Stand: 06.10.2017 11:45 Uhr

Über Mode und Konsumsucht

Moden
von Nora Gomringer (Text) und Reimar Limmer (Illustrationen)
Vorgestellt von Juliane Bergmann

Nora Gomringer wurde vor mehr als 15 Jahren als Poetry-Slammerin bekannt. In Bamberg gründete sie sogar selbst eine Spoken-Word-Reihe. Inzwischen zählt sie zu den großen Lyrikerinnen im deutschsprachigen Raum. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis - ausnahmsweise für einen Prosa-Text. Jetzt hat sie ihren neuen Gedichtband veröffentlicht - und der glänzt auch mit bemerkenswerten Bildern.

Reimar Limmers Collagen begleiten die Texte

Schon das Cover des Büchleins sagt, wohin die Reise geht. Optisch wie ein A5-großes Magazin. "Moden" der Titel, nicht zufällig in der Schriftart der "Vogue". Gesichtslose Cheerleader schwingen ihre Pompons. Daneben: Hinterkopfansichten von komplizierten, fingerbrecherischen Flechtfrisuren. Zwei Geier und ein Skelett, ja regelrecht Todesboten, sind ebenfalls Teil der Collage und irritieren das Bild der hübschen Idylle.

Ein kritischer Blick auf die Welt der Mode

In ihren neuen Gedichten wirft Nora Gomringer einen kritischen Blick auf die Welt der Mode. Was drücken wir mit Kleidung aus? Unter welchen Bedingungen entstehen Klamotten zu Ramschpreisen? Wer bestimmt, was schön ist? Reimar Limmer hat die Lyrik illustriert. In Collagen setzt er Fotos, Symbole, Formen und Muster zusammen.

Eine Art Scherenschnitt, der eine Tiki-Figur zeigt. Voller Ornamente und Verzierungen. Grimmig der Blick der Figur. Dann erst wird klar, woraus der Pfahl besteht. Nicht aus Holz, sondern aus Haut. Einzelne Flächen: zartrosa bis gelblich, feinporig bis furchig.

Fein gearbeitete Gürtel
Ausgefallenen Ziehapplikation am Rollo
Strahlender Lampenschirm
Aus Haut, Knorpel, Knochen
Kunstvoll gefertigte, vielbeachtete Sammlung
Unterm Strich mit dem Verstand bezahlt
So manche gab auch das Leben. Ausschnitt Gedicht aus beiliegender Audio-CD

Überraschende Texte und verstörende Bilder

Die Tiki-Figur neben dem Gedicht "Eds Liste". Traditionellerweise dient sie der Verehrung von Ahnen oder Göttern. Was schön ist, womöglich heilig, besteht hier aus Haut, vielleicht: aus Fleisch, aus Blut, aus Schweiß, aus Mensch. Ein Gefühl von Ekel schwingt mit.

Visuell und poetisch ist das Buch mutig. Es überrascht und verstört. Aber das nicht laut herausgeschrien, sondern eher leise, besonnen, pointiert. Das passt zur zarten Bissigkeit in Gomringers Sprache. Die Autorin liest die Texte auf einer beiliegenden CD. Das klingt genial, oberste Liga Poetry-Slam sozusagen. Text, Bild und Ton fügen sich wunderbar zusammen.

Kokett klingt aus den Truhen, Schränken,
Wänden voller Pellen: Frauenjaulen, Männer
seufzen, sie hätten nichts, wirklich nichts
mehr anzuziehen!
Vielleicht nie etwas besessen.
Sheila, zwölf Jahre, trägt Flipflops, Shorts,
ein Tanktop, alles kann sie nennen
mit nur einem Satz:
Das trage ich, nichts
anderes besitze ich.
Sie näht die Kleidung der Hunde,
Wölfe, der Schafe anderer Sprachen. Leseprobe

Gesellschaftskritik auf den zweiten Blick

Die Konsumsucht der ersten Welt, die schlechten Löhne bei der Textilherstellung in der dritten Welt - beides stellt die Lyrikerin gegenüber. Das Bild dazu ist mehr als nur eine Ergänzung. Es treibt die Gesellschaftskritik auf die Spitze. Eine unendliche dunkelblaue Galaxie: in deren Tiefe führen sternförmig Reihen hintereinander sitzender Näherinnen, fotografiert in schwarz-weiß. Akkordarbeit. Massenware. Hartes Handwerk.

Diskussion mit Nina Gomringer
mit Audio

HörSalon: Was uns anzieht

24.09.2017 20:00 Uhr
NDR Kultur

Woher kommt die Mode und was macht sie mit uns? Wie interpretiert und inszeniert sie den Körper? Nora Gomringer, Barbara Vinken und Tom Reimer diskutieren beim HörSalon im Bucerius Kunst Forum. mehr

Das Phänomen an diesem Buch: Tatsächlich könnte der Betrachter ganz oberflächlich durch die bunten Seiten wie durch ein Hochglanz-Modeheft blättern. Modelmädchen mit eingefrorenem Lächeln, lange Beinen in kurzen Röcken, Räkelpose. Die Motive scheinen zunächst nicht sonderlich anders als in den einschlägigen Magazinen. Erst wer innehält, genau hinschaut, sieht die Feinheiten. Eine Dirndl-Trägerin ohne Kopf. Eine Lotus-Blüte aus verformten Ballerina-Füßen. Ein Mann in aufreizenden Damen-Hotpants. Die Details sind der Schlüssel zur Botschaft.

Ein waches Publikum wünscht sich Nora Gomringer für ihr neues Buch: "Alle diese Gedichte haben immer auch etwas mit Zeugenschaft zu tun, mit Zeitgenossenschaft und dem Wissen: So leben wir jetzt. Was nehmen wir wahr? Und ich gehe davon aus, dass eben nicht nur ich diese Erfahrungen mache. Dann buhlt der Text so ein bisschen um die Leser und sagt: Kommst du mit oder bleibst du draußen?"

Ein toller, illustrierter Lyrik-Band: Draußen bleibt hier keiner.

Moden

von
Seitenzahl:
64 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Voland und Quist
Bestellnummer:
978-3-863911-69-0
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.10.2017 | 17:40 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/buch/Nora-Gomringer-Reimar-Limmer-Moden,moden100.html

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