Stand: 02.05.2017 12:40 Uhr

NDR Buch des Monats von Uwe Kopf

Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe
von Uwe Kopf
Vorgestellt von Korinna Hennig
Der Journalist Uwe Kopf starb am 9. Januar 2017 - kurz vor seinem 61. Geburtstag.

Der Hamburger Autor Uwe Kopf hatte jahrzehntelang eine treue Fangemeinde, die ihn geradezu verehrte. Als Kolumnist, Musik- und Gastrokritiker schrieb er für rund 70 verschiedene Zeitungen und Magazine und prägte ganz maßgeblich die Zeitschrift "Tempo" in den 80er- und 90er-Jahren. Im Januar starb Uwe Kopf im Alter von 60 Jahren. Nun ist sein einziger Roman erschienen: "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" - unser NDR Buch des Monats.

Zwei Wochen vor seinem Sterbetag hatte Tom in Mutters Küche gesessen und geweint, Muttertag, es gab Spargel und Schinken wie immer, wenn Mutter an diesem Tag für ihre beiden Jungs kochte ... Leseprobe

Tom ist viel bei seiner Mutter; er ist 40 Jahre alt und hat nach gängigen Maßstäben nichts gemacht aus seinem Leben. Phasenweise arbeitet er bei der Post, meistens aber nicht. Ansonsten trinkt er zu viel Pils, liebt die Musik von Rory Gallagher und sortiert hin und wieder seine Horrorfilmsammlung um. Ein sanfter Mensch mit Jesusfrisur und ohne Ambitionen - bis er Eva trifft, die Seligkeit mit ihr erlebt und sie bis zur Selbstverleugnung anbetet. Eva, die ihn ein knappes Jahr später wieder verlassen wird.

Geschichte voller Lebenskatastrophen

Mutter fragte ihn: "Warum grinst du denn so?", so habe er ja noch nie gegrinst, und außerdem weine er ja, während er grinst ... Du wirst schon sehen, was das Grinsen bedeutet, dachte Tom, ihr alle werdet es sehen, aber dann wird's zu spät sein, nachher, gleich wird's zu spät sein. Leseprobe

Es geht nicht gut aus mit Tom, daran lässt der Roman von Anfang an keinen Zweifel, er wird sich erhängen, "nach Art der Greise", auf den Knien, doch die Episode mit Eva ist nur der Schlusspunkt einer langen Geschichte voller Lebenskatastrophen. Katastrophen, die nicht nur Tom, sondern auch Uwe Kopf selbst widerfahren sind. Es ist die wahre Geschichte seines Bruders, die der Autor hier erzählt: Fast 20 Jahre ist es her, dass Tom sich das Leben nahm, und mit großem dramaturgischem Geschick und voller Poesie arbeitet der Autor sich an dem Tod des Bruders ab. "Er ist nach wie vor auf seinen toten Bruder sehr wütend und ärgerlich gewesen", sagt Kopfs Agent Stephan Timm. "Nicht darauf, dass er sich umgebracht hat, sondern beispielsweise, dass er keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat und damit seiner Mutter so viel Schmerz und Kummer zugefügt hat."

Größter Teil ist autobiografisch

Auch sich selbst hat Uwe Kopf mit hineingeschrieben in den Roman, Sören nennt er sich, ein Frauentyp, der erfolgreich für eine Zeitschrift schreibt und den Bruder mit 500 Mark monatlich unterstützt. Ein ungleiches Geschwisterpaar, das aber eng miteinander verbunden war, erzählt Uwe Kopfs langjährige Freundin Andrea Hacke. "In dem Buch sind sehr viele Geschichten, die tatsächlich stattgefunden haben", sagt sie. "Sehr viele Menschen, die nicht mit Klarnamen vorkommen, aber die in Uwes und Toms Leben eine große Rolle gespielt haben - also der größte Teil des Buches ist schon autobiografisch."

Todtraurig, aber voller Anekdoten und ironischem Charme

Da sind die Kindheit im rauen Hamburger Stadtteil Berne abseits der hippen Mittelschichtsviertel, die verschiedenen Ehemänner der Mutter, der erste in einer Sekte, der zweite ein Nazi, später ein Schläger. Es tauchen skurrile Gestalten auf, die das Leben der beiden bewohnen - sie heißen Lori und Rollo und Herr Hirtz, es geht um Minigolf und Dosenbier, verkommene Vaterfiguren und den ersten Besuch in der Herbertstraße, sehr viel um Sex und immer, immer wieder um das Sterben. Es ist ein todtrauriges Buch, natürlich, aber auch eines voller 70er- und 80er-Jahre-Anekdoten, voller ironischem Charme und nicht zuletzt voller Zeitgeschichte und Kultur.

Mein Bruder hatte mal behauptet, er könne eine Frau sogar lieben, obwohl sie nicht weiß, wer Elvis und die Beatles sind, aber eine Frau, die sich für Musik von Bryan Adams oder Toto begeistert, könnte er niemals lieben, auch wenn sie sonst nur Vorzüge hätte ... Leseprobe

Blick auf den Autor - durch die Brille des toten Bruders

Weitere Informationen

Suizidgedanken? Es gibt Auswege!

Denken Sie daran, sich das Leben zu nehmen? Es gibt viele Menschen, die ein offenes Ohr für Ihre Probleme haben. Hier finden Sie Links und Telefonnummern. mehr

Uwe Kopf schreibt in oft langen, atemlos berichtenden Sätzen, dicht dran an einer Sprache, die den Leser gern glauben lässt, dass es Toms Sprache ist. Es ist ein unaufgeregter Bericht, der das geballte Unglück fast dämpft, wattiert in diesem persönlichen Phlegma, das mal entspannt, mal depressiv rüberkommt. Erzählt wird Toms Geschichte meistens in der Ich-Perspektive - mit abrupten Wechseln in die dritte Person. Immer aber bleibt Tom im Fokus. Erzähltechnisch hat das eine erstaunliche Wirkung, vor allem dann, wenn Uwe Kopfs Alter Ego Sören auftritt. Denn tatsächlich schafft er es, vergessen zu lassen, dass es nicht Tom ist, der all das geschrieben hat - so sehen wir auch ihn, den Autor selbst, durch die Brille des toten Bruders. "Er hat immer gesagt, dass er so was wie Glück nicht empfinden kann", sagt Kopfs langjährige Freundin Andrea Hacke. "Und wenn man das Buch liest, versteht man etwas mehr, warum." 

"Uwe Kopf ist für die allermeisten ein Phantom"

Die Autoren oft gestellte Frage: "Und wie viel davon ist nun wirklich passiert?" - hier ist sie nicht vulgär, sondern hat durchaus ihre Berechtigung. Denn während der Roman sich Tom und seinem Leben ausführlich widmet, bleiben die Verletzungen, die das viele Unglück bei dem Autor selbst angerichtet haben müssen, ein blinder Fleck. Doch sie lassen sich mitlesen, gewissermaßen autovervollständigen, wenn von einer traumatischen Kinderlandverschickung erzählt wird, mit schockierend grausamen Erzieherinnen, oder von einer frühen Psychose der Mutter - und ganz zuletzt von dem größten Verbrechen an seiner Kindheit, das erst spät, mit grausamer Beiläufigkeit, zur Sprache kommt. So hat Uwe Kopf mit dem Roman über seinen Bruder auch fast so etwas wie ein Selbstporträt geliefert. Denn egal wie unterhaltsam und bissig seine Kolumnen in Zeitgeist-Magazinen waren, egal wie viele Fans er hatte, und so sehr er mit den Frauen an seiner Seite auch das Leben genießen konnte - er blieb voller Ängste, ein Stück weit soziophob und - wie er selbst es nannte - ein "weltfremder Kopf". 

Porträt

Uwe Kopf: Kompromisslos und berüchtigt

Bei der Zeitschrift "TEMPO" galt Uwe Kopf als Edelfeder, der klare Regeln gegen Sprachklischees aufstellte. Zum Schreiben kam er zufällig, doch schon sein zweiter Artikel wurde Stadtgespräch. mehr

"Uwe Kopf ist für die allermeisten ein Phantom", so Agent Stephan Timm. "Es gibt fast keine Fotos von ihm, er trat nicht öffentlich in Erscheinung, war ungern mit fremden Leuten zusammen, ungern in geschlossenen Räumen. Das große Lebensunglück, das zu dem Tod seines geliebten Bruders Tom geführt hat, war auch derselbe Grund, der ihn zu diesem menschenscheuen Charakter gemacht hat."

Stephan Timm war es, der Uwe Kopf durch Krisen und Schreibblockaden trug, der ihn überhaupt dazu brachte, dieses Buch zu schreiben, nach einem gescheiterten Romanversuch. Es ist grandios geworden und sollte eigentlich das Debüt eines großen Schriftstellers sein; nun ist es zugleich sein letztes Buch. Zu Ende geschrieben hat er es noch. Fertig gedruckt sollte er "Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe" nicht mehr zu Gesicht bekommen. Uwe Kopf starb am 9. Januar, kaum mehr als zwei Wochen nach seiner Krebsdiagnose.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 02.05.2017 | 10:55 Uhr

Die elf Gehirne der Seidenspinnerraupe

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-00057-3
Preis:
22,00 €

Mehr Kultur

88:28

Eine Hand wäscht die andere

23.10.2017 23:15 Uhr
NDR Fernsehen
05:14

Julia Westlake trifft Nils Mönkemeyer

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
02:32

Wahr. Schön. Gut. - Kulturkritik auf den Punkt

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal