Stand: 26.09.2017 14:48 Uhr

Die Strategien der Populisten durchschauen

Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung
von Walter Ötsch, Nina Horaczek
Vorgestellt von Patric Seibel
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Das Buch "Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung" von Walter Ötsch und Nina Horaczek ist im Westend Verlag erschienen.

Wir leben in einer Zeit des politischen Populismus, so scheint es. Ob Donald Trump in den USA, Recep Tayyip Erdogan in der Türkei oder Viktor Orban in Ungarn - vielerorts sind Populisten an der Macht, die es mit Demokratie und dem Schutz von Minderheiten nicht allzu genau nehmen. Auch bei uns hat mit der AfD eine rechtspopulistische Partei an Boden gewonnen. Gerade eben erst ist sie in den Bundestag eingezogen. Passend zum Thema haben die österreichischen Autoren Walter Ötsch und Nina Horaczek ihren "Leitfaden" vorgelegt: "Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung" heißt ihr Buch.

Einseitige Betrachtung des Begriffs "Populismus"

Populismus ist wissenschaftlich gesehen nicht an eine bestimmte politische Richtung gebunden, sondern eine Strategie, die für sich reklamiert, den Willen und die Interessen des sogenannten Volkes, lateinisch "populus", gegen die Interessen der Elite zu verteidigen.

Ötsch und Horaczek beziehen den Begriff "Populismus" aber ausschließlich auf rechtsgerichtete Parteien und Politiker. Das ist angesichts des Erfolgs rechter Populisten zwar nachvollziehbar, allerdings hätten die Autoren diese Entscheidung erklären oder auch im Titel berücksichtigen sollen.

Das Populisten-Prinzip heißt: "Wir gegen die anderen"

Sie stellen sich die Aufgabe, Strukturen und Strategien des Rechtspopulismus bis in die kleinsten Einheiten zu sezieren:

Muster 1: Erfinden Sie eine Gesellschaft, die nur aus zwei Gruppen besteht, den WIR und den ANDEREN. Rechtspopulisten haben stets dieselbe Erzählung: jene von einer zutiefst gespaltenen Welt, in der zwei Gruppen gegeneinander kämpfen. Zitat aus dem Buch "Populismus für Anfänger"

Und in der Tat - unter diesem einfachen Nenner lassen sich die einzelnen Rechtspopulisten Europas bis hin zu US-Präsident Trump versammeln: Sie erfinden ein "Volk", eine homogene Gruppe, die es in Wahrheit so nicht gibt, ein "Wir", das sich gegen seine Feinde, "die anderen", wehren muss. Die anderen, das sind sowohl die sogenannten Eliten, als auch die sogenannten Fremden.

Und gegen die "anderen" ist den Demagogen jedes sprachliche Mittel recht, so die Autoren Ötsch und Horaczek.

Ironischer Leitfaden für "fiktive Populismus-Lehrlinge"  

Die beiden setzen eine ironische Figur ein, sie nennen ihr Buch eine "Anleitung zur Volksverführung" und wenden sich in ihrer Ansprache an "fiktive Populismus-Lehrlinge". So gewinnt das Buch über dieses unangenehme Thema eine gewisse Lockerheit.

Muster 3: Erfinden Sie Kose- und Hassnamen für die anderen. Verwenden Sie Gefühlssprache statt Sachsprache. Verwenden Sie Hasssprache für die anderen. Zitat aus dem Buch "Populismus für Anfänger"

Haben rechte Populisten kein Interesse an Sachthemen?

Laut den Autoren haben die rechten Populisten kein Interesse an Sachthemen. Sie reden in Bildern, die direkt die Emotionen ihrer Adressaten ansprechen. Und genau das macht es auch so schwer, sie mit sachlichen Argumenten zu bekämpfen.

Ötsch und Horaczek zitieren psychologische Studien, wonach die allgemeine Akzeptanz von Personen und Gruppen sinkt, nachdem sie eine gewisse Zeit massiv sprachlich abgewertet wurden.

Überall konnte in den letzten Jahren eine enorme Verrohung in der Sprache festgestellt werden, wie die AfD-Expertin Melanie Amann zur AfD meint: Eine Stuttgarter Abgeordnete darf ungestraft vor einem "schleichenden Genozid an den Deutschen" warnen, ein Hamburger Bürgerschaftsmitglied Musliminnen als "Frauen in Müllsäcken" diffamieren. Zitat aus dem Buch "Populismus für Anfänger"

Tricks, um Koordinaten der Gesellschaft langfristig zu verschieben

Die Rechtspopulisten begehen immer wieder kalkulierte Tabubrüche, um ihre Themen in die Öffentlichkeit zu hieven, so die Autoren, und um damit langfristig die politischen Koordinaten und die moralischen Kategorien einer Gesellschaft zu verschieben.

Sie listen detailliert jeden einzelnen Trick, jedes rhetorische Muster auf, das die Rechtspopulisten anwenden: Manipulationen mit falschen Zahlen, Fake-News, gezielte Provokationen, Beleidigungen. Und so kann dieses Buch wie eine Blaupause über alle Kampagnen aller rechten Demagogen in Europa aber auch in den USA gelegt werden. Die Muster passen, sie wiederholen sich.

"Populisten" oder eher "völkische Demagogen"?

Es wäre Aufgabe einer kritischen Medienöffentlichkeit, die Strategien zu durchschauen und zu durchbrechen. Und nach der Lektüre des Buches stellt sich die Frage, ob der Begriff Populist ausreichend scharf ist für Politiker, die eine biologische und damit letztlich rassistische Definition von "Volk" haben, oder ob hier der Klartext "völkische Demagogen" nicht passender wäre.

Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Verlag:
Westend Verlag
Veröffentlichungsdatum:
1. August 2017
Bestellnummer:
9783864891960
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 27.09.2017 | 10:20 Uhr

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