Stand: 27.09.2017 13:00 Uhr

Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau"

Die rothaarige Frau
von Orhan Pamuk, aus dem Türkischen von Gerhard Meier
Vorgestellt von Claudio Campagna
Bild vergrößern
Orhan Pamuk erhielt 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2006 den Nobelpreis für Literatur.

Orhan Pamuk ist in Deutschland der wohl bekannteste Schriftsteller aus der Türkei. Viele Leser im Westen haben ihr Türkeibild wohl nicht zuletzt aus seinen Büchern, wie "Schnee", "Rot ist mein Name" oder "Istanbul - Erinnerung an eine Stadt". Im Hanser-Verlag ist nun "Die rothaarige Frau" auf Deutsch erschienen, Orhan Pamuks neuer Roman.

Der Roman beginnt mit einem Widerspruch

"Eigentlich wollte ich Schriftsteller werden, aber nach den Ereignissen, die hier zu schildern sind, wurde ich Geotechniker und Bauunternehmer." Leseprobe

Nanu, ist es nicht ein von einem Ich verfasster und erzählter Roman, dessen ersten Satz man eben gelesen hat? Warum also will der Erzähler kein Schriftsteller geworden sein? Diese leichte Widersprüchlichkeit und Vagheit, wer hier eigentlich was erzählt, zieht sich durch das ganze Buch. Vielleicht, weil es sich nicht immer sagen lässt, wo genau das Leben aufhört und die Literatur beginnt.

Lebensgeschichte in drei Teilen

Aber der Reihe nach: Orhan Pamuks neuer Roman gliedert sich in drei Teile: Im ersten hilft der junge Cem einem Brunnenbauer bei der Arbeit, um Geld fürs Studium zu verdienen. Der zweite erzählt von Cems Ehe und seiner Karriere als Bauunternehmer. Der dritte Teil schildert das ganze Geschehen noch einmal aus Sicht der rothaarigen Frau, die dem Roman den Titel gibt. Sie ist die Primadonna einer Schauspieltruppe. Cem begegnet ihr als Brunnenbaugehilfe in der türkischen Provinz.

Orhan Pamuks Bücher im Überblick

"Mir fiel plötzlich auf, dass die Anhöhen in Richtung schwarzes Meer in seltsames blaues Licht getaucht waren und zwischen den graugelben Böden davor frischgrüne Baumgruppen emporragten. Die Ebene, auf der wir gruben, die blassen Häuser in der Ferne, die zitternden Pappeln, die gewundene Eisenbahnlinie, alles auf der Welt kam mir plötzlich schön vor, und ich ahnte, dass das irgendwie mit der hübschen rothaarigen Frau zu tun hatte." Leseprobe

Cems Gefühle für die rothaarige Schönheit, die Landschaft im Istanbuler Vorland und die Arbeit auf der einsamen Baustelle - all das ist stimmungsvoll und sehr genau beschrieben. Und je tiefer sich der Brunnenbau-Meister Mahmud durch die Schichten ins dunkle Innere der Erde gräbt, desto tiefer wird auch die Beziehung zwischen ihm und seinem Gehilfen. Mahmud wird zu einem Ersatz-Vater für Cem; und dieser wird Mahmud zu einer Art Sohn. Bis schließlich eines Tages …

"Ich sicherte die Winde und ergriff den Henkel des Eimers, der gerade wieder oben angelangt war. Da hörte ich den Meister unten schon wieder etwas rufen.
Wie von selbst zog ich den Eimer geschickt zur Seite auf das Holzbrett, als mir der Henkel auf einmal aus dem Haken rutschte und der volle Eimer in die Tiefe stürzte.
Ich erstarrte.
'Meister!', schrie ich." Leseprobe

Faible für Vater-Sohn-Geschichten

Ist er tot? Panisch ergreift Cem die Flucht und Teil zwei beginnt. Doch die Geschehnisse jenes Sommers lassen Cem sein Leben lang nicht los. Auch als erfolgreicher Bau-Unternehmer denkt er immer wieder zurück an seine erste Liebe, die rothaarige Frau, sowie an seinen einstigen Meister Mahmud. Obwohl seine Ehe kinderlos geblieben ist, entwickelt er ein fast schon manisches Interesse an Vater-Sohn-Geschichten. Besonders haben es ihm zwei alte Mythen angetan; nämlich die Sage von Ödipus und die Geschichte von Rostam und Sohrab aus dem persischen Epos "Schahnameh".

"Nüchtern betrachtet, wies die Geschichte von Rostam und Sohrab erstaunliche Ähnlichkeiten mit der von Ödipus auf, doch gab es auch einen wesentlichen Unterschied: Während nämlich Ödipus seinen Vater tötete, wurde Sohrab genau umgekehrt Opfer seines Vaters. Einem Vatermörder stand also ein Sohnesmörder gegenüber." Leseprobe

Diese beiden Grundkonstellationen tauchen in Andeutungen und als Möglichkeit in Cems Leben immer wieder auf. In seiner Familie finden sie sich in verschiedenen Variationen. Als Cem nach Jahrzehnten wieder an den Brunnen zurückkehrt, den er einst mit ausgehoben hat, bahnt sich erneut ein Unglück an.   

Von den 80er-Jahren bis zur Gegenwart

"Denn was in den alten Märchen und Legenden steht, kann einem auch selbst passieren", erklärt die rothaarige Frau, im nun einsetzenden Roman-Teil drei.

"Und je öfter man es liest und je mehr man an die Legenden glaubt, umso eher geschieht dies auch. Man nennt ja eine Geschichte auch deswegen Legende, weil sie einem selber zustoßen wird." Leseprobe

Wie sich Leben und Literatur durchdringen, ist das eigentliche Thema des Romans. Dazu ist es ein Buch über die Liebe und ihre dunkle Seite: Über das Ambivalente, wie die Psychologen sagen, im Verhältnis der Generationen und der Geschlechter.

Pamuk lässt sich zwar zu keinem tagespolitischen Kommentar hinreißen, etwa zur Regierung Erdogan. Doch die gesellschaftlichen Entwicklungen von den 80er-Jahren bis zur Gegenwart bilden den Hintergrund der Geschichte.

Die Türkei erscheint darin als Land, das zwischen Tradition und Modernisierung zu zerreißen droht. Und dieser Konflikt wirkt sich auch auf die zwischenmenschlichen Beziehungen aus. "Die rothaarige Frau" ist daher ein vielschichtiger und wunderbarer Roman.  

Die rothaarige Frau

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-25648-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 28.09.2017 | 12:40 Uhr

04:43

Mat Hennek: "Woodlands"

01.10.2017 17:40 Uhr
NDR Kultur
04:21

Lenka Hornakova-Civade: "Das weiße Feld"

29.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:32

Orhan Pamuk: "Die rothaarige Frau"

28.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
05:07

Sven Regener: "Wiener Straße"

27.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:33

Jane Gardam: "Die Leute von Privilege Hill"

26.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:11

Christopher Ecker: "Andere Häfen"

25.09.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur

Mehr Kultur

05:19

Die Biografie des Basketballers Wilbert Olinde Jr

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
03:42

Endre Tót im Staatlichen Museum Schwerin

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal
03:58

Die dunkle Seite des Malers Emil Nolde

23.10.2017 22:45 Uhr
Kulturjournal