Stand: 21.04.2017 10:34 Uhr

Unsichtbare Grenzen

Die Zeit der Ruhelosen
von Karine Tuil, aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff
Vorgestellt von Katja Weise
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Die 1972 in Paris geborene Autorin setzt sich in ihren Romanen mit sozialen, politischen, juristischen und ethischen Fragen auseinander.

In Frankreich hat der aktuelle Roman von Karine Tuil schon für viel Aufmerksamkeit gesorgt - nur knapp hat sie mit "L'Insouciance" den Prix Goncourt verpasst. Jetzt ist das Buch unter dem Titel "Die Zeit der Ruhelosen" auch auf Deutsch erschienen. Wer verstehen will, wie Frankreich tickt - im Frühjahr der Präsidentschaftswahl - sollte diese Analyse einer zerrissenen Gesellschaft unbedingt lesen.

Das Ende der Sorglosigkeit

Geschrieben hat Karine Tuil den Roman unter dem Eindruck der Anschläge in Paris 2015: "2015 war ein Satz quasi in aller Munde, immer wieder hörte man: Das ist das Ende der Sorglosigkeit. Wir haben sie verloren, wir haben die Leichtigkeit verloren. Und der Schriftsteller ist jemand, der von diesem Schmerz, von dieser Zerbrechlichkeit erzählen kann, gerade weil die Politiker das teilweise gar nicht mehr tun."

So erzählt sie von Romain Roller, der schwer traumatisiert von einem Militäreinsatz in Afghanistan zurückkehrt. Von dem reichen Geschäftsmann Francois Vély, der über die Veröffentlichung eines kompromittierenden Fotos stolpert und sich danach schweren Rassismus-Vorwürfen ausgesetzt sieht. Von Osman Diboula, der aus dem Problemviertel Clichy-sur-Bois als Vorzeige-Schwarzer im Umfeld des Präsidenten Karriere macht - und ebenfalls tief fällt.

In unserer Gesellschaft ist etwas sehr Ungesundes im Gange, alles wird durch den Blickwinkel der Identität betrachtet. Jeder wird auf seine Herkunft festgelegt, egal, was er tut. Versuchst du, aus diesem Muster auszubrechen, halten sie dir vor, dass du dein wahres Ich verleugnest, und stehst du dazu, wirst du als rückgratloser Mitläufer verunglimpft. Leseprobe

Enorme soziale Spannungen in der Gesellschaft

So heißt es im Roman und genau darum geht es Karine Tuil. Sie will die unsichtbaren Grenzen aufzeigen, die die französische Gesellschaft durchziehen - und das nicht nur in Paris. Die teilweise über Jahrzehnte entstanden sind. Weil jene Haute Volée, zu deren wichtigsten Repräsentanten Francois Vély gehört, keine Eindringlinge duldet. Menschen, die wie Romain Roller oder Osman Diboula in sozialen Brennpunkten groß werden, haben nur in Ausnahmefällen eine Chance:

"Ich glaube, wir leben in einer Gesellschaft, in der die sozialen Spannungen, in der die Identitätskonflikte enorm sind, und das wollte ich erzählen", erklärt die Autorin. "Schon in meinem vorigen Roman habe ich mich ja mit diesem Thema beschäftigt. Jetzt ging es mir darum, zu untersuchen, wie wir mit Minderheiten umgehen, welchen Platz sie in der Gesellschaft haben, und das vor allem am Beispiel eines farbigen Mannes, der in der Politik Karriere macht." 

Es geht um Macht und Machterhalt

Weil es gerade opportun erscheint, die Offenheit der französischen Gesellschaft zu demonstrieren. Trotzdem sieht Osman sich ständig mit Vorurteilen und unterschwelligem, teilweise offenem Rassismus konfrontiert. Will er sich im Umfeld des Präsidenten halten - das macht Karine Tuil teilweise etwas zu deutlich - darf er auf moralische Grundsätze und persönliche Befindlichkeiten keine Rücksicht nehmen.

Hier geht es nur um Macht und Machterhalt einer politischen Kaste, die am liebsten unter sich bleibt. Francois Vély gehört einer anderen Kaste an, der der erfolgreichen Unternehmer und muss schließlich erleben, was es heißt, aus ihr herauskatapultiert zu werden, unter anderem deshalb, weil jemand seine jüdischen Wurzeln publik macht, die für Vély nie eine Rolle gespielt haben: "Die Gesellschaft in ihrer ganzen Komplexität darzustellen, auch in ihrer Doppeldeutigkeit, erlaubt es auch mir selbst, die Mechanismen besser zu verstehen", sagt Tuil.

Komplex und opulent ist der Roman von Karine Tuil: ein umfassendes, verstörendes Porträt einer Gesellschaft am Rande der Selbstzerstörung. Manchmal allerdings lässt sich die Autorin zu sehr mitreißen von ihrem Elan - dann geraten Passagen geschwätzig und etwas unscharf. Trotzdem hält sie den Spannungsbogen bis zum Schluss. Immer enger führt sie die Geschichten zusammen und öffnet sogar noch eine Hintertür für die Hoffnung.

Die Zeit der Ruhelosen

von
Seitenzahl:
512 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
978-5-5008-175-0
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.04.2017 | 12:40 Uhr

04:05

"Die Zeit der Ruhelosen" von Karine Tuil

21.04.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:26

"Die Kanzlerin" von Konstantin Richter

20.04.2017 12:40 Uhr
NDR Kultur
04:45

"Heute leben wir" von Emmanuelle Pirotte

19.04.2017 12:40 Uhr
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