Stand: 04.09.2017 15:41 Uhr

Erinnerungen an ein Niemandsland

von Gabriele Denecke
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Zwei Bücher befassen sich mit der Geschichte des Staates Neutral-Moresnet.

Über 100 Jahre lang existierte der Staat Neutral-Moresnet. Er war knapp vier Quadratkilometer groß, lag zwischen Aachen und Maastricht, ein geografisches Kuriosum, das nach dem Wiener Kongress 1816 entstand. Zwei Bücher erzählen nun die Geschichte: "Niemands Land" von Philip Dröge und "Zink" von David van Reybrouck.

Land ohne Nation

Der niederländische Autor Philip Dröge nennt Neutral-Moresnet einen "seltsamen Irrtum",  ein Land ohne Nation. Doch wie kam es dazu? Akten aus dem Nationalarchiv Den Haag zeigen eine Geschichte, die 200 Jahre zurück reicht. Als die Delegierten des Wiener Kongresses, 1815 mit Napoleon im Nacken hastig die neuen Grenzen ziehen, passiert ihnen ein Fehler. Zwischen Preußen und den Niederlanden klafft eine Lücke, knapp vier Quadratkilometer groß. Ein Stück "Niemands Land" mit anfangs 256 Einwohnern, später ein paar Tausend. Ein Land, über das sich Preußen und die Niederlande streiten. "Von Anfang an hat man versucht, das Problem Moresnet zu lösen", sagt Autor Philip Dröge. "Und ein Jahrhundert lang ist es nicht gelungen, es zu lösen. Und weshalb nicht? Es war zu klein, um ein richtiges Problem zu sein und es war auch zu kompliziert, weil hier auch sehr viel Geld verdient worden ist."

Neutrales Land mit Sonderrechten

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"Es kamen nicht nur Abenteurer, es kamen auch Idealisten", sagt Philip Dröge.

Moresnet ist reich und hat eine der größten Zinkminen Europas. Weder Preußen noch die Niederlande wollen sich zurückziehen und verhandeln einen Kompromiss: das "Niemands Land" wird neutral. Die Menschen, die hier leben, sind staatenlos, haben Sonderrechte. Ein wenig Wildwest und auch eine Art Multikulti-Gesellschaft mit Preußen, Niederländern, Franzosen, Amerikanern. Es gibt sogar die Idee, Moresnet zu einem neutralen Land mit neutraler Sprache zu machen. Philip Dröge schildert es so: "Es kamen hier nicht nur Verbrecher und Abenteurer, es kamen auch Idealisten her. Einer von ihnen war der Arzt Molly. Er hat gedacht, ich kann hier etwas Schönes gründen. Ich kann einen Staat machen, zum Beispiel mit Esperanto als Landessprache. Und vielleicht kann der Frieden in Europa hier anfangen und sich vielleicht von hier aus ausbreiten."

"Zink": Fesselnde Geschichtsnovelle

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Viele Leute hätten stark gelitten, sagt Leo Rixen.

Nicht der Frieden, der Krieg breitet sich in Europa aus. Als er 1914 beginnt, ist der Junge Emil Rixen noch ein "Neutral-Staatler". Nach dem Einmarsch der Deutschen wird er Deutscher und nach dem Versailler Vertrag 1919 Belgier. Neutral-Moresnet gibt es nicht mehr. Obwohl er nie Moresnet verließ, wie die Kinder von Emil Rixen erzählen, wechselte er im Laufe seines Lebens fünf Mal die Staatsangehörigkeit. Der belgische Autor David van Reybrouck war fasziniert vom Leben dieses Mannes, dessen Identität so oft wie ein Klumpen Zinkerz geschmolzen und umgeschmolzen wurde. Mit "Zink" hat er eine fesselnde Geschichtsnovelle über Neutral-Moresnet und seine Bewohner geschrieben, über ein Gebiet, das zwischen alle Stühle fiel. Van Reybrouck schreibe darüber, was die Politik mit den kleinen Leuten mache, sagt Emil Rixens Nachfahre Leo Rixen. "Und das ist für mich wichtig. Dass man das verstehen muss, dass viele Leute unter den großen Entscheidungen so stark leiden. Das finde ich eine Perspektive, die das Buch auch so ergreifend macht."

Dröge: Können von Moresnet lernen

Die Bücher:

Philip Dröge: "Niemands Land"
Sachbuch
288 Seiten, Piper Verlag, 22 Euro

Davon Van Reybrouck: "Zink"
Sachbuch
86 Seiten, Suhrkamp, 10 Euro

An diesen Ort zu erinnern, ist das Verdienst von Philip Dröge. Nebenbei ist seine Geschichte sehr aktuell. Er fragt, wie die Zugehörigkeit zu einer Nation das eigene Denken, das Fühlen bestimmt. Seine Antwort: Es spiele keine Rolle, woher man kommt, sondern wer man ist. "Wir können von Moresnet lernen, dass man versuchen muss, diese Grenzen zum Vorteil der Menschen zu nutzen. Über diese Grenzen hinaus handeln, sich Freunde machen. Dass ist das, was hier passiert ist."

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