Stand: 30.09.2015 11:27 Uhr

Übersetzer: Autoren in der zweiten Reihe

von Stefanie Doescher
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Klaus Modick schaffte gleich zwei Mal den Sprung auf die Bestsellerlisten: Als Autor und als Übersetzer.

Dass die großen Werke der Weltliteratur auch auf Deutsch vorliegen, das ist nicht zuletzt den vielen Übersetzerinnen und Übersetzern zu verdanken, die Romane aus allen Sprachen für deutsche Leser übersetzen. Seit 1991 ist der 30. September daher der Internationale Übersetzertag. Die Internationale Vereinigung der Übersetzer einigte sich auf dieses Datum in Erinnerung an den Bibelübersetzer und Theologen Hieronymus. Weltweit finden dazu zahlreiche Veranstaltungen statt, denn ohne Übersetzer wären viele Werke der Weltliteratur nie von einem internationalen Publikum gelesen worden. Unter den Übersetzern sind auch zahlreiche bekannte Schriftsteller.

Klaus Modicks aktueller Roman ist ein Hit. "Konzert ohne Dichter" steht seit Wochen auf der "Spiegel"-Bestseller-Liste. Doch es ist nicht das einzige Buch, das der Autor in diesem Jahr auf diese Liste brachte. Denn neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit übersetzt der Oldenburger: 2014 erschien der von ihm ins Deutsche übertragene "Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944" - ebenfalls ein Bestseller.

Modick: "Übersetzen ist für mich bestenfalls ein Handwerk"

Der 54-Jährige ist mit einer Amerikanerin verheiratet. Mitte der 80er-Jahre trat ein Verleger an Modick heran, mit einem unübersetzbaren Werk von William Gaddis. 1988 erscheint "Der Erlöser" auf deutsch. Modick hatte die Herausforderung angenommen, das Buch ins Deutsche übertragen und sich einen Namen in der Szene gemacht.

Seitdem übersetzt der Niedersachse neben der Schriftstellerei Bücher von Charles Simmons, Robert Louis Stevenson und William Goldman. "Wenn ich Zeit, Lust und Interesse habe und das Honorar stimmt, nehme ich einen Auftrag an", sagt er. Dabei ist dem Autor vor allem eines wichtig: "Man muss aufpassen, dass man sich nicht zum Affen des anderen macht - unfreiwillig, weil man sich so lange und ausführlich mit dessen Stil befasst hat." Dennoch, als Übersetzer sieht er sich nicht: "Übersetzen ist bestenfalls ein Handwerk, keine Kunst. Ich bin eindeutig Schriftsteller."

Bogdan: "Hatte nichts, das ich erzählen musste"

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Übersetzerin und Autorin Isabel Bogdan.

Für Isabel Bogdan ist Übersetzen dagegen deutlich mehr als ein Handwerk. Sie hat Werke von Nick Hornby, Jasper Fforde und Sophie Kinsella ins Deutsche übertragen. "Übersetzer sind gezwungen, die Gedanken eines anderen auszudrücken. Sie müssen sich immer an einen anderen Stil gewöhnen, einen anderen Sound wahrnehmen", sagt sie. Trotzdem wird die alleinige Übersetzungsarbeit selten wahrgenommen, bedauert sie: "Oft wurde ich gefragt: 'Willst du auch mal selber schreiben?' Viele Übersetzer ärgert das, weil es den Eindruck vermittelt, Übersetzen sei Schreiben zweiter Klasse."

Jetzt hat Bogdan selber ein Buch geschrieben: "Vorher hatte ich einfach nie das Gefühl, dass Geschichten aus mir ans Licht drängen, die erzählt werden müssen", sagt sie. Der kreative Umgang mit der Sprache an und für sich habe ihr bisher gereicht. Bis sie eine Geschichte fand, die zu erzählen lohnenswert war: eine Komödie, über einen Pfau auf einem schottischen Anwesen. Das Buch erscheint 2016 bei Kiepenheuer & Witsch.

Ahrens: Schreiben ist anstrengender

Auch Nicolas-Born-Preisträger Henning Ahrens arbeitet regelmäßig als Übersetzer. Wenn er sich entscheiden müsste, dann aber für die Schriftstellerei. Der Vorteil liegt für ihn klar auf der Hand: "Die Arbeit der Übersetzer wird selten öffentlich wahrgenommen, das ist als Autor anders. Da bekomme ich durch meine Romane öffentliche Reputation", sagt er. Doch der studierte Anglist empfindet das Schreiben anstrengender als das Übersetzen: "Da fliegt einem alles aus der Hand."  

Ein Isländer kann sich aussuchen, was er übersetzt

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Übersetzer aus dem Isländischen gibt es wenige. Kristof Magnusson ist einer von ihnen.

"Ich glaube nicht, dass Übersetzen schwerer ist als schreiben", meint auch Kristof Magnusson. Sein Roman "Das war ich nicht" landete 2010 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. "Als Autor kann man alles streichen, das man nicht ausdrücken kann. Als Übersetzer muss man für alles eine Entsprechung finden", sagt er. Für Magnusson ist Übersetzen daher eher ein Hobby, das er durchs Schreiben finanziert. Doch als Isländer hat er einen klaren Vorteil: "Es gibt wenige Isländisch-Übersetzer. Ich kann mir die Werke aussuchen, die ich übersetze."

Ein Luxus, den sich nicht einmal Ulrich Blumenbach leisten kann. Der Exil-Lüneburger sorgte 2009 für Aufsehen, als er David Foster Wallaces Roman "Unendlicher Spaß" ins Deutsche übertrug: "Vor allem, weil das so lange gedauert hat", meint er. Der gebürtige Hannoveraner wurde für seine Übersetzungen mehrmals ausgezeichnet. Doch ein guter Autor wäre er trotzdem nicht: "Ich habe die Sprache. Aber sonst wäre ich kein guter Autor, weil ich nicht den Drang habe, etwas Narratives zu erzählen."

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"Ich hoffe, ich habe keinen eigenen Stil"

Sechs Jahre saß Ulrich Blumenbach an der Übersetzung des Romans "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace. Sein schwerstes Werk war aber ein anderes, sagt er im Gespräch mit NDR.de. mehr