Stand: 08.02.2016 19:43 Uhr

Trauer um Roger Willemsen

von Jan Ehlert
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Roger Willemsen liebte das Reisen. Viele seiner Eindrücke versammelte er in dem Buch "Die Enden der Welt".

Er war ein Weltbürger, wie er im Buche stand: Roger Willemsen hat fast jeden Winkel der Erde bereits bereist und in zahlreichen Büchern davon berichtet. Dazu gab es Willemsen, den Musikliebhaber, der in der Serie "Willemsen legt auf" seit 2009 regelmäßig auf NDR Kultur zu hören war. Am Sonntag ist Willemsen nach kurzer schwerer Krankheit in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg gestorben. Das bestätigte der S. Fischer Verlag. Willemsen wurde 60 Jahre alt.

Reaktionen auf den Tod Willemsens

  • Joachim Knuth, NDR Programmdirektor Hörfunk, nannte Willemsen einen "Weltreisenden und Welterklärer mit einem ungemein breiten Wissens- und Erfahrungshorizont". Als exzellenter Rhetoriker habe er diese Kenntnisse auch einem breiten Publikum vermitteln können. "Die Programme unserer Orchester und insbesondere NDR Kultur hat der leidenschaftliche Journalist Willemsen über Jahre hinweg bereichert. Er war klug, humorvoll, inspirierend - er wird uns sehr fehlen."

  • Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) teilte mit: "Mit Roger Willemsen verliert Deutschland einen seiner großen Intellektuellen. Er wird uns fehlen."

  • Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte in Berlin: "Wir verlieren mir ihm einen der bekanntesten und vielseitigsten deutschen Intellektuellen und einen engagierten Weltbürger." Willemsen habe als Intellektueller "in die Breite" gewirkt und auch der Politik einen Spiegel vorgehalten. In den gesellschaftlichen Debatten werde er sehr fehlen.

  • SPD-Chef Sigmar Gabriel zeigte sich nach eigenen Worten "zutiefst berührt" vom Tod Roger Willemsens. "Deutschland verliert einen brillanten Intellektuellen, einen Weltbürger im besten Sinne und eine bedeutende Stimme unseres Kulturlebens - intelligent, pointiert, streitbar", schrieb Gabriel am Montag auf Twitter.

  • Grünen-Chefin Simone Peter äußerte sich schockiert. "Wir trauern um einen wunderbaren Menschen, um einen wichtigen Intellektuellen, Autor und Moderator", twitterte sie.

  • Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, würdigte Willemsens aufmerksame und kritische Begleitung der jüngeren Geschichte. "Egal ob Fernsehen, Radio, Bühne oder Buch - stets hat er neue Akzente gesetzt und Denkanstöße geliefert", sagte sie in Berlin.

  • Linken-Politiker Gregor Gysi würdigte Willemsen als einen der herausragenden Journalisten und Publizisten Deutschlands. "Bestechend waren seine Intelligenz und Klugheit, seine Bildung, seine Beobachtungsgabe, seine Genauigkeit und seine Reaktionsschnelligkeit", erklärte der Bundestagsabgeordnete.

  • Der Verlag S. Fischer würdigte Willemsen als "zentralen Intellektuellen Deutschlands" und "brillanten Autor". Willemsen sei auch ein "außerordentlicher Kämpfer für die Menschen" gewesen, erklärte der verlegerische Geschäftsführer Jörg Bong in Frankfurt am Montag. Willemsens Werk sei Teil der Identität von S. Fischer.

  • Auch mehrere Hilfsorganisationen, die Willemsen unterstützt hatte, bekundeten ihre Trauer in den sozialen Netzwerken, darunter terre des femmes und Amnesty International.

  • Das Schweizer Fernsehen (SRF), für das Willemsen die Sendung "Literaturclub" leitete, teilte mit: "Er war gelassen, neugierig und leidenschaftlich im Umgang mit den Büchern und den Gästen der Sendung, den Kritikerinnen und Kritikern."

  • Peter Schmidt von der Hamburger Autorenvereinigung würdigte ihn mit den Worten: "Mit ihm ging, viel zu jung, ein Meister feinsinniger und hintergründiger Formulierkunst. Ein Intellektueller, der dem Privatfernsehen in den Anfangsjahren ein kulturelles Profil gab."

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Aufgewachsen am Hof des Fürsten

Aufgewachsen ist Willemsen auf einem Schloss im Rheinland. Gern erzählte er, wie märchenhaft er diese Kindheit empfunden habe, in der Konrad Adenauer genauso zu Gast war wie ein Fürst mit sieben Fürstentöchtern.

Und auch der kleine Roger zeigte schon bald märchenhafte Fähigkeiten. Mit drei Jahren konnte er nicht nur sprechen, sondern schöpfte neue Worte: "Kriegen wir den Schlitten, wenn es mittagt?" soll er damals schon gefragt haben, so hat es seine Mutter notiert, nachzulesen in dem Buch "Der leidenschaftliche Zeitgenosse". In der Schule dagegen konnte Willemsen nicht überzeugen: "Zweimal hängen geblieben wegen zu großer Doofheit, gemischt mit Faulheit, Desinteresse und mangelnder Leidenschaft für das, was ich können sollte", erklärte er.

Interviews mit Hollywoodstars und Menschenfressern

Wozu er aber fähig war, wenn ihn die Leidenschaft packte, das hat Willemsen wieder und wieder bewiesen. Ein erstes Romanprojekt scheiterte zwar, aber schon bald entdeckte ihn das Fernsehen - und Willemsen wurde zu einem der bekanntesten Gesichter auf den deutschen Bildschirmen. Für den Bezahlsender Premiere moderierte er mehr als 600 Ausgaben der Interviewreihe "0137", später dann "Willemsens Woche" beim ZDF.

Seine Gäste: Menschenfresser und Bankräuber, aber auch Stars wie Yoko Ono und Audrey Hepburn. Über Letztere sagte Willemsen: "Sie kam aus Afrika, sie hatte zu dem Zeitpunkt schon Magenkrebs, wusste das aber nicht", erinnerte sich der Moderator. "Es wurde das allerletzte Fernsehinterview, was sie gab, und sie wusste genau, was es bedeutet, wenn eine Schauspielerin nach Afrika reist und hinterher künstliche Tränen mitbringt. Und deshalb weinte sie nicht. Und deshalb hatte sie Haltung und das hat mir immens imponiert."

Helmut Markwort oder Consul Weyer werden die Gespräche weniger positiv in Erinnerung haben - beide brachte er mit seinen Fragen zum Schwitzen.

Was reimt sich auf Nscho-tschi?

Doch die Leidenschaft des Schreibenwollens verfolgte Willemsen weiter, trieb ihn die entferntesten Enden der Welt, nach Tonga, Kamtschatka und zum Nordpol. Ließ ihn Wasserflohföten essen und bei Hirtenvölkern übernachten, Todkranke beim Sterben begleiten und Kriegsgebieten durchqueren. Mehr als 50 Bücher hat er verfasst. Unermüdlich, unersättlich - aber auch unvorhersehbar. Denn neben ernsten, philosophischen Texten, wie ein Buch über den Suizid oder über den "Knacks", einen Wendepunkt des Lebens, gab es immer auch den Komiker und Kabarettisten.

"Weltgeschichte ist fatal / und sie wird erst ideal / wo sie anders ausgerichtet / sich zur Poesie verdichtet / und das wahre Gute kennt: / Winnetou, Old Shatterhand", dichtete er - und so entstand, fast nebenbei: "Ein Schuss, ein Schrei - das Meiste von Karl May." Alle Bände, stark gekürzt, in Versform, zum Beispiel: "Wenn ich nur noch einen tot schieß / wird's der Mörder sein Nscho-tschis."

Stationen im Leben von Roger Willemsen

Regelmäßiger Gast auf NDR Kultur

Da war sie wieder, die Leidenschaft, die bei Willemsen so grenzenlos schien. Nicht nur in der Literatur und der Philosophie kannte er sich aus, auch die Welt der Musik durchstöbert er nach immer neuen Schätzen und Fundstücken - ab 2009 auch regelmäßig in der Reihe "Willemsen legt auf" auf NDR Kultur. Durch seinen Tod wird diese beliebte Reihe nun nicht mehr im Programm und auf der Bühne fortgeführt werden können.

Jazz, Klassik, Pop, egal, Hauptsache begeisternd. "Ich suche irgendeine persönliche Beantwortung der Musik, irgendwas spricht und irgendwas verstummt. Manchmal ist das eine Trüffelschweinsuche, wo man wirklich einen ganzen Tag damit zugebracht hat, permanent Musik zu suchen und man weiß gar nicht, ganz genau, was man gefunden hat. Aber es stellen sich Korrespondenzen her", beschrieb er selbst sein Vorgehen.

Weil alles irgendwie mit allem zusammenhängt - und kaum einer verstand dies so gut und konnte es so großartig vermitteln wie Roger Willemsen, der dabei auch den Konflikt nie scheute: Für sein Buch "Das Hohe Haus", das 2014 erschien, besuchte er ein Jahr lang sämtliche Sitzungen des Bundestags - mit desillusionierendem Ergebnis.

Es sollte sein letztes Buch bleiben. Im August vergangenen Jahres wurde bekannt, dass Roger Willemsen an Krebs erkrankt war. Nun ist er im Alter von 60 Jahren gestorben. Seine Neugier und seine Leidenschaft werden uns fehlen.

Weitere Informationen

Kondolenzbuch zum Tode von Roger Willemsen

Roger Willemsen ist im Alter von 60 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in Hamburg verstorben. Hier können Sie Ihre Gedanken und Erinnerungen in ein virtuelles Kondolenzbuch eintragen. mehr

03:37 min

Roger Willemsen - ein Nachruf

08.02.2016 15:20 Uhr
NDR Kultur

Er brachte nicht nur Helmut Markwort ins Schwitzen, schrieb ein Buch nach dem anderen und legte seit Jahren für NDR Kultur auf. Nun ist Roger Willemsen gestorben. Er wurde 60 Jahre alt. Audio (03:37 min)

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Trauer um Roger Willemsen

NDR Kultur

NDR Kultur Redakteur Hendrik Haubold hat sieben Jahre lang zusammen mit Roger Willemsen die Sendung "Willemsen legt auf" produziert. Er erzählt bei tagesschau 24 vom Musikliebhaber Willemsen. extern

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