Stand: 31.07.2016 20:22 Uhr

NDR Buch des Monats: "Bei Sturm am Meer"

Bei Sturm am Meer
von Philipp  Blom
Vorgestellt von Claudio Campagna
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Autor Philipp Blom wurde 1970 in Hamburg geboren. Er lebt heute in Wien.

"Bei Sturm am Meer" ist der inzwischen dritte Roman von Philipp Blom. Der gebürtige Hamburger lebt in Wien und arbeitet dort vor allem als Journalist und Historiker. Für seine Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs "Der taumelnde Kontinent. Europa 1900-1914" wurde er im Jahr 2009 mit dem NDR Kultur Sachbuchpreis ausgezeichnet. Sein neues Buch erzählt über drei Generationen die Geschichte einer Familie, die sich für die Hauptfigur als große Illusion entpuppt.

Das Bild einer Familie

Das Meer ist immer in der Nähe, wohin es die Familie des Erzählers Ben auch zieht: Hamburg, Den Haag oder Amsterdam. Selbst in Ellerbach, einem fiktiven Provinznest im Norden Deutschlands, auf einem Bild.

"Das Bild stammt aus dem achtzehnten Jahrhundert und zeigt einen Sturm vor der holländischen Küste. Ein Schiff ist auf einen Felsen gelaufen, die Masten stehen mit dramatischer Schlagseite gegen den zornigen Himmel." Leseprobe

Unerwartete Erkenntnisse

Ben, 44 Jahre alt, ist nach Amsterdam gereist. Dort will er seine verstorbene Mutter Marlene bestatten lassen. Doch weil ihre Urne in der Post hängen geblieben ist, hat er Zeit. Und er macht eine Entdeckung, die sein bisheriges Leben umzukrempeln scheint. Er will eine Art Beichte ablegen und verstehen. Also schreibt er einen langen Brief an seinen vier Jahre alten Sohn:

"Ich will Dir alles erzählen und kann nur hoffen, dass du, wenn du in meinem Alter bist, selbst genug gelebt und gesehen hast, um jemanden zu verstehen, der gerade am Punkt des Scheiterns steht, der Protagonist einer absurden und improvisierten Familienkomödie." Leseprobe

Eine Komödie mit oft tragischen Zügen. Ben verfolgt sie in seinem Brief bis zur Großmutter zurück. Ihren Traum, Schauspielerin zu werden, konnte sie nicht leben: Ein uneheliches Kind, früh verwitwet, als Deutsche in Holland scheel beäugt, sucht sie Zuflucht im Sherry, Marke Tío Pepe, den sie ihren "Hausfreund" nennt.

Der befreiende Sturm

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Auch deren Tochter, Bens Mutter Marlene, kann sich nicht so recht entfalten in Ellerbach. "Sie ist glücklich, wenn sie am Meer ist und wenn es stürmt. Nicht dann, wenn die Sonne scheint und Kinder Sandburgen bauen, sondern gerade, wenn sich die Elemente wirklich aufbäumen und man sich auch selbst in den Wind lehnen muss, um wirklich weitergehen zu können. Diese elementare Erfahrung erfährt sie als etwas enorm Befreiendes: befreiend von den sehr vorstädtischen und kleinbürgerlichen Begrenzungen, die ihr eigenes Leben da hat," beschreibt sie Philipp Blom.

"Bei Sturm am Meer", diese Erfahrung kennt auch Philipp Blom. Der Autor wurde wie seine Hauptfigur in Hamburg geboren, und verließ wie diese seine Heimatstadt mit vier Jahren. Wie Ben lebt auch Blom als Erwachsener in Wien. Doch trotz all dieser Gemeinsamkeiten sagt er: "Ein Roman fängt dann an, interessant zu werden, wenn er anfängt, den Autor zu überraschen. Wenn man was schreibt und sich denkt: 'Das ist aber seltsam. Wie ist das denn gekommen?' Und dann muss das erklärt werden und dann entwickelt sich daraus etwas," verrät der Autor.

Als die Romanfigur Ben vier Jahre alt ist, verschwindet sein Vater, ein "Spiegel"-Reporter, spurlos in Kolumbien. Entführt? Geflohen? Umgebracht? Die Mutter erzählt eine Heldengeschichte und Ben schafft sich in der Fantasie einen Helden-Papa, wie es ihn in Wahrheit freilich nie gegeben hat. Das findet Ben schließlich in Amsterdam heraus. Und so stellt er sich nun die Frage, ob nicht sein ganzes Leben auf Lügen fußt.


Lebenslügen gehören dazu

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"Ich glaube, Lebenslügen gehören zu unserem Erwachsensein. Es ist gut, wenn sie klein sind und wenn man ab und zu versucht, sie zu bereinigen. Aber dass die Realität und die Persönlichkeit, als die man sich selber sieht oder gesehen werden möchte, auseinanderklaffen, und dass man versucht diese Kluft zu überwinden oder sozusagen überzutapezieren durch plausible Geschichten - ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der das nicht hat", sagt Blom.

Auch Bens Aufzeichnungen im Hotel sind von dieser Versuchung nicht frei. So wird die Geschichte immer mehr zum Rätselraten: Was geschah wirklich in Bens Kindheit? Und wie sehr ist seinen Erzählungen zu trauen? Ben findet heraus, wie ähnlich er seinem Vater geworden ist, obwohl er ihn ja kaum gekannt hat. Diese Erkenntnis beunruhigt ihn.

"Ich habe das Gefühl: Ich könnte in dieses Leben hineinschlüpfen wie in einen alten Schuh, ich würde mühelos hineingleiten, und doch ist es mir zutiefst fremd und zutiefst verachtenswert." Leseprobe

Wie frei wählen wir uns wirklich selbst? "Bei Sturm am Meer" fordert den Leser heraus, über sich selber nachzudenken. Stück für Stück kristallisiert sich das Geschehene heraus. Das macht den Roman auch zu einer spannenden Lektüre.

Bei Sturm am Meer

von
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Paul Zsolnay
Veröffentlichungsdatum:
25.07.2016
Bestellnummer:
978-3-552-05793-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 01.08.2016 | 12:40 Uhr