Stand: 31.03.2017 11:28 Uhr

Sachbücher des Monats April 2017

von Andreas Wang

Mit ihrem Votum für das Buch von Timothy Snyder "Über Tyrannei" hat unsere Jury mit dem Verlag und vielen anderen diesmal ein deutliches Zeichen gesetzt - gegen die Feinde der Demokratie. Die Jurymitglieder unterstützen die "Zwanzig Lektionen für den Widerstand", mit dem der amerikanische Professor in aller Kürze die Bürger der Vereinigten Staaten und weit darüber hinaus auf eine politische Zukunft vorbereiten - und sie eben so auch verhindern - möchte, die bis vor kurzem nicht denkbar war: mit einem US-Präsidenten, dem die Demokratie womöglich ziemlich egal ist, mit Europäern, in denen Populismus und neuer Nationalismus auf dem Vormarsch sind. Aber helfen Vorschläge wie "Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam" oder "Verteidige Institutionen" etc.? Es sind Bürgertugenden und allgemeine ethische Grundsätze, an die uns Snyder gemahnt, ziemlich europäische sogar, versehen mit Beispielen, wie gut oder schlecht sie in der Vergangenheit umgesetzt worden sind. Vielleicht ein bißchen naiv, aber natürlich gut gemeint.

Der Antisemitismus als europäisches Phänomen

Götz Aly ist ein Autor, dessen Bücher immer wieder einen Platz auf unserer Liste erhalten. Unermüdlich schreibt er gegen das Vergessen des Schicksals der Juden an. In "Europa gegen die Juden" betrachtet der Historiker den Antisemitismus nun als europäisches Phänomen, das mit dem modernen Kapitalismus auftrat und im Holocaust seinen Höhepunkt fand. Er will die Schuld der Deutschen am Holocaust keineswegs relativieren, aber "ohne zumindest passive Unterstützung, ohne die vielen arbeitsteilig helfenden Verwaltungsbeamten, Polizisten, Politiker und tausende einheimische Mordgesellen in manchen Staaten hätte sich das monströse Projekt nicht mit der atemberaubenden Geschwindigkeit verwirklichen lassen", schreibt Aly. Tatsächlich stellt sich bei der Lektüre der Eindruck ein, als hätten die überall in Europa lauernden Antisemiten nur auf ein Signal gewartet, um sich ihrerseits der Juden zu entledigen. Aly nennt die Gründe - und wer nicht erkennt, wie wirksam sie bis heute bzw. heute wieder sind, ist blind: "Der unduldsame Nationalismus, populistische Formen der Politik, Antiliberalismus, der kollektivistische Gruppenhass, das kriegerisch gesinnte Freund-Feind-Denken, die Diskriminierung von Minderheiten und die Enteignung angeblicher Volksfeinde waren weit verbreitet, ebenso gesteigerte soziale und wirtschaftliche Konkurrenz, das allgemeine Streben, wirtschaftlich und sozial voranzukommen, die Utopien von homogenen Gesellschaften und die Recht und Moral zersetzenden Wirkungen von Kriegen und Bürgerkriegen". Die Antisemiten aller Länder haben voneinander gelernt - und sich fast alle schuldig gemacht.

Die Jury

René Aguigah (Deutschlandradio), Dr. Jens Bisky ("Süddeutsche Zeitung"), Prof. Dr. Rainer Blasius ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Dr. Eike Gebhardt, Daniel Haufler ("Berliner Zeitung"), Dr. Otto Kallscheuer, Petra Kammann ("inrheinkultur"), Elisabeth Kiderlen, Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Prof. Dr. Ludger Lütkehaus, Prof. Dr. Herfried Münkler, (Humboldt Universität zu Berlin), Dr. Jutta Person ("Philosophie Magazin"), Wolfgang Ritschl (ORF Wien), Florian Rötzer (Telepolis), Dr. Johannes Saltzwedel ("Der Spiegel"), Sabine Sasse, Albert von Schirnding, Dr. Frank Schubert ("Spektrum der Wissenschaft"), Dr. Jacques Schuster ("Die Welt"), Norbert Seitz (Deutschlandfunk Köln), Hilal Sezgin, Dr. Elisabeth von Thadden ("Die Zeit"), Dr. Andreas Wang (NDR Kultur), Dr. Uwe Justus Wenzel ("Neue Zürcher Zeitung"), Stefan Zweifel (Schweizer Kritiker)

Zur Politischen Ökonomie im 21. Jahrhundert

Erstaunen mag Alys Fazit, daß der Holocaust in "Zusammenhang mit der größten Leistung derselben europäischen Epoche, dem massenhaften sozialen Aufstieg", sprich: dem Kapitalismus, zu sehen ist. Damit kommen wir in eine Diskussion, die uns heute als globales Armuts- und Reichtumsproblem nicht nur unter dem Stichwort Neoliberalismus beschäftigt, sondern auch als Ursache regionaler kriegerischer Auseinandersetzungen und weltweiter Flüchtlingsströme gilt. Es ist deshalb ganz sicherlich ratsam, einmal wieder das gute alte "Kapital" von Karl Marx zu lesen, vor 150 Jahren ist es zuerst erschienen. Bei der Lektüre helfen uns Mathias Greffrath - übrigens regelmäßig Autor unserer Sendereihe "Gedanken zur Zeit" " und seine Autoren in dem Sammelband "RE: Das Kapital". Erstaunliche neue Einblicke sind hier möglich, jeder dieser Autoren und Autorinnen, von Greffrath selbst, der nicht nur einen sehr informativen Essay über den "Mehrwert der Geschichte" - und dieser Beiträge selbst - beisteuert, öffnet neue Sichtweisen auf ein altes Thema. So geht etwa John Holloway von der Universidad Autónoma de Puebla in Mexiko vom ersten Satz des "Kapitals" aus, in dem Marx vom Reichtum der Gesellschaften spricht. Und wir lernen: Nach Marx wäre der Reichtum der Gesellschaften das materielle und geistige Vermögen (!), daraus geworden ist aber die Verwandlung aller Güter und Leistungen in Ware. Dies nur als Beispiel dafür, wie man die "Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert" neu und aufregend anders lesen kann als bisher.

Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse für "Maria Theresia"

Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, daß unsere Nr. 9, die gewaltige Biographie über Maria Theresia von Barbara Stollberg-Rilinger, den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Wir sind wohl nicht ganz so begeistert wie die Preisrichter in Leipzig, aber natürlich würdigen auch wir die immense Leistung, eine Monarchin, die ja doch immerhin ein riesiges Vielvölkerreich, harte Konkurrenz anderer Reiche, Preußens eingeschlossen, und  eine große Familie zu beherrschen gelernt hat, so umfassend und anschaulich geschildert zu haben - auf über 1000 Seiten. Vielleicht die wichtigste Erkenntnis ist die Tatsache, daß Maria Theresia ihre Herrschaft als Pflicht und Arbeit verstanden hat, womit sie sich deutlich von vielen anderen europäischen Monarchen unterschied, die lieber ihren Neigungen nachgingen und die Amtsgeschäfte gern anderen überließen. Am Ende sieht man, daß Regieren auch eine Qual sein kann.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 04.04.2017 | 15:20 Uhr

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