Stand: 10.10.2017 14:45 Uhr

Memoiren eines Erzählers

Aufleuchtende Details
von Péter  Nádas, aus dem Ungarischen von Christina Viragh
Vorgestellt von Tobias Wenzel
Bild vergrößern
Péter Nádas, 1942 in Budapest geboren, wurde mit dem Verdienstorden der Republik Ungarn ausgezeichnet.

Siebzehn Jahre hatte Péter Nádas an seinem monumentalen Roman "Parallelgeschichten" gearbeitet und in dem Buch die dunkle Geschichte des 20. Jahrhunderts in Deutschland und Ungarn geschildert. Nun blickt der ungarische Autor, der seit Jahren als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, erneut zurück, allerdings dieses Mal in Form seiner Memoiren. "Aufleuchtende Details" heißen die umfangreichen Erinnerungen.

"Meine erste Erinnerung ist ein Bombenangriff. Dieser Sturz mit meiner Mutter von der Treppe durch eine Schockwelle …" Und ein Detail: "ein im Dunkel […] aufleuchtender Treppenabsatz", heißt es im Buch. In "Aufleuchtende Details", seinen tief berührenden Erinnerungen, schreibt Péter Nádas, dass er sich noch an die Bombardierung Budapests durch die Alliierten erinnert, obwohl er damals erst zwei Jahre alt war.

Lesen als Denkprozess

Anhand von prägnanten Details hangelt sich der ungarische Schriftsteller assoziativ und nicht chronologisch durch sein Leben. Schläge können da genauso zu einer erinnerten Insel überleiten wie der Schnee. Dieses Vorgehen verlangt dem Leser zwar mehr Konzentration ab, entspricht aber dem natürlichen, oft abschweifenden Denkprozess.

So wähnt sich der Leser schon bald im Kopf des Autors und lässt sich mit ihm treiben in der Vergangenheit. Bis zum 14. Oktober 1942, als Péter Nádas, Sohn einer Jüdin und kommunistischen Aktivistin und eines Abteilungsleiters im Ministerium, in einem jüdischen Krankenhaus in Budapest geboren wird. Am selben Tag, an dem die Nazis im polnischen Ghetto von Misotsch fast 2.000 Juden hinrichten. "Ich kämpfe seit langem damit, wie ich mitten in diese Grausamkeit überhaupt geboren bin. Das finde ich eine Ungerechtigkeit des Schicksals."

Meine Mutter hätte doch sehen können, in was für eine Welt sie mich hinausstieß. […] Wieso steckte sie nicht eine Stricknadel hoch. […] Entweder ist Gott nicht allmächtig, nicht gut, oder es gibt ihn nicht. Warum hatte ich selbst später nicht die Kraft, mich umzubringen. Leseprobe

Nicht dazu gehörend

Was ist das Gute und wie kommt es in eine Welt der Gräueltaten der Nazis, des Verrats im ungarischen Kommunismus? Wieso kann ein Turnlehrer, der über die Eleganz der fliegenden Körper wacht, plötzlich so brutal werden, dass er einen am Boden liegenden Schüler mit den Füßen tritt?

Péter Nádas, dieser hochsensible, brillant schreibende Autor, der zuerst als Fotograf arbeitete, hat sich sein Leben lang derartige Fragen gestellt, über die Schmerzgrenze hinaus. Mit sechzehn war er nach dem frühen Tod der Mutter und dem Selbstmord des Vaters schon Vollwaise. Er habe sich "außerhalb ihrer Interessensphäre" befunden, schreibt Nádas, der in der Schule gemobbt wurde, resignativ mit Blick auf seine Eltern. Im Gegensatz zu ihnen konnte er nicht anders, als an Gott zu glauben, und träumte davon, Tänzer zu werden:

"Gebt mir bitte Geld, ich möchte mich für den Ballettkurs einschreiben. Mehr brachte ich nicht heraus. Sie schauten sich an, lachten, was heißt lachen, sie wieherten, […] Im Chor, aber auch gegenseitig riefen sich meine Eltern zu, dass sie das garantiert nicht wollten, nein. […] Sie wollen doch nicht mein Schwulsein finanzieren." Leseprobe

Aus Erinnerungen wird Weltliteratur

Alles in seinem Leben sei so geschehen, wie es habe geschehen müssen, schreibt Nádas. Nur dass er nicht Tänzer geworden sei, tue ihm leid. So wundert es nicht, dass der Autor sein fast 1.300 Seiten starkes Buch "Aufleuchtende Details" mit einer Hommage an den fliegenden Körper beginnen lässt: Wie sein Großvater ihn durch die Luft warf und wieder auffing.

"Memoiren eines Erzählers" lautet ganz richtig der Untertitel dieser oft bedrückenden, aber trotzdem grandiosen Erinnerungen. Denn mit dem Instrumentarium eines herausragenden Schriftstellers und der Präzision eines bis ins kleinste Detail fühlenden Menschen hat Péter Nádas nicht einfach eine Autobiografie geschrieben, sondern auf assoziative Erinnerungen basierende große Literatur.

Die Memoiren eines ungarischen Autors, der zusätzlich zu seinen persönlichen Verletzungen auch noch die Last des Mordens und des Verrats im 20. Jahrhundert auf seinen Schultern trägt und für uns, die Leser, all das zu Weltliteratur sublimiert hat.

Aufleuchtende Details

von
Seitenzahl:
1280 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-04697-2
Preis:
39,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.10.2017 | 12:40 Uhr

04:58

"Kuss - Von Rodin bis Bob Dylan"

15.10.2017 17:40 Uhr
NDR Kultur
03:49

John le Carré: "Das Vermächtnis der Spione"

13.10.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:50

Péter Nádas: "Aufleuchtende Details"

12.10.2017 15:20 Uhr
NDR Kultur
04:49

Daniel Kehlmann: "Tyll"

11.10.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:22

Jess Jochimsen: "Abschlussball"

10.10.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:25

Sasha Marianna Salzmann: "Außer sich"

09.10.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

10:48
23:54

IKARIA 6: Der erste Stein (1/5)

22.10.2017 15:00 Uhr
NDR Kultur
55:28

Jazz Konzert: Out of Land

21.10.2017 22:05 Uhr
NDR Info