Stand: 12.07.2017 10:00 Uhr

NDR Buch des Monats: "Lichter als der Tag"

Lichter als der Tag
von Mirko Bonné
Vorgestellt von Joachim Dicks

Die jüngsten Romane des Hamburger Schriftstellers Mirko Bonné wurden als Anwärter auf den Deutschen Buchpreis gehandelt. "Wie wir verschwinden" kam 2009 auf die Longlist; "Nie mehr Nacht" 2013 sogar auf die Shortlist. Deshalb darf man sehr gespannt sein, wie sein neuer Roman aufgenommen wird. "Lichter als der Tag" ist jedenfalls schon mal von unseren Literaturredaktionen beim Fernsehen und bei NDR Info und NDR Kultur zum Buch des Monats gewählt worden.

Der letzte Roman von Bonné "Nie mehr Nacht" endete in der Hamburger Kunsthalle. Diesmal - in "Lichter als der Tag" - beginnt die Geschichte im Hauptbahnhof. Ebenfalls in Hamburg.

Grafik: Links steht ein junger Mann. Daneben der Satz: Wenn er mit Flori schlief, dachte er an Inger. Dann stellte er sich vor, wie sie mit Moritz schlief. © NDR

Wenn Menschen ein einbetoniertes Leben leben

Kulturjournal -

Was geschieht, wenn Menschen in falschen Beziehungen leben? In seinem Roman "Lichter als der Tag" beschreibt Mirko Bonné präzise und ausdrucksstark eine dramatische Vierecksgeschichte.

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Raimund Merz arbeitet bei der Wochenzeitung "Der Tag". Er ist mit Floriane verheiratet. Sie ist erfolgreiche Ärztin. Sie haben zwei Töchter. Eigentlich läuft alles gut. - Eigentlich. Es ist das Bahnhofslicht, in dem das Leben plötzlich völlig neu erscheint.

"Unter dem Stahl-und-Glas-Dach des Hamburger Hauptbahnhofs stand das ersehnte Licht vielleicht an acht oder zehn Tagen im Monat, dann aber so, als hätte es sich des notorischen Schmuddelwetters wegen in die Halle zurückgezogen und würde nun dort aufbewahrt werden. Es schien zu warten, nicht bloß auf Reisende, die aus dem Zug stiegen und verblüfft waren von der Helligkeit, der Herrlichkeit, mit der die Hansestadt sie willkommen hieß; das Licht war eine Wohltat gerade für Einheimische wie ihn, die morgens vor dem Büro oder nach Feierabend über die Bahnsteige schlenderten, als wären sie Bahnangestellte in Zivil." Buchzitat

Eigentlich läuft alles gut

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"Licht" ist nicht nur ein Symbol für den Protagonisten des Romans "Lichter als der Tag", sondern auch für den Autor Mirko Bonné.

Den Titel hat Mirko Bonné aus einem Gedicht des Barockdichters Andreas Gryphius entlehnt. Die vollständige Zeile heißt "Nacht, lichter als der Tag!". Die Nacht, das Dunkel hat es Mirko Bonné offenbar angetan: "Es ist auf jeden Fall so, dass ich 'Lichter als der Tag' als eine Fortsetzung - sagen wir mal: eine Fortschreibung - von 'Nie mehr Nacht' verstehe. Ebenso wie 'Nie mehr Nacht' eine Fortschreibung von 'Wie wir verschwinden' ist. Ich verstehe die drei Romane als Triptychon, will das aber nicht deutlich machen. Die Nacht in meinem Werk ist eher ein Bild, eine Metapher für dunkle Seelenzustände, Abgründe im eigenen Gemüt. In 'Nie mehr Nacht' waren es natürlich Depressionen. Auch jetzt, in diesem Roman geht es darum, wie man eine solche Depression, einen solch dunklen Seelenzustand überwinden oder verhindern kann", sagt er.

Erinnerung gehört für Raimund Merz zu diesem Weg aus dem Dunkel ins Licht. Schrittweise erfährt der Leser, dass Merz seine Frau Floriane seit Kindertagen kennt. Wie auch Moritz und Inger, die Tochter eines dänischen Malers. Die vier wuchsen zusammen auf. Sowohl Moritz als auch Raimund verliebten sich in Inger, aber Raimund musste sich schließlich zurückziehen und heiratete - zum Trost - Floriane.

"Merz spürte in dem Licht, dass es für einen wie ihn anscheinend nur weniges gab, für das sich zu leben wirklich lohnte. Kinder, ja. Freundschaft, ja. Und vielleicht Liebe, und vielleicht Erinnerungen. In dem Leuchten lag eine rätselhafte, warme Zuneigung, und vieles, was er erlebt hatte, war ihm nur verständlich, weil es in diesem Licht geschehen war." Buchzitat

Dem Leben eine neue Wendung geben

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Mirko Bonné hat das mitreißende Porträt eines Mannes geschrieben, der es schafft seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Lösen Sie das Quiz und gewinnen Sie das Buch "Lichter als der Tag"! Quiz

Mirko Bonné versteht es glänzend, Fährten zu legen, Motive auszubreiten, Geschichten zu entwerfen und sie Schritt für Schritt auszubauen. Gleich zu Beginn ist die Rede von dem Maler Camille Corot und von dessen Bild "Weizenfeld im Morvan". Aber es dauert lange, bis der Leser durchschaut, was es mit diesem Bild auf sich hat - und weshalb Merz dafür schließlich zum Dieb wird.

"Da war das Bild! Ohne Zweifel war es genau das, vor dem er vor mehr als dreißig Jahren in einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle so gestaunt hatte. Lange standen sie davor. Moritz mochte das Gemälde nicht, aber erklärte es Raimund. Da waren der Landarbeiter und die Frau, beide nur von hinten zu sehen, der Mann bückte sich, schnitt Weizen am Rand eines Feldes, und die Frau in dem hellblauen Kleid, mit grauer Schürze, weißer Haube, sah ihm zu." Buchzitat

Aus dem Dunkel ans Licht

Das Vordach des Hauptbahnhofs Hamburg am Ausgang Kirchenallee. © NDR Fotograf: Heiko Block

Mit Mirko Bonné durch den Hamburger Bahnhof

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Joachim Dicks hat sich mit Mirko Bonné verabredet, um mit ihm über seinen neuen Roman "Lichter als der Tag" zu sprechen, der zum Teil auf dem Hamburger Hauptbahnhof spielt. Anlass für einen gemeinsamen Spaziergang durch den Bahnhof.

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"Lichter als der Tag" ist ein ansteckend hoffnungsfroher Roman mit zahlreichen lyrischen Momenten. Zwischen den Zeilen flüstert uns der Autor zu, dass es nie zu spät ist, im Unglücksfalle sein Leben noch einmal vollständig umzukrempeln. Der Bahnhof als Umschlagplatz für Ideen und Weltansichten, als Ort der Ankunft und des Aufbruchs übernimmt dabei eine weitere Hauptrolle.

"Ich denke, es ist dazu gekommen, dass ich mich in den letzten Jahren sehr oft am Hamburger Hauptbahnhof aufhalte. Ich bringe hier immer meine Töchter hin, die in Berlin leben. (...) Weil ich viele emotionale Situationen hier in den letzten Jahren erlebt habe, hier im Hamburger Hauptbahnhof, und mich mit dem Gebäude und mit den Menschen, mit der Vielfalt, mit dem Licht einmal auseinandersetzen wollte." Buchtitat

Beim Leser hat das Buch viele mögliche Wirkungen: großes Lesevergnügen oder geschärfte Reflexionen aufs eigene Leben. Eine Wirkung ist gewiss: Den Hamburger Hauptbahnhof sieht man fortan mit völlig neuen Augen.

Lichter als der Tag

von
Seitenzahl:
336 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling Verlag
Bestellnummer:
978-3-89561-408-8
Preis:
22,00 €

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