Stand: 04.10.2017 15:00 Uhr

Eine konfliktgeladene Gegensatzwelt

Schwarz und Weiß
von Irene Dische, aus dem Englischen von Elisabeth Plessen
Vorgestellt von Claudia Christophersen
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Irene Dische, geboren 1952 in New York, lebt und arbeitet in Berlin und in Rhinebek bei New York.

Durch Lebens-, Liebes- und Familiengeschichten zu rasen, mit Humor, Witz und Scharfzüngigkeit - das ist eine der Spezialitäten der deutsch-amerikanischen Schriftstellerin Irene Dische. Das hat sie schon 1989 mit ihrem Erzählband und literarischen Debüt "Fromme Lügen" gezeigt und das hat sie fortgesetzt in ihren Romanen wie "Großmama packt aus" oder zuletzt "Clarissas empfindliche Reise". Nach acht Jahren ist jetzt endlich wieder ein Roman von ihr erschienen: "Schwarz und Weiß".

Wie lebt man ein gutes, glückliches Leben? Träume, Sehnsüchte sind das eine. Tatkräftige Entscheidungen und Mut das andere. Duke Butler will nicht nur träumen, sondern irgendwie ein besseres Leben leben.

Eine ungleiche Beziehung

"Seidiger Sonnenschein, der Himmel so blau wie das Kleid der Madonna, eine verführerische, dennoch kühle Straße, ein Baum, der geduldig darauf wartet, Schatten zu spenden, das verheißungsvolle Läuten des Eisverkäufers. … Wegen eines solchen Augenblicks der Juniseligkeit kann seine närrische Liebe ein ganzes Leben voller übelster 'megapolitanischer' Misshandlungen überstehen." Leseprobe

Es ist die Liebe zu Lili Stone, die Duke Butler nach New York lockt. Er schwarz - sie weiß. Sie: Tochter jüdischer Emigranten und Intellektueller. Er: ohne Geld, ohne Bildung, ohne nennenswertes Etwas. Ein märchenhafter Stoff! Genau das richtige für die Meisterin der Erzählkunst. Irene Dische fährt das ganze Repertoire auf, das sie an narrativem Feuerwerk zu bieten hat: Kitsch und Plüsch, Irrungen und Wirrungen, Klischee und Fantasie. So kann Lili aus ihrem armen, schwarzen Niemand vor ihren Eltern den passgerechten Prinzen schnitzen:

"Er sei der Urenkel von Thomas Jefferson, sagte sie und glaubte es selbst. 'Wirklich!', riefen ihre Eltern aus und beugten sich vor. Sie warnte, dass man das Thema nicht ansprechen dürfe, weil Duke der Niedergang seiner Familie sehr belaste. … Er sei in großer Armut aufgewachsen, ohne Schuhe und immer hungrig zu Bett. Die Verbindung zu Jefferson beschämte ihn nur. Aber eines Tages, prophezeite sie, würde er stolz darauf sein. Er müsste vorher nur einen Grund dafür finden." Leseprobe

Überraschende Erkenntnisse

Irene Dische kostet den Moment der Pointe aus, spinnt und verwebt die kuriosen Fäden, an denen ihre Figuren hängen, mit einem üppig garnierten Zeitkolorit: Elvis Presley, Elisabeth Taylor, die Twin-Towers, der erste Apple-Computer. Duke und Lili machen schwindelerregende Karrieren im New York der Siebziger- und Achtziger-Jahre. Während Duke sich trotz ausgewiesener Unkenntnis zum etablierten Weinkenner hocharbeitet, in Fernsehsendungen über den samtigen Geschmack des rotes Goldes philosophiert, wird zugleich das vermeintlich hässliche Entlein Lili von den Glanzmagazinen der Modewelt entdeckt. Das Geld fließt, der Ruhm expandiert - doch das wacklige Konstrukt sitzt beiden im Nacken. Wenn gefeiert wird, dann nicht ohne Champagner und Hummer:

"Die Gabel stieß in dem Hummergelenk auf Widerstand, und Lilis Hand rutschte seitlich ab, genau in dem Moment, als Duke sich nach vorn beugte, um sich den zweiten Hummer zu holen. Das Schicksal … zielte jetzt mit dem Gabelzinken auf Dukes rechtes Auge." Leseprobe

Lili sticht in maßlosem Übermut ihrem Ehemann das Auge aus. Es sind die ungeahnten Wendungen, die brutalen, schockierenden und schonungslosen Ein- und Ausbrüche, mit denen Irene Dische die Befindlichkeiten einer Gesellschaft hinterfragt. Hinter der Folie der konfliktgeladenen Gegensatzwelten bohrt sie immer weiter in den Verästelungen der Familiengeschichten, durchquert die weiß-schwarzen Kontinente und überrascht mit der schlichten Erkenntnis, dass eine Farbe nicht gleich eine Farbe ist, sondern eine Vielzahl von Schattierungen hat. Ein atemberaubendes Buch!

Fälschlicherweise hieß es in einer früheren Version, der Verlag sei Kiepenheuer & Witsch. Das ist nicht korrekt, das Buch ist bei Hoffmann und Campe erschienen. Vielen Dank an den aufmerksamen User.

Schwarz und Weiß

von
Seitenzahl:
496 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hoffmann und Campe
Bestellnummer:
978-3-455-40477-7
Preis:
26,00 €

Dieses Thema im Programm:

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