Stand: 05.09.2017 14:00 Uhr

Speicherstadt: Kaviarkönige und Kaffeemädchen

Speicherstadt Story - Eine Geschichte von Menschen und Handel
von Batz Michael
Vorgestellt von Kerry Rügemer

Mit dem Theaterstück "Hamburger Jedermann" hat Michael Batz der Speicherstadt neues Leben eingehaucht. Jetzt hat der Regisseur, Dramaturg und Lichtkünstler ein umfangreiches Buch über dieses besondere Hamburger Viertel geschrieben: Die "Speicherstadt Story - Eine Geschichte von Menschen und Handel". Das Werk umfasst fast 300 Seiten und ist prall gefüllt mit Fotografien und Geschichten.

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Die "Speicherstadt Story" umfasst knapp 300 Seiten, gefüllt mit Fotos und Geschichten.

Eine Frau, die, leicht verwischt, fast wie ein Geist durch die Speicherstadt eilt, Kaviarkönig Ferdinand Hansen, der stolz vor einem Riesen-Stör posiert, aber auch Kontore und Fotos aus der Bauzeit der Speicherstadt - zehn Jahre lang hat Michael Batz für seinen Bildband "Speicherstadt Story" recherchiert, Interviews geführt und sehr viele Archive durchforstet. "Man muss dann auch Archive aufsuchen, die so erst mal nicht mit der Speicherstadt in Verbindung gebracht werden. Feuerwehr, Zoll, natürlich auch Polizei - und da findet man dann Dinge", schildert er seine Recherche.

Aschenbrödel des Kaffeehandels

Es sind Geschichten, die Batz bei dieser Suche gefunden hat. Die der Kaffeemiedjes zum Beispiel, der Kaffeemädchen. "Man muss sich die Speicherstadt auch als eine Stadt der Frauen vorstellen. Jeden Morgen sind Tausende von Frauen in die Speicherstadt gegangen und haben dort Kaffeebohnen verlesen. Das heißt, man musste die Bohnen nach Größe sortieren, nach Farbe - und das haben dann Frauen gemacht. Die saßen an langen Tischen, bekamen das hingeschüttet und mussten dann im Akkord arbeiten. Das waren die Aschenbrödel des Kaffeehandels, so hat sie Bismarck genannt", sagt Batz.

Ohrfeigen im Börsensaal

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Michael Batz ist Regisseur, Dramaturg und Lichtkünstler - mit einer großen Leidenschaft für die Hamburger Speicherstadt.

Dieser prächtig gestaltete Bildband mit den vielen wunderbaren Fotos einer vergangenen Zeit birgt enorm viele Informationen. Die sind überaus unterhaltsam und spannend geschrieben. Schon die Kapitelüberschriften lesen sich teilweise wie ein Krimi: "Untergang, Ohrfeigen im Börsensaal, Houses in trouble oder Tod eines Waffenhändlers".

Der beschriebene Waffenhändler hieß Bruno Spiro. Er war offensichtlich der erfolgreichste seines Fachs in Hamburg. Irgendwann geriet der jüdische Geschäftsmann ins Visier der Nazis - und wurde am 4. Juli 1936 von der Gestapo verhaftet. Spiro habe Devisen unterschlagen und von Juni 1935 bis Anfang 1936 Waffen nach Palästina an ein jüdisches Schieberkonsortium verkauft. Drei Monate wurde Spiro im KZ Fuhlsbüttel festgehalten. Im September 1936 erhängte er sich in seiner Zelle.

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Packende Geschichten

Dieses Buch erzählt die gesamte Geschichte der Speicherstadt - vom Abriss des mittelalterlichen Hafenviertels Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1980er-Jahre, als Container das Stückgut verdrängten. Schon die Fotos und Zeitdokumente, die vielen Porträts der Menschen, die hier einst gearbeitet haben, sind eine Augenweide. Ein tolles, üppig gestaltetes Buch, das auch von den packenden Geschichten lebt.

Für Michael Batz ist die Speicherstadt ein Epos. "Quasi was die Buddenbrooks für Lübeck sind, das ist die 'Speicherstadt Story' für Hamburg. Weil es die Geschichte der Kaufleute ist, aber auch aller anderer, die hier dazugehört haben - und ihres Aufstiegs und Falls. Das liest sich ja teilweise auch wie ein Roman, obwohl alle Sachen recherchiert sind."

Impressionen aus der Hamburger Speicherstadt

Speicherstadt Story - Eine Geschichte von Menschen und Handel

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Koehler Verlag
Bestellnummer:
978-3-782-21277-9
Preis:
29,95 €

Dieses Thema im Programm:

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