Stand: 30.05.2017 12:00 Uhr

Verräterische Fotos

Die Mädchen von der Englandfähre
von Lone Theils, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Vorgestellt von Juliane Bergmann
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Dieser Thriller ist der Auftakt zu einer Krimi-Reihe um die Ermittlerin Nora Sand.

Die dänische Autorin Lone Theils war selbst viele Jahre als Journalistin tätig, privat mag sie Kickboxen. Beides teilt sie mit der Protagonistin ihrer Krimi-Reihe, der Ermittlerin Nora Sand. 2015 wurde der erste Band "Die Mädchen von der Englandfähre" veröffentlicht, mittlerweile auch in 13 weiteren Ländern. Jetzt erscheint er auf Deutsch.

Alles beginnt mit einem Koffer

Nora arbeitet als Korrespondentin bei einer dänischen Wochenzeitung in London. Sie ist eine dieser toughen Reporterinnen. Ein schon reichlich abgenutztes Klischee: Jung, karrieregeil, stets beißt sie sich beharrlich in Themen fest. So auch, als sie in einem Trödelladen einen gebrauchten Lederkoffer mit Liebhaberwert kauft und darin ein paar etwa dreißig Jahre alte Polaroidfotos findet.

"Sie nahm den Stapel Bilder in die Hand und blätterte sie durch. Auf allen waren junge Mädchen zu sehen, Teenager. Mädchen, die allein an einer Mauer oder Wand standen, fast immer in der gleichen Pose. Alle blickten direkt in die Kamera. Einige flirteten offenkundig mit dem Fotografen und lächelten. Andere wirkten angesichts der Situation eher verschüchtert und beklommen." Leseprobe

Eins der Bilder zeigt Lisbeth und Lulu, die 1985 spurlos von einer Fähre zwischen Dänemark und England verschwanden. Das Foto - so rekonstruiert Nora - muss nach dem Verschwinden der Mädchen aufgenommen worden sein. Hinzu kommt, dass die Fotos im Stil auffällig den Bildern ähneln, die der verurteilte Serienmörder Bill Hix von seinen Opfern aufnahm. Bei genauerem Hinsehen steht sogar sein Name auf dem Koffer.

Recherche über einen alten Fall

Nora beginnt, über den alten Vermisstenfall zu recherchieren, trifft Zeugen, die die Mädchen in ihrer Zeit im Erziehungsheim kannten, und schafft es, ein Treffen mit dem Häftling Hix zu arrangieren. Da sich schon viele Psychologen an ihm die Zähne ausgebissen haben, wird sie bei Scotland Yard vorbereitet:

"Darüber haben wir viel gesprochen. Ob Sie die Rolle seiner dominanten Mutter spielen sollten, damit er sich unterwirft und ein Geständnis ablegt. Ob wir vor dem Treffen seine Medikation ändern sollten. Oder ob Sie den interessierten Serienmörder-Groupie spielen sollten. Die Wahrheit ist, dass er das wahrscheinlich innerhalb von drei Sekunden durchschauen würde. Der beste Rat ist: Seien Sie Sie selbst. Ganz einfach. Falls nichts dabei herauskommt, haben Sie es immerhin versucht." Leseprobe

Noras Recherche gestaltet sich manchmal zu einfach. Etwa, wenn jahrelang Schweigende plötzlich Geheimnisse ausplaudern, sich fast alle - sogar Polizisten und mürrische Dorftrinker - zu offenherzigen Gesprächen hinreißen lassen, obwohl die Protagonistin kein wirklich kommunikatives Geschick mitzubringen scheint. Wenn es zur kniffligen Reporterin-trifft-Killer-Situation im Stil von "Das Schweigen der Lämmer" kommt, hat die investigative Journalistin keinerlei Coolness.

Wenig glaubwürdige Ereignisse

Nicht ganz glaubwürdig ist diese Entwicklung der Ereignisse. Immer wieder wundert sich der Leser: Warum vertrauen sich die Fremden Nora an? Oder weshalb findet sich die Antwort auf eine zuvor nie geklärte Frage am nächstbesten Kneipentresen oder durch einen zufälligen Telefonanruf?

Sobald nichts mehr zu sagen ist, schenken sich die Figuren Kaffee ein oder zucken mit den Mundwinkeln - stereotype Verhaltensweisen wie diese tauchen geradezu inflationär auf. Um den Klischees noch eins draufzusetzen, hat die Autorin auch noch eine unnötige Liebesgeschichte eingebaut. Zwischen Nora und ihrem Jugendfreund, der ihr - inzwischen Polizist geworden - bei den Ermittlungen zur Seite steht. Das Feingefühl und die Aura, die Lone Theils ihrer Nora Sand andichtet, bleiben reine Behauptung. Gerade die sollen der Schlüssel zu ihren Ermittlungserfolgen sein, sagt ein Mann von Scotland Yard.

"Sie sind nun mal anders, Miss Sand. Sie interessieren ihn. Er möchte von Ihnen anerkannt werden." Nora sah ihn verblüfft an. "Woran machen Sie das fest?" "An der Tatsache, dass er ziemlich weit geht, um Sie zu beeindrucken, und eine Art Vertrauensbasis zwischen Ihnen und sich aufzubauen versucht." Leseprobe

Ein Krimi, der richtig gut hätte werden können, denn die Grundidee ist wirklich spannend. Man liest ihn dann doch komplett, um zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht. Aber durch dümmliche Dialoge und eine allzu simple Handlungsführung schwächelt das Buch gewaltig.

Die Mädchen von der Englandfähre

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-499-27253-0
Preis:
9,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.05.2017 | 12:40 Uhr

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