Stand: 29.11.2016 16:02 Uhr

Sachbücher des Monats Dezember 2016

von Andreas Wang

"Der Islam ist dabei, einheimisch zu werden" -  mit diesem Kernsatz überrascht uns die in Frankreich lebende, aus der Türkei stammende Soziologin Nilüfer Göle. Ihren Beobachtungen über den Alltag der Muslime in Europa schenken wir entsprechend große Aufmerksamkeit in unserer Sachbuch-Bestenliste dieses Monats. Ihre Analysen werden nicht allen Lesern gefallen, sie münden letztlich in die Forderung, dass sich im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung alle verändern müssen, Alteingesessene und Zuwanderer. Aber dass damit nicht der Weltuntergang droht, sondern darin eine neue Chance für Europa liegt, macht sie ebenfalls deutlich. Die Zuwanderung ist unumkehrbar, und die Konflikte, die entstanden sind und weiter entstehen, lassen sich, sagt Göle, kreativ lösen, nicht durch Ablehnung, sondern durch gegenseitige Anerkennung. Beispiele für ein Gelingen gibt es bereits, in Deutschland überraschenderweise mehr als in Frankreich. Fundamentalisten haben letztlich keine Chance.

Übersicht: Die besten Sachbücher

Neue Wege für die Demokratie

Bleiben wir bei Kernsätzen: "Wahlen sind heutzutage primitiv. Eine Demokratie, die sich darauf reduziert, ist dem Tode geweiht" - so der Allroundkönner David van Reybrouck aus Brügge, der seit geraumer Zeit, allerdings nicht ganz allein, ein Ermüdungssyndrom der Demokratie konstatiert. So überraschend seine Diagnose ist, so überzeugend sind allerdings manche seiner historischen Exkurse, in denen er das aus der Antike stammende Losverfahren gegen das Diktat der Wahl in Stellung bringt. Er propagiert die neue deliberative Demokratie, die sich durch Beteiligung der Bürger an den politischen Prozessen von der uns geläufigen repräsentativen Demokratie deutlich unterscheidet. Drastisch warnt van Reybrouck davor, die Zeichen der Zeit zu verschlafen, er hält die Entwicklung der politischen Wirklichkeit für dramatisch und nennt sie eine "Zeitbombe". Wie dem auch sei, neue Instrumente für politisches Handeln sind sicher vonnöten. Überlassen wir das Nachdenken darüber nicht den Politikern allein.

"Neben uns die Sintflut"

Weit entfernt von den Folgen des "Urnengangs", der ja ein Gang zu den Toten ist und nach van Reybrouck nicht zufällig auch für die Wahlen so genannt wird, ist das Untergangsszenarium, das der Münchener Soziologe Stephan Lessenich beschreibt: "Neben uns die Sintflut". Der Preis, den die von unserem Wohlstand Ausgeschlossenen, und dies ist die Mehrheit der Weltbevölkerung, für unser Wohlergehen zahlen müssen, ist hoch und er ist eine Folge unserer Politik. "Nur wenn es gelingt, das nationale wie transnationale Institutionengerüst der Externalisierungsgesellschaft im Sinne eines demokratischen, global-egalitären Reformprojekts umzupolen, wird sich nicht nur unser Gewissen aufhellen, sondern auch die soziale Lage großer Bevölkerungsmehrheiten rund um die Welt." Eine Arbeit für Giganten. Lessenich beschreibt die Grenzen und Möglichkeiten dieser Arbeit und die wohl eher schwierigen Arbeitsbedingungen. Und er macht deutlich: Die Zeit drängt: "Die Grundfesten werden durchwühlt." Das klingt dramatisch, und ist es wohl auch.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Eine wunderbaren Autobiografie

"Warte nicht auf bessre Zeiten!" - diese Aufforderung, die Wolf Biermann zum Motto seines Lebens erhoben hat, wollen auch wir uns zu Eigen machen in unseren offenbar sehr schwierigen Zeiten. Vielleicht war es gar nicht anders möglich, die Menschheit zu retten, seinen Vater zu rächen und nebenbei den Kommunismus aufzubauen, wie Biermann erzählt, wenn nicht das Leben in der Art eines Schelmenromans abgelaufen wäre. Er erzählt es uns ausführlich in dieser wunderbaren Autobiografie und lässt uns ahnen, dass und wie ein einzelner Mensch ein stures, verkrustetes und gefährliches System durch Eigensinn, Witz, Mut und, dies freilich auch, ein erstaunliches menschliches Netzwerk stören und verunsichern kann. Er nennt unendlich viele Freunde und versteckte Feinde, er zeigt uns Mut - auch ein bisschen Hochmut, hin und wieder - und Verzagtheit, alles sehr authentisch und trotz aller Chuzpe, Strenge, trotz gelegentlicher Marktschreierei sehr menschenfreundlich. Ja, und er lässt uns ahnen, wie jemand sich treu bleiben kann, indem er sich verändert. Wie das geht, weiß der alte Brecht-Anhänger ganz gut. Und wir im NDR können froh sein, dass uns dieser Liedermacher, der jetzt auch ein packender Schriftsteller geworden ist, durch manche Produktionen verbunden ist.

Sachbücher des Monats: Rückblick

Sachbücher

NDR Kultur

Zusammen mit der "Süddeutschen Zeitung" gibt NDR Kultur die Sachbuchliste des Monats heraus. Hier finden Sie die Sachbücher der vergangenen Monate. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 26.11.2016 | 18:30 Uhr

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