Stand: 08.08.2017 16:17 Uhr

Die geheimnisvollen Momente in der Küche

Die Chefin - Roman einer Köchin
von Marie NDiaye, Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer
Vorgestellt von Juliane Bergmann
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Marie NDiaye wurde 1967 in Pithiviers bei Orléans geboren und lebt seit 2007 in Berlin. Bereits mit 17 schrieb sie ihren ersten Roman.

Starke Frauenfiguren und deren Leben in der französischen Provinz - immer wieder schreibt die französische Autorin Marie NDiaye Geschichten wie diese. Mit großem Erfolg: 2009 bekam sie den Prix Goncourt, die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs - als erste Dunkelhäutige überhaupt. Gerade ist ihr neues Buch erschienen: "Die Chefin: Roman einer Köchin".

Ein junges Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Dessen Eltern nichts übrig haben für die Kunst des Kochens, die sich schlichtweg freuen, überhaupt etwas zu essen auf den Tisch zu bekommen, dennoch wird dieses Mädchen eine geniale Köchin.

Im Haushalt fressüchtiger Franzosen

Alles beginnt, als die damals 16-Jährige - ohne jegliche Kenntnisse in der Küche - bei dem geradezu fresssüchtigen Ehepaar Clapeau als Dienstmädchen arbeitet:

"(Die Clapeaus waren um die sechzig, sie hatten vier erwachsene Söhne, die jeden Sonntagmittag mit ihrer Familie zum Essen kamen, und viele Bekannte, die sie oft zum Abendessen einluden, womit sie rechtfertigten, dass sie eine eigene Köchin beschäftigten.) Sie aßen mit einer inbrünstigen, unerbittlichen Gier, die sie vollkommen beherrschte und dazu zwang, die Nahrung in ihren Gedanken an erste Stelle zu setzen. Vielleicht empfingen sie nur deshalb so viele Gäste, um diese Neigung vor sich selbst zu entschuldigen. Denn es erfüllte sie mit Angst, so gern zu essen, wie sie es taten." Leseprobe

Als die Köchin der Clapeaus geht, muss schnell jemand einspringen - und so übernimmt die 16-Jährige die Küche. Schon das erste Abendessen, das sie zubereitet, beeindruckt den Hausherrn und seine Frau:

"Ja, ja, zu sagen, die Suppe und das Hähnchen hätten ihnen geschmeckt, ist noch weit untertrieben. Doch sie waren so verblüfft, so verzaubert, dass sie nicht wirklich hatten urteilen und genießen können, es hatte ihnen an Kraft gefehlt, der Eifer war verflogen, sie hatten gegessen, wie sie es verabscheuten, von einer Lust mitgerissen, die ihr verwirrter Geist nicht mehr kanalisieren konnte." Leseprobe

Beschrieben wird das Leben der "Chefin" - wie sie durchweg genannt wird - von einem Ich-Erzähler, ihrem langjährigen Mitarbeiter. Erfrischend, in einer Art Dialog mit dem Leser, den er immer wieder direkt anspricht.

Unerwiderte Liebe zur Kochkünstlerin

Der Erzähler liebt nicht nur die Kochkunst der Chefin, sondern mehr noch die Frau an sich. Eine unerwiderte Liebe - sie ist doppelt so alt wie er und pflegt mit ihm ein lediglich professionelles Verhältnis. Eine ungewöhnliche Perspektive, in die die Autorin ihre Leser versetzt, schließlich bleibt der Blick auf die Chefin dadurch immer etwas subjektiv euphorisch und verklärt.

"Später sollte alle Sorge der Chefin sich darauf richten, den Produkten, die sie verarbeitete, den größtmöglichen Respekt entgegenzubringen, sie verneigte sich innerlich vor ihnen, sie huldigte ihnen, sie war ihnen dankbar und erwies ihnen Ehre, so gut sie konnte, Gemüse, Kräuter, Pflanzen, Tiere, sie schätzte nichts gering, verschwendete und missbrauchte nichts, behandelte nichts verächtlich, würdigte kein noch so bescheidenes Erzeugnis der Natur herab. Für die Chefin war alles schätzenswert, was lebte, was existierte." Leseprobe

Das unzuverlässige Erzählen macht diese Biografie so besonders. Dass die Chefin nicht lesen kann, dass sie mit einem Unbekannten eine Tochter bekommt, die wiederum als Erwachsene die Karriere der Mutter sabotieren will - solche Dinge behauptet der liebestrunkene Erzähler. Nicht immer entspricht seine Sicht der Wahrheit, so scheint es.

Andeutungen in sinnlicher Sprache

Gerade dank dieser Lücken entsteht ein regelrechter Mythos um die begnadete, spätere Sterne-Köchin. Immer etwas im Halbdunkel, immer etwas vage. Ein Spiel mit Andeutungen, das durchaus Spaß macht. Nicht zuletzt ist es auch die sinnliche Sprache, die das Buch lesenswert macht. Die Autorin beschreibt die Zubereitung der Gerichte detailliert, zelebriert das Kochen der Protagonistin und die Ergebnisse auf den Tellern der Gäste:

"Und sie erzählte mir jedes Mal in neuer Reihenfolge, was sie gekocht hatte, gebratene Ente mit Heidelbeersaft, frische Lachsravioli, Wildkaninchen-Confit, Fenchel- und Karottenfrikassee mit Lavendelhonig, mit Aubergine und Pistazien gefüllte Goldbrasse, Blumenkohl-Beignets an pikanter Sauce, gebratene Tauben mit Apfel und Rotkohl, Makrelen mit Knoblauch, gebratene Foie Gras-Scheibchen an einem Kompott von weißen Feigen." Leseprobe

Ein Buch, das gerade in seinen geheimnisvollen Momenten glänzt und mutig auf die ein oder andere Antwort verzichtet. Vor allem aber eine Lektüre, die zeigt, wie man ausgiebig den Genuss feiert.

Die Chefin - Roman einer Köchin

von
Seitenzahl:
333 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42767-5
Preis:
22,00 €

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