Stand: 18.07.2016 10:34 Uhr

NDR Buch des Monats: "Fallwind" von Till Raether

Fallwind
von Till Raether
Vorgestellt von Verena Gonsch

Till Raether ist normalerweise der Autor fürs Leichte, Alltägliche. Der Hamburger ist bekannt für seine Kolumnen im "SZ"-Magazin und in der "Brigitte" und hat auch den "Kleinen Beziehungsratgeber" geschrieben. Seit zwei Jahren hat sich Raether auf das Metier des Krimis verlegt. Alle spielen an norddeutschen Standorten. "Fallwind", sein dritter Roman um den einsamen Hauptkommissar Adam Danowski, hat der NDR jetzt zum Buch des Monats Juli gekürt.

Gefangen in einer Gondel

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Tosendes Meer bildet den passenden Hintergrund des Krimis "Fallwind", der auch für Nicht-Krimi-Fans eine anregende Lektüre sein kann.

Fallwinde sind tückisch und doppeldeutig - es sind nicht nur die Winde, die am Berg plötzlich abfallen, sondern auch die Luftbewegungen, die fallende Körper auslösen. In der Gefahr, zu fallen, schwebt Kommissar Danowski das ganze Buch über. Psychisch, aber auch in Wirklichkeit: Schon ganz zu Anfang erwacht er als Geisel in einer Windkraftgondel, 120 Meter über dem stürmischen Meer. Kein idealer Ort für den hochsensiblen, burnout-gefährdeten Ermittler mit einem gewissen Hang zur Klaustrophobie.

Er weiß nicht, wo er ist, fühlt sich wie betäubt. Langsam kann er Konturen ausmachen: einen Raum, viel Technik, keine Fenster. In der Ferne ein Rauschen. Unter ihm schwankt der Boden. Langsam begreift Kommissar Danowski, dass er sich in der Gondel eines Windrades befindet, unmittelbar hinter dem Rotor. Und er ist nicht allein: Ihm gegenüber auf der anderen Raumseite liegt eine Frau auf dem Fußboden. Leseprobe

Ein düsteres Bild des Nordens

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Quiz: Krimi "Fallwind" zu gewinnen!

Adam Danowski erwacht als Geisel in einer Windkraftgondel. Damit beginnt sein neuer Fall. Lösen Sie das Quiz und gewinnen Sie das Buch "Fallwind" des Hamburger Autors Till Raether! Quiz

Es geht um Mord und eine lang zurückliegende Freundschaft zwischen drei Frauen und einem Mann. Dazwischen entblättert sich das Bild einer dieser vielen norddeutschen Kleinstädte, die - nicht Fisch nicht Fleisch - kaum vom Tourismus leben können und verzweifelt auf die erneuerbaren Energien setzen. Hier ist es die Windkraftbranche - und die kommt bei allerlei krummen Machenschaften gar nicht gut weg.

Der Hamburger Till Raether gibt zu, dass er seiner Hauptperson schon viel vom Großstädter, der auf die Provinz herabschaut, auf den Leib geschrieben hat: "Der Kommissar ist arrogant. Er kommt aus Berlin und ist nach Hamburg abgeworben worden. Und er hat schon diesen verzerrten Blick auf Hamburg und kommt mit diesem doppelt verzerrten Blick an die Nordseeküste. Es spielt in der Nordenhamer Gegend, die Landschaft hat im Herbst etwas Düsteres - und das zusammen mit der Arroganz des Ermittlers ergibt ein düsteres Bild der Nordseeküste hinter der Wesermündung."

Antihelden auf allen Seiten

Till Raether lässt dabei kaum ein gutes Haar an seinen Protagonisten, den Kommissar eingeschlossen. Alle sind irgendwie in der midlife crisis oder gerade dem Alkoholtod entronnen, es gibt schlagende Frauen und betrügende Männer, alle hadern mit allerlei Schicksalsschlägen und kämpfen um ein wenig Leichtigkeit. Es gibt eigentlich nur Antihelden, auf beiden Seiten. "Das liegt aber auch daran, dass man mit Anfang, Mitte 40 im Beruf das Plateau erreicht hat, was man erreichen kann. Man guckt in den Abgrund der eigenen Endlichkeit. Und fragt sich eigentlich immer: Lebe ich das richtige Leben, lebe ich das gute Leben und lebe ich es so, wie ich selbst gerne leben möchte? Oder lebe ich es fremdbestimmt nach den Maßstäben der anderen?", erklärt der Autor.

Eine geistreiche Erscheinung

Eine besonders skurrile Rolle spielt dabei Adam Danowskis Mutter, die - schon über 30 Jahre tot - ihm hier und da plötzlich erscheint.

Seine Mutter saß allein in der letzten Reihe an der Wand, und sie hatte diesen leicht amüsierten Gesichtsausdruck, ein wenig ungeduldig, wann kommt denn jetzt die Pointe? Er machte ein kleines Zeichen in ihre Richtung, damit sie ihm nicht dazwischenredete. Leseprobe

Nicht nur für Krimifans anregend

Porträt

Till Raethers Wandlung zum Krimiautor

Till Raether ist in seinen Krimis norddeutsch durch und durch. Den Berliner Akzent hört man noch, aber sein Lebensmittelpunkt ist die Hansestadt. Das scheint in jeder Zeile seiner Krimis durch. mehr

Till Raether, sonst  Meister der leichteren Alltagskolumnen, kann sich in diesem Genre richtig austoben: "Ich glaube, dass die Themen, die ich im Krimi beschreibe, die gleichen sind, die ich in Glossen und Kolumnen behandelt habe, sei es, dass wir es als Marotte bezeichnen oder als Beziehungsprobleme. Das interessiert mich immer, das anzudeuten, aber man hat im Krimi die Gelegenheit, es bis in die letzte, destruktive Tendenz auszubreiten und durchzudenken."

Das ist ihm gelungen. Es ist spannend, wunderbar dicht geschrieben, mit vielen interessanten Einblicken in die Abgründe der Psyche. Und damit auch für Nicht-Krimi-Fans eine anregende Lektüre - zumal Till Raether auf drastisch grausame Szenen wie im letzten Buch in diesem Krimi verzichtet.

Till Raether liest im Norden

am 3.09.2016, 19.00 Uhr, in Hamburg
im Rahmen der "Langen Nacht der Literatur";
Ort: Jacques Weindepot, Sievekingsallee 68, 20535 Hamburg

am 22.09.2016, 19.30 Uhr, in Schwarzenbek,
Ort: Buchhandlung Lesezeit, Markt 3, 21493 Schwarzenbek

am 29.09.2016, 19.30 Uhr, in Hannover
Ort: Buchhandlung Leuenhagen & Paris, Lister Meile 39, 30161 Hannover

am 7.10.2016, 19.30 Uhr, in Hamburg
Ort: Büchereck Niendorf-Nord, Nordalbinger Weg 15, 22455 Hamburg

am 4.11.2016, 00.00 Uhr, in Schenefeld
Ort: JUKS Schenelfeld, Osterbrooksweg 25, 22869 Schenefeld

am 20.03.2017, 00.00 Uhr, in Heiligenhafen
Hafenhotel Meereszeiten, Hafenstr. 2, 23774 Heiligenhafen

weitere Lesungen im Bundegebiet auf der Seite des Rowohlt-Verlages.

Fallwind

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-499-27200-4
Preis:
14,99 €

Dieses Thema im Programm:

Neue Bücher | 21.07.2016 | 06:55 Uhr