Stand: 30.01.2017 16:08 Uhr

Sachbücher des Monats Februar 2017

von Andreas Wang

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt der NDR die Sachbuchliste des Monats heraus. Für den Februar wählte die Jury Gunter Scholtz' "Philosophie des Meeres" auf den ersten Platz.

"Oh Meer! Oh Abend! Ihr seid schlimme Lehrmeister!", beklagte sich Friedrich Nietzsche, denn: "Ihr lehrt den Menschen aufhören, Mensch zu sein! Soll er sich euch hingeben?" - eine schicksalsschwere Frage fürwahr. Hinab in die Tiefen des Meeres und in eine Welt des Werdens und Vergehens taucht nun Gunter Scholtz und sucht diese Frage tiefschürfend zu beantworten. Seine "Philosophie des Meeres" hat es nun endlich auf unsere Liste geschafft und läßt uns teilhaben an den maritimen Streifzügen von Thales von Milet, der im Wasser das erste Grundprinzip der Dinge sah, oder von Roger Bacon, der ein neues Atlantis als eine Insel mit einem idealen Staat erfand.

Übersicht: Die besten Sachbücher im Februar

Goethe beschrieb in einem schönen Gedicht das Wasser als Gleichnis der menschlichen Seele, usw. - kurzum: Gunter Scholtz ist tief in die Fachgebiete der Philosophie und der Ästhetik eingetaucht - immer auf der Suche nach dem Meer. Er findet es als Teil der Metaphysik und der Naturphilosophie, er entdeckt seine ethischen Aspekten (Scholtz verweist hier aktuell auf die Meeresverschmutzung und die Bioethik) und zeigt seine Teilhabe an der politischen und der Sozialphilosophie und sogar der Rechts- oder Geschichtsphilosophie. So entsteht eine erstaunlich verständliche, ja, man muss es sagen: flüssige Einführung in die Philosophie - mit vielen Originalzitaten und einer gelungenen Verknüpfung zahlreicher Motive und Denkerbilder miteinander. Ein großes Lese- und Denkvergnügen.

Johann Friedrich Oberlin: Eine schillernde Persönlichkeit

"Pfarrer Oberlin, den unvergesslichen und doch schon fast vergessenen wunderlichen Seelenhirten und Menschenfreund wieder zum literarischen Leben zu erwecken: das ist Thomas Weiß' großes Verdienst", schreibt Rüdiger Safranski - und unsere Jury hat Johann Friedrich Oberlin, geboren 1740 in Straßburg, gestorben 1826 in Waldersbach, durch dieses Buch ebenfalls entdeckt. Oberlin war eine schillernde Persönlichkeit: frommer Seelsorger und entschiedener Pfarrherr, aber auch engagierter Pädagoge, zupackender Sozialreformer, überzeugter Verfechter der Ideale der Französischen Revolution, linker Pietist und Spiritist. Viel bewundert und arg gescholten. An ihm schieden und scheiden sich die Geister. Dass wir jetzt über ihn lesen, ist wohl auch dem Lutherjahr geschuldet, denn Oberlin war auch ein bedeutender Lutheraner. Georg Büchner in seinem "Lenz" setzte ihm ein literarisches Denkmal. Ein erstaunliches Leben.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Nordwestradio), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Sabine Sasse, Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Über das Erbe und die Machtverhätnisse

Wie fast immer enthält unsere Bestenliste eine überraschende Mischung sehr unterschiedlicher Themen und Genres; auch diesmal stehen neben den Büchern, die sich erst allmählich ihren Platz bei den Lesern erobern, solche, die buchstäblich druckfrisch auf unsere Tische kommen. So etwa Robert Gerwarths aufrüttelnde Studie über "Das blutige Erbe des Ersten Weltkrieges". Bekannt ist, dass der Erste Weltkrieg ein Chaos hinterlassen hat - neu an diesem Buch ist aber die Darstellung einer Welt der "Besiegten", die unter den gewaltsamen Konflikten, Bürgerkriegen, Umstürzen, Vertreibungen und Pogromen bis lange nach Ende des Krieges zu leiden hatten. Das Zerbrechen der Reiche: Habsburgerreich, Russisches Reich, Osmanisches Reich hat schwache Staaten, traumatisierte und hasserfüllte Bevölkerungsgruppen sowie Politiker und Militärs, die vor allem auf Rache aus waren, hinterlassen. Ein schreckliches Erbe. Die neue Weltordnung, an der jetzt gerade womöglich wieder gerüttelt wird, hat unter anderem auch "neue Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus" hervorgebracht.

Wer aber übt die Macht aus in diesen neuen Machtverhältnissen? Dass es keine anonymen Kräfte sind, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, macht uns der Wirtschaftsjournalist Hans-Jürgen Jakobs klar. Zusammen mit einem Team von ca. 50 Fachjournalisten zeigt er uns die Protagonisten der globalen Auseinandersetzung um Märkte, Rohstoffe, Firmen und Kapital - es sind die wahren Damen und Herren des Geldes: Vermögensverwalter, Vorsteher von Pensionskassen und Staatsfonds, Familienvorsteher, Oligarchen - alles zusammen wenige Hundert. Es sind Namen und also Menschen, die hier die Fäden ziehen: Larry Fink von Blackrock, der ein Vermögen von 4,9 Billionen Dollar verwaltet, oder Gina Rinehart, "die am meisten gehasste Person Australiens", mit einem Privatvermögen von 18 Milliarden Dollar, das aus Kohle und Eisenerz stammt. Mit ihren billionenschweren Fonds legen Bkackrock, Blackstone oder Quatar Investment mehr Geld an, als Deutschland erwirtschaftet. Sie sind verantwortlich für die globale Umverteilung von unten nach oben. Kurz: Dies hier ist eine Enzyklopädie über  jene, denen "die Welt gehört" mit sehr spannenden Infographiken zum Weltfinanzvermögen, den Marktanteilen etc. und nicht zu übersehen einer Bewertung von "Nachhaltigkeit", "Unbestechlichkeit", "Steuerehrlichkeit", "Humanität" und "Transparenz" mit jeweils 1 bis 5 Sternchen. Ein erstaunliches Nachschlagewerk.

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