Stand: 11.11.2015 16:00 Uhr

Von der Mutter verlassen

Rosaleens Fest
von Anne Enright, aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser
Vorgestellt von Katja Weise
Bild vergrößern
Anne Enright wurde 1962 in Dublin geboren. "Rosaleens Fest" ist ihr sechster Roman.

2007 bekam die irische Autorin Anne Enright den renommierten Man Booker Preis für ihren Roman "Das Familientreffen". Der aktuelle "The Green Road", soeben auf Deutsch unter dem Titel "Rosaleens Fest" erschienen, stand in diesem Jahr erneut auf der Longlist für diesen wichtigsten britischen Literaturpreis. Wieder erzählt die Autorin eine Familiengeschichte, an deren Ende es sogar zu einem Familientreffen kommt - bei "Rosaleens Fest".

Eine wenig liebevolle Mutter

Vier Kinder hat Rosaleen Madigan geboren, zwei Mädchen, zwei Jungen. Ein wirklich enges Verhältnis jedoch entwickelt sie zu keinem der vier, ist sie doch auf eine fordernde Weise unnahbar, und das bis ins hohe Alter.

Wie durch ein Mikroskop blickt Anne Enright auf diese Familie, in der der Vater kaum eine Rolle spielt. Nacheinander nimmt sie sich erst die Kinder, dann die Mutter vor. 25 Jahre Familiengeschichte werden so durchleuchtet, von 1980 - 2005. 1980 ist die jüngste Tochter, Hanna, zwölf Jahre alt. Oft muss sie für ihre Mutter Schmerzmittel aus der Apotheke besorgen, vor allem, nachdem ihr ältester Bruder Dan mitgeteilt hat, dass er Priester werden will.

Töchter und Söhne haben Probleme

Dan wird schließlich doch nicht Priester, sondern erlebt in der New Yorker Schwulenszene sein Coming-out. Den langen Weg dorthin, gesäumt von Selbstbetrug und Lügen, schildert Enright schonungslos: So schafft Dan es nicht einmal ins Krankenhaus, als seine erste große Liebe im Sterben liegt. Erst Jahre später kann er sich dazu bekennen.

Doch auch seine Geschwister machen keine besonders gute Figur. Hanna wird Schauspielerin und hat - nachdem sie selbst Mutter geworden ist - ein massives Alkoholproblem. Emmet arbeitet als Entwicklungshelfer und stumpft emotional immer mehr ab. Die älteste, Constance, ist die einzige, die eine (glückliche) Familie gründet. Doch auch ihr begegnet der Leser in einer Krisensituation.

Ein gemeinsames Weihnachtsfest

2005 kommt die Familie noch einmal in dem alten Landhaus zusammen. Rosaleen hat ihre Kinder zum Weihnachtsfest eingeladen und kündigt an, das Haus, das sie ihr Leben lang kaum verlassen hat, zu verkaufen. Es sei ihr zu einsam dort geworden. Schuld daran sind aus ihrer Sicht auch die Kinder, und deshalb beschließt diese seltsam distanzierte Mutterfigur am Weihnachtsabend, es ihnen heimzuzahlen:

Es würde ihnen leid tun, wenn sie verschwunden wäre..(…) Diesen Leuten, die immer nur dabei waren, sie zu verlassen. Die nicht anriefen, nicht schrieben.(...) Nun, dieses Spielchen konnte man selbst auch spielen. Rosaleen hatte zwei Füße, sie hatte ein Auto. Auch Rosaleen konnte zur Tür hinausgehen und nicht mehr zurückkommen. Und wie fühlte sich das an? Wie fühlte sich das an, wenn einen die Mutter verließ? Ha! Leseprobe

Hoffnung am Ende eines düsteren Romans

"Rosaleens Fest" ist ein dichter, die gegenseitigen Verletzungen penibel aufspürender Familienroman, der auch zeigt, was das Miteinander eigentlich ausmacht. Dabei läuft die Autorin nie Gefahr, plump zu psychologisieren. Sie ist eine genaue, sensible und - sofern man das in diesem Fall sagen kann - unbestechliche Beobachterin.

Sie folgt ihren Figuren durch die Welt und führt sie schließlich dort wieder zusammen, wo sie geboren wurden. Damit sie - vielleicht - ein zweites Mal aufbrechen können. So bleibt am Ende Hoffnung, die dieser über weite Strecken recht düstere Roman auch gut vertragen kann. Denn manchmal möchte es einem schier das Herz zerreißen.

Rosaleens Fest

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Verlag:
DVA
Bestellnummer:
978-3-421-04700-7
Preis:
19,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.11.2015 | 12:40 Uhr