Stand: 12.03.2015 18:21 Uhr

Jan Wagner: Staunen über die Wunder der Welt

von Jan Ehlert

Der gebürtige Hamburger Jan Wagner erhält den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse. Der Lyriker wird für seinen Band "Regentonnenvariationen" ausgezeichnet. Es ist das erste Mal in der zehnjährigen Geschichte des Preises, dass ein Dichter diese Auszeichnung erhält.

Dass Jan Wagner mit seiner Lyrik hoch hinaus wollte, das zeigte er schon mit seinem ersten Gedichtband: "Probebohrung im Himmel" hieß das Buch, das er 2001 veröffentlichte. Diejenigen, die diese Probebohrung vornehmen, sind zwei Windräder am fernen Horizont, in dem Gedicht "Hamburg-Berlin". Aber auch Jan Wagner kratzte dort bereits am Lyrikerhimmel: Das Buch wurde begeistert aufgenommen. 28 Stipendien und Preise hat Wagner seitdem gewonnen und damit mehr als jeder andere aktuelle deutschsprachige Lyriker.

Ein Preis für die Lyrik insgesamt

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Jan Wagners Gedichte wurden mehrfach ausgezeichnet. Nun erhält er als erster Lyriker überhaupt den Preis der Leipziger Buchmesse.

Und nun also der Leipziger Buchpreis - den er sicher nicht nur für seinen Band "Regentonnenvariationen" erhält, sondern auch stellvertretend für die gesamte deutsche Lyrik, die im Literaturbetrieb ein weitestgehend unbeachtetes Schattendasein führt. "Nicht zuletzt ist meine Hoffnung dass diese Nominierung der Lyrik, die hierzulande seit über zehn Jahren so vielstimmig und aufregend wie schon lange nicht mehr ist, ein bisschen mehr Rampenlicht verschafft", sagte er vor der Preisverleihung.

Sonette statt skurriler Formen

Jan Wagner tauchte schon früh in diese Szene ein. Mit 15 begann er zu schreiben, mit Mitte 20 wurde er Mitherausgeber der Literaturbox "Die Außenseite des Elementes", eine Sammlung der schrillsten und skurrilsten Gedichtveröffentlichungen des Jahres. Er selbst zählt dagegen eher zu den konventionellen Autoren. Wagners Gedichte sind eingängig und leicht verständlich, oft mit einer Prise Humor, die in seinen besten Werken an Robert Gernhardt erinnert.

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In seinen Gedichten erzählt Wagner von Alltagsgegenständen und Gartenpflanzen. Auch dem Giersch hat er ein Sonett gewidmet.

Und auch wenn sich Wagners Verse in der Regel nicht reimen, bedient er sich doch traditioneller Gedichtformen, wie dem Sonett oder der Villanelle, einem italienischen Hirtengedicht aus dem 16. Jahrhundert. Dazu kommt das Spiel mit dem Klang: Lautmalerisch addiert er Zischlaute und gleichklingende Vokale zu einem Gesamtkunstwerk, etwa in seinem Gedicht "Giersch": "hinter der garage, / beim knirschenden knies, der kirsche: giersch / als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch // geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch / schier überall sprießt."

"Torf", "Nagel", "Versuch über Seife"

Ein Gedicht über eine Gartenpflanze - auch das ist typisch für Wagner. Er richtet seinen Blick auf kleine, konkrete Dinge, statt über große Menschheitsthemen wie Freiheit, Liebe oder Schmerz zu schreiben. Seine Werke heißen "Torf", "Nagel" oder "Versuch über Seife". Alltagsgegenstände also. Bis zu 20 Gedichtideen trägt er immer mit sich herum. Seine Texte entstehen nicht schnell, sondern er gibt ihnen viel Zeit, zu reifen. "Ich liebe das Gefühl der Unzufriedenheit", gibt er zu. Manche Texte werden daher über Jahre hinweg umgeschrieben, ausgebessert, neu formuliert.

Kindheitserinnerungen aus Ahrensburg

"Regentonnenvariationen", der Band, der in Leipzig ausgezeichnet wurde, beruht zum Beispiel auf Kindheitserinnerungen. Die titelgebende Regentonne stand im Garten seines Elternhauses in Ahrensburg in Schleswig-Holstein. Dort gab es auch die "magische, dunkle und wenig besuchte Ecke", von der Wagner gern erzählt. Eine Ecke im Garten, in der sich nicht nur knorrige Apfelbäume und blühende Pflanzen befanden, sondern auch der geheimnisvolle Komposthaufen, der ihn als Kind anzog und abschreckte.

Dieses Staunen über die Wunder der Welt ist es, was Jan Wagners Gedichte auszeichnet. Seine Gabe, das Besondere im Alltäglichen zu sehen, es aus dem Schatten hervor ins Licht zu holen. Ihnen mit wenigen Worten ganz neue Dimensionen zu geben: "kaum in der wand, war er die mitte" heißt es zum Beispiel kurz und knapp zu Beginn seines Gedichts "nagel". 

Und so wie die Bedeutung dieses Nagels im Verlauf des Gedichts sich ausweitet, sein Radius "über die gärten, felder, rübenmiete" hinausschnellt und zum Schluss "mondial" wird, so ist es auch mit seinen Gedichten: Denn manchmal, davon ist Jan Wagner überzeugt, lässt sich gerade im Kleinen das Große und Ganze entdecken: "Wer sich ganz auf den banalen Gegenstand konzentriert, sich ihm widmet, von ihm ausgehend dichterisch tätig wird, könnte am Ende ein großartiges Gedicht über Freiheit, Liebe oder Tod zustandebringen."