Stand: 21.07.2017 16:00 Uhr

Einblicke in Usedoms Hinterland

Sehwege auf Usedom
von Rosemarie Fret
Vorgestellt von Lenore Lötsch

Ein Bildband über die Insel Usedom, da ahnt man, was kommt: Buchenwälder, Alleen, breite Promenaden, weiße Villen und natürlich Meer und Strand in allen Jahreszeiten. Ganz anders bei diesem Band: Wir stellen Ihnen ein Usedom-Buch vor, das wohl nicht die erste Wahl wäre, wenn es um einen neuen Werbeprospekt für die Sonneninsel ginge. Dabei zeigt es doch auch in erster Linie die Natur. Es geht schon damit los, dass es "Sehwege auf Usedom" heißt und mit "h" geschrieben wird. Ein schmaler Bildband, in dem es ums "Sehen" geht.

Hinter den Kulissen der Sonneninsel

Annäherung an eine fremd gewordene Insel

Das Blau ist beängstigend. Es hat sich wie ein Schleier über die Strandlandschaft gelegt. Einzig die Telefonzelle aus den 90er-Jahren widersteht mit ihrem magentafarbenen Dach dem bedrohlichen Blauton. Es ist die Abendstunde an einem winterlichen Strand auf Usedom. Die spärliche Schneeschicht auf dem Boden bewahrt die Spuren des Tages: das Getrippel der Hunde, die Parallelen, die ein Kinderwagen gezogen hat, die Tritte der Person, die auf großem Fuß einsam zum Strand gestapft ist. Die Schaukeln und Klettergerüste, die Parkuhren und Fahrradständer sind nur noch dunkle Behauptungen. Das ganze Inventar der Bespaßung, ohne das kein deutscher Strand mehr auskommt, ist in den Schatten gestellt. Nur in der Telefonzelle leuchtet es anheimelnd orange.

Die Fotografin Rosemarie Fret interessiert sich fürs Hinterland - und das kann schon 15 Meter hinter der Ostsee beginnen. Sie wuchs auf Usedom auf, in einer Fotografenfamilie, lebt aber seit Jahrzehnten in Leipzig. Jede Annäherung der mittlerweile 81-Jährigen an ihre Insel beginnt fernab des Strandes:

Die kostbare Zeit der Erwartung! Fahre erst ins Hinterland und gehe alte Wanderwege allein. Beginne zu fotografieren, ja, aber sehe noch nichts: sehe nur erst Gefälliges, Allgemeines, sich Wiederholendes. Noch bin ich eine der Fremden hier, hab noch den fremden Staub an den Schuhen und das lieben meine Altvorderen nicht. Noch lassen sie mich draußen. Aber meine Freude, meine Ausdauer wird erkannt und meine Erschöpfung, kilometerweit in den klobigen Gummischuhen zu gehen den schweren Rucksack mit den Kameras auf dem Rücken. Leseprobe

Frets Fotografien brauchen Raum

So geht man als Betrachter mit ihr durchs morastige Schwemmland des Naturschutzgebiets Gnitz, wo die Bäume jede Haltung zu verlieren scheinen.

Der Lesestoff vom  "Gemischten Doppel" vom 6. März 2012 bei NDR Kultur © NDR Fotograf: Patricia Batlle

"Sehwege auf Usedom" von Rosemarie Fret

NDR Kultur -

Es scheint ein unmodernes Verständnis von Fotografie zu sein, das die Fotografin Rosemarie Fret in ihrem Bildband pflegt: Bilder, die man sich erarbeiten muss.

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Sie fläzen sich mit ihren Ästen knapp über dem Erdboden in die Breite. Die Fotografin hat eine Vorliebe für Horizontalen und die Wirkung ihrer Bilder ist immer dann am größten, wenn sie Raum bekommen, nicht rechteckig in Ausweisgröße in eine Spalte gequetscht werden. Es geht in diesem Buch eben nicht nur um Fotos von verschilften Ufersäumen oder um Bilder von einem bestimmten Meeresabschnitt mal bei Eisgang, mal bei Nebel, mal bei ablandigem Wind.

Rosemarie Fret hat Fotografie und Literatur studiert in Leipzig. So sind die Texte neben den Fotos mehr als nur Umstandsbeschreibungen ihrer Entstehung. Sie schreibt ihr Leben auf und das ihrer Familie: Sie erzählt von ihrem Großvater, der eigentlich Maler werden wollte. Wie er mit einem Esel, Glasplatten und einem Dunkelkammerzelt über die Insel zog, um die Landschaft einzufangen mit einem Gemisch aus Schießbaumwolle, Äther und Alkohol. Doch die Seebad Heringsdorf AG wollte um 1890 keine Bilder vom Achterland. Man schickte sich an, ein exklusiver Badeort zu werden und Fotos von Promenaden, Seebrücken und leuchtenden Villen wurden gebraucht.

So wurde mein Großvater sesshaft. Er eröffnete das Atelier Carlos. Die Attraktion: Vor einem Hintergrund mit aufgemalter Seebrücke ein Ruderboot aus Pappe, darin nahm die Dame Platz, hinter ihr der Herr stand aufrecht mit dem Ruder in der Hand. Der besser betuchten Kundschaft goss er die fotografische Schicht in das Innere einer großen Muschel. Leseprobe

Ein Foto dieser einen perlmuttschimmernden Muschel, die es davon im Familienbesitz noch gibt, ist am Anfang des Buches zu sehen.

Die Abgründe der Insel werden nicht ausgespart

Der Bildband ist kein "Best-of"-Usedom, sondern das Vermächtnis einer Fotografin in dritter Generation: Ein Blick hinter die Kulissen der Sonneninsel, hinter die unausgeleuchteten Ecken, aber auch ein Blick in die Abgründe des 20. Jahrhunderts und wie sie sich in der Familiengeschichte widerspiegeln: Fret erzählt von den vielen Toten im Mai 1945: Anklamer, die Selbstmord begangen hatten und zu Identifikationszwecken fotografiert werden mussten. Sie erzählt von ihrem Vater, der nach dem Krieg ins Lager Fünfeichen kam und dort starb. Sie erzählt von der Sehnsucht nach der Welt, die ihre Kindheit und Jugend bestimmt hat und davon, wie sie, als sie reisen durfte, in der Toskana und anderswo fotografierte, aber das Gefühl hatte, es sind nicht ihre Fotografien: "Ich habe diese Bilder nicht gelebt" schreibt sie.

Es scheint ein ganz und gar unmodernes Verständnis von Fotografie zu sein, das Fret pflegt: Bilder, die man sich erarbeiten muss. Ein Sehen, das geschult werden muss und viele Wege braucht. Keiner davon führt über empfohlene Urlauber-Panorama-Fotostopp-Punkte. Wenn Rosemarie Fret die Usedomer Kiefern, Erlen oder Buchen fotografiert, dann sieht man selten Wipfel oder Wurzeln. Es ist ein Blick auf das, was dazwischen stattfindet: das Leben eben.

Sehwege auf Usedom

von
Seitenzahl:
105 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Demmler Verlag
Bestellnummer:
978-3-944102-221
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 23.07.2017 | 17:40 Uhr

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