Stand: 31.07.2017 17:27 Uhr

Hemingways Aufstieg zum Star-Autor

Und alle benehmen sich dabeneben: Wie Hemingway seine eigene Legende erschuf
von Lesley M. M. Blume
Vorgestellt von Katharina Mahrenholtz
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Das Coverfoto zeigt Hemingway und seine illustre Entourage 1925 in Pamplona.

Als Ernest Hemingway 1921 nach Paris kommt, hat er vor allem eins: Hybris. Das Verrückte ist, dass sich im Nachhinein zeigt, dass dieser junge Mann völlig zu Recht von sich überzeugt war. Sein Roman "Fiesta" gilt noch immer als Meilenstein der modernen Literatur.

Die Journalistin Lesley M. M. Blume beschreibt in ihrer ungewöhnlichen Biografie Hemingways Weg vom unbekannten Reporter zum weltberühmten Autor.

Unbedingt lesen!

So viel vorweg: Jeder, der sich für Literatur interessiert, wird dieses Buch lieben. Lesley M. M. Blume hat eine unglaubliche Menge an Informationen zusammengetragen, entstanden ist ein von der ersten bis zur letzten Seite faszinierender Einblick in das Leben und Arbeiten eines Ausnahmetalents.

Ein Amerikaner in Paris

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Ernest Hemingway, 1923: Wild entschlossen, ein weltberühmter Schriftsteller zu werden.

Als Ernest und Hadley Hemingway 1921 nach Paris kommen, kennen sie niemanden und niemand kennt sie. Sie mieten eine zugige Dachkammer, Hadleys Treuhandfonds hält sie finanziell über Wasser, denn Hemingway schreibt zwar recht erfolgreich, aber nur äußerst widerwillig Zeitungsreportagen. Das verderbe seinen Stil, meint er, und überhaupt brauche er die Zeit, um Prosa zu schreiben.

Er arbeitet hart daran, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden, lernt die einflussreichen Amerikaner in Paris kennen: Ezra Pound, Sylvia Beach, Gertrude Stein - und schafft schließlich, dank vieler Fürsprecher, ein Buch mit Kurzgeschichten bei einem amerikanischen Verlag zu veröffentlichen. Blume zitiert aus seinem Brief an den Verleger:

"Mein Buch wird von geistig Anspruchsvollen gepriesen und kann von geistig Anspruchslosen gelesen werden. Es steht kein Satz darin, der nicht von Menschen mit normaler Schulbildung verstanden werden kann."

Hemingway - das ist die Moderne

Damit bringt Hemingway sein eigenes Genie auf den Punkt. Er wird für die Literatur das, was Picasso und die Kubisten für die Kunst waren. Er schreibt in einem neuen, radikal reduzierten Stil - experimentell, ja, aber nicht unlesbar wie James Joyce oder Gertrude Stein. Nach der Veröffentlichung der Kurzgeschichtensammlung "In unserer Zeit" ahnt man, dass Hemingway die Literatur in die Moderne führen kann. Aber klar ist - dem Verlag, dem Autor, den Kritikern: Es braucht jetzt einen Roman. Und nachdem er lange verzweifelt mit sich gerungen hat, findet Hemingway auch endlich sein Thema.

Stierkampf in Pamplona

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1923 reist Hemingway zum ersten Mal nach Pamplona, um sich den berühmten Stierkampf anzusehen. Er ist sofort fasziniert, kommt im nächsten Jahr wieder - und im Jahr darauf ebenfalls. Diesmal in Begleitung einer illustren Clique: vier Männer und eine Frau, die lieben, streiten, trinken und mit leichtsinnigen Mutproben in der Arena prahlen.

Sie alle werden sich in Hemingways erstem Roman wiederfinden. "Fiesta" erscheint 1927 beim amerikanischen Traditionsverlag Scribner’s - dank der Vermittlung von F. Scott Fitzgerald und dank eines Lektors, der an Hemingway glaubt und sich gegen den Verleger durchsetzt, dem das Buch viel zu vulgär ist. "Hemingway versprach, er würde alle profanen Wörter streichen, die er für willkürlich hielt, aber 'bitch' gehöre nicht dazu. 'Balls' - Eier - allerdings erwies sich als verhandlungsfähig."

Die Stimme der "Lost Generation"

Scribner’s startet eine beispiellose PR-Kampagne, und innerhalb weniger Monate verkauft sich das Buch 11.000 Mal - kein Megaseller, aber ein ordentlicher Erfolg. Die Kritiker sind sich einig, dass Hemingway die Stimme der jungen Kriegsgeneration sei - der "Lost Generation", wie Gertrude Stein sie einst bezeichnete. Ein Etikett, das bis heute an Hemingway klebt, obwohl es ihn selbst schon bald genervt hat. Noch immer werden weltweit geschätzte 300.000 Exemplare von Hemingways Debütroman verkauft, ein Jahrhundertwerk. Lesley M. M. Blume hat ihm ein wunderbares Denkmal gesetzt - und erzählt noch so viel mehr:  "Und alle benehmen sich daneben" steckt voller Geschichten über "les années folles", die Goldenen Zwanziger, und ihre schillernden Protagonisten.

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Und alle benehmen sich dabeneben: Wie Hemingway seine eigene Legende erschuf

von
Seitenzahl:
528 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3423281096
Preis:
18,90 €

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