Stand: 08.11.2017 11:30 Uhr

Unter der Oberfläche lauert der Schmerz

Die Zweisamkeit der Einzelgänger
von Joachim Meyerhoff
Vorgestellt von Katja Weise
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Joachim Meyerhoff, geboren 1967, ist in Schleswig aufgewachsen und seit 2005 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters.

Das muss man erst mal schaffen: Gut 2.000 Menschen kamen Mitte Oktober zur Lesung in der Hamburger Elbphilharmonie, als der Schauspieler Joachim Meyerhoff zum ersten Mal öffentlich aus "Die Zweisamkeit der Einzelgänger", dem vierten und letzten Teil seines autobiografischen Romanzyklus "Alle Toten fliegen hoch" las.

Da ist er wieder, der große etwas ungelenke Meyerhoff, der in den vergangenen sechs Jahren mit seinen Romanen die Herzen eines Millionenpublikums erobert hat - nicht zuletzt, weil er so nahbar scheint und Dinge an- und ausspricht, die viele bewegen: mit Witz und literarischem Schliff.

Autobiografisches mit einer Portion Selbstironie

Inzwischen hat er seine Schauspielausbildung in München absolviert und bekommt erste Engagements in der Provinz, unter anderem in Bielefeld. Auf Laternenmasten und Stromkästen klebt er Anzeigen: "Junger Schauspieler sucht ab sofort: kleine, helle, ruhige Wohnung".

Allerdings - ein wichtiges Stilmittel bei Meyerhoff ist und bleibt die Selbstironie - ohne Erfolg:  

"Ich wanderte durch die fremde Stadt. Alle Blätter unversehrt. Doch eine Anzeige war durch einen Zusatz ergänzt worden. Mit dickem Filzstift hatte jemand unter meinen Satz geschrieben: Zum Sterben." Leseprobe

Der Beginn einer seltsamen Liebesgeschichte

Lebendig begraben fühlt sich der junge Mann tatsächlich - bis er Hanna kennenlernt:

"Willst du dich umbringen? Das war der erste Satz, den sie zu mir sagte, und ich habe mich später noch oft gefragt, ob mir das eine Warnung hätte sein sollen. Ich hatte sie den ganzen Abend über beobachtet, fasziniert von ihrem Aussehen. Zu große Zähne, zu große Augen, zu platte Nase, verdammt kurze Haare. Sie gefiel mir sofort sehr." Leseprobe

Das ist der Anfang einer seltsamen, fast störrischen Liebesgeschichte, die Meyerhoff manchmal etwas zu wortreich schildert, obwohl ihn sein Gefühl für gutes Timing nie gänzlich verlässt. Deshalb ist, trotz einiger Längen vor allem im ersten Teil, auch dieser Roman temporeich erzählt. Außerdem gelingt es immer wieder, einen direkten Bezug zum Lesepublikum herzustellen - zum Beispiel, als das literarische Alter Ego Hanna spontan eine entscheidende Frage stellt:

"Vielleicht, dachte ich später einmal, trägt jeder Mensch so ein paar Sätze in sich, von denen er gar nichts weiß, die unbemerkt in ihm schlummern und das ganze Leben verändern können. So einen kleinen handlichen Trommelwortrevolver, dessen Kugeln sich unerwartet lösen und unleugbar, unumstößlich ins Dasein knallen." Leseprobe

Parallele Liebschaften erfordern Organisationstalent

Doch nicht nur Hanna wirbelt das Leben des beruflich komplett frustrierten Jungdarstellers heftig durcheinander. Er wechselt nach Dortmund und lernt dort Ilse kennen, eine ihn mit vielen Kuchenteilchen heftig umwerbende Bäckersfrau, und Franka, eine ebenfalls am Theater engagierte feurige Tänzerin. Bei der einen findet er Trost, mit der anderen beginnt er eine leidenschaftliche Beziehung. Das erfordert Organisationstalent, denn Hanna gibt es auch noch:

"Angetrunken lachten und knutschten wir uns die Treppe zur Wohnungstür hinauf. Ich schloss auf, rupfte im Vorbeigehen ein Foto von Hanna beim Spargelschälen im Bielefelder Garten von der Scheibe des Küchenbuffets und tat dann so, als würde ich den Lichtschalter nicht finden." Leseprobe

Von diesem Autor möchte man mehr lesen

Das große Pfund, mit dem Joachim Meyerhoff auch in diesem Roman wuchert: Er ist (fast) nie "nur" komisch. Unter der Oberfläche lauert immer der Schmerz: die Angst vor dem Verlust, dem Misserfolg, die Sorge, Ansprüchen - und sei es den eigenen - nicht genügen zu können. Dabei begleiten ihn die Toten weiter auf seinem Weg: der Bruder, der Vater, die Großeltern.

Trotzdem fehlen sie auch dem Leser. So ist es nur folgerichtig, dass dieser vierte Band der letzte der Reihe "Alle Toten fliegen hoch" ist. In Zukunft möchte man andere Geschichten von diesem begabten Autor und intelligenten Beobachter lesen. Unbedingt.

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Die Zweisamkeit der Einzelgänger

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-04944-2
Preis:
24,00 €

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