Orten und die einfühlsam eingefangenen Momente machen diesen Bildband zu etwas Besonderem.

Geschichte

Der Tag, an dem die Mauer fiel

Massenfluchten und Montagsdemos bringen im Herbst 1989 das DDR-Regime ins Wanken. Am 9. November fällt überraschend die Mauer. Ein Rückblick auf eine bewegte Zeit. mehr

Der Berliner Mauerstreifen heute

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Jaron Verlag
Bestellnummer:
978-3-89773-756-3
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 09.11.2014 | 17:40 Uhr