Stand: 13.06.2017 17:54 Uhr

"SPD nur in der modernen Mitte erfolgreich"

SPD - Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie
von Susanne Gaschke
Vorgestellt von Michael Weidemann, NDR Info

Vor fünf Jahren wechselte die renommierte Journalistin Susanne Gaschke in die Politik und wurde Oberbürgermeisterin von Kiel. Allerdings trat die engagierte Sozialdemokratin schon nach einem Jahr - nach einem Streit um einen Steuerdeal - wieder zurück. Ihre eigenen Genossen hatten ihr die Gefolgschaft verweigert. Seitdem ist Gaschke wieder als Journalistin aktiv - und beschäftigt sich eingehend mit der Dauerkrise ihrer Partei. Jetzt wagt sie mit ihrem neuen Buch eine umfassende Analyse der SPD: "Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie".

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Erst Journalistin, dann Politikerin, nun wieder Journalistin: Im Leben von Susanne Gaschke wird es nicht langweilig.

Gaschke brennt für die Sozialdemokratie - und sie leidet unter den Schwächen ihrer manchmal ratlos wirkenden Partei. Das Gros der Mitglieder und Sympathisanten wünsche sich eine moderne, zur Mitte hin orientierte SPD, schreibt Gaschke in ihrem Buch. Die meisten sozialdemokratischen Akteure aber seien in der modernen Gesellschaft eher Fremdkörper, sagt sie: "Gerade in der Kommunalpolitik - aber auch in der Landespolitik - machen die Zeit-reichen Menschen mit, also die Leute, die mühelos sechs Stunden Sitzung absitzen können: die Langzeitstudenten, die Frührentner, die Leute aus dem Öffentlichen Dienst, die vielleicht nicht besonders gefordert sind in ihren Jobs."

Die Partei müsse selber ambitionierter werden, höhere Ansprüche an sich selber stellen, wen sie der Öffentlichkeit präsentieren will, so Gaschke. "Sie muss sich noch mal ein paar grundsätzliche Gedanken machen, warum sie beim Wähler so schlecht ankommt."  

Zeit in der SPD ist stehen geblieben

Den Alltag an der SPD-Basis hat Gaschke jahrzehntelang beobachtet. Sie schreibt von aus der Zeit gefallenen Funktionären und anachronistisch wirkenden Ritualen und kommt zu dem Schluss: Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in der ältesten Partei Europas, deren Programme und Konzepte deshalb auch immer wieder auf Gesellschafts- und Menschenbilder zurückfallen, die mit der Realität kaum noch etwas zu tun haben.

Auch der zunächst umjubelte und dann unsanft gelandete Parteichef Martin Schulz zeichne "ein falsches Bild von Deutschland", ist Susanne Gaschke überzeugt:

Das Land ist im Vergleich mit dem Rest der Welt nicht in sich 'tief gespalten'. Es hat ungeheuren Wohlstand, einen großartigen Rechtsstaat, maximale individuelle Freiheit. Zwar gibt es ganz konkrete soziale Probleme, Bildungsmisserfolge, entglittene Stadtlandschaften, individuelles Unglück. Das Land ist aber stark genug, dagegen sehr gezielt etwas zu unternehmen. Zitat aus dem Buch "SPD - Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie"

Probleme des digitalen Zeitalters angehen

Cover des Buches "SPD - Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie" von Susanne Gaschke. © Heyne Verlag

Buch: "Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie"

NDR Info - Buchtipp -

Susanne Gaschke - Kieler Ex-Bürgermeisterin und Journalistin - ist Kennerin der SPD. Ihr Buch "Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie" befasst sich mit der Dauerkrise der Partei.

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Das müsse die SPD auch ihren Wählern und Sympathisanten deutlich machen, die in der Regel weniger unter materiellen Sorgen leiden als unter den Herausforderungen des digitalen Zeitalters, so Gaschke: "Es geht natürlich darum, eine Politik zu machen für die Menschen, denen es ganz schlecht geht. Aber ich muss die Mitte der Gesellschaft, die netten Leute gewinnen, die sagen: Das finden wir auch richtig, da sind wir auch bereit zum Beispiel Steuern zu zahlen. Aber das tun wir auch nur, wenn unsere Lebenslage auch gesehen wird. Wenn unsere Zeitprobleme, unsere Familienprobleme, unsere Arbeitsplatzprobleme der Mittelschicht wenigstens wahrgenommen werden."

Agenda 2010 konsequent fortsetzen

Gaschke leitet daraus die Forderung ab, mit der Schröder'schen Agenda-Politik nicht zu brechen, sondern sie konsequent fortzusetzen. Die zehn Millionen Wähler, die die SPD in den vergangenen zwei Jahrzehnten verloren hat, könne man nur mit einer Politik der Beständigkeit zurückgewinnen, so die Autorin:

Wenn man schon mit großer Geste Arbeitsmarkt und Sozialstaat reformiert, dann muss man auch länger als eine Legislaturperiode dazu stehen, sonst kommt der Verdacht auf, man habe rein willkürlich gehandelt. Womöglich haben die Korrekturen an der Agenda 2010 der SPD mehr geschadet als die Agenda selbst - und zwar weil diese Korrekturen sie als wankelmütig erscheinen ließen. Zitat aus dem Buch "SPD - Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie"

Große Koalition unter SPD-Führung wäre konsequent

Konsequent wäre es dagegen, an der Großen Koalition im Bund festzuhalten, meint Gaschke. Allerdings mit dem Anspruch, dass die SPD nach der Wahl im September den Bundeskanzler stellt. Eine sicherlich umstrittene und für viele wohl auch unrealistische Machtperspektive.

Gerade deshalb aber lohnt sich die Lektüre ihres Buches: Die kenntnisreiche Analyse der Probleme in der SPD führt die Autorin zu Schlussfolgerungen, die eben nicht zum Mainstream der aktuellen politischen Debatte zählen.

SPD - Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Verlag:
Deutsche Verlags-Anstalt
Veröffentlichungsdatum:
13. Juni 2017
Bestellnummer:
978-3-421-04717-5
Preis:
17,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 13.06.2017 | 09:50 Uhr

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