Stand: 25.04.2016 12:40 Uhr

Schein-Hochzeit für eine Nacht

Die 33. Hochzeit der Donia Nour
von Hazem Ilmi, übersetzt von Matthias Frings
Vorgestellt von Claudio Campagna
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Unter Verwendung eines Pseudonyms rechnet der Autor mit islamistischen Ideologien ab.

Hazem Ilmi ist ein Pseudonym. Der Mensch der dahinter steckt, will seinen echten Namen nicht nennen; aus Angst vor Fanatikern. Das ist nachvollziehbar. Denn sein eben erschienenes Buch hat es in sich. Es heißt "Die 33. Hochzeit der Donia Nour" und ist eine Abrechnung mit dem Islam und der arabischen Gesellschaft.

Ein düsterer Zukunftsroman

Als düstere Zukunftsvision malt sich Ilmi eine Religionsdiktatur im Nahen Osten aus, die der Gegenwart jedoch recht nahe kommt. Seinen Science-Fiction-Roman hat der Autor im Selbst-Verlag herausgebracht; bislang allerdings nur digital und auf Englisch. Der deutsche Verlag Blumenbar hat den Text nun übersetzen lassen und als Buch veröffentlicht.

Ägypten 2048. Es gilt das Gesetz der Neo-Sharia, die im Wesentlichen zu besagen scheint, dass vor Gott vielleicht alle gleich sein mögen, einige aber gleicher sind, weswegen der Rest ihnen doch bitteschön dienen soll. Auf den kommerziellen E-Hidschabs, die voll verschleierte Frauen tragen, blinken die Logos von Nike und Dolce&Gabbana. Werbung dringt per Sleepvertisement in die Träume ein. Denn Konsum ist gut und wird vom Regime wie Beten mit Jenseitspunkten belohnt. In der Philosophie des Nizam heißt es: "Alle ägyptischen Bürger haben das Recht, in den Himmel zu kommen. Es ist die Pflicht der Regierung, sich zu bemühen, dass dieses Recht ihnen gewährt wird."

Wer sich nicht freiwillig unterwirft, bekommt es mit vollautomatischen Sittenwächtern zu tun. Die kugelrunden Flugroboter patrouillieren überall. Und nicht nur sie passen auf.

Überwachung fast wie bei George Orwell

Als Donia den Boulevard überqueren wollte, gab der Laternenmast neben ihr einen kreischenden Alarmton von sich. Als rieche sie schlecht, gingen mehrere Fußgänger auf Abstand. Sie schaute auf den Kleidungsdetektor, der sich am Laternenpfahl befand und stellte fest, dass sein roter Lichtstrahl direkt auf ihren Kopf wies. Sie räusperte sich und griff an ihr Kopftuch. Eine Haarsträhne hatte sich gelöst. Leseprobe

Erschreckend an Hazem Ilmis orwellesker Zukunftsvision ist, wie plausibel sie erscheint. Vom technologischen Drumherum einmal abgesehen, gibt es das, was er beschreibt, praktisch alles schon. Die Glaspaläste in der Wüste ebenso wie die Ausbeutung antiker Kulturstätten; religiös verbrämte Willkür und Grausamkeit ebenso wie die Hetze gegen Ungläubige. Auch die sogenannten Genuss-Ehen hat der Autor sich nicht ausgedacht.

"Die 33. Hochzeit der Donia Nour" ist eine solche Scheinheirat für eine Nacht, die frommen Freiern eine gottgefällige Nummer ermöglicht. Donia prostituiert sich, um Geld für ihre geplante Flucht zusammenzukratzen. Bis sie an einen nicht nur elefantösen, sondern auch sadistischen Würdenträger gerät, der sie, weil sie keine Jungfrau mehr ist, nach Süden in ein Straflager verbannen lässt.

Ein atheistischer Philosoph soll helfen

Jetzt kann nur noch Ostaz Mukhtar helfen. Der hedonistisch veranlagte Philosophie-Professor ist im Jahr der ägyptischen Revolution 1952 von außerirdischen Bakterien entführt worden. Die hochentwickelten Wesen sind etwas beunruhigt über die Entwicklungen auf der Erde und beamen den cholerischen Vollblut-Atheisten knapp 100 Jahre später zurück auf Marktplatz von Kairo.

Die Leute schrien, aber niemand wagte sich näher an ihn heran. Je länger er dort nackt herumstand, desto zorniger wurden die Männer. Den wenigen Frauen wurden von ihren Begleitern die Augen zugehalten. Leseprobe

Wird es Donia und dem Nackten gelingen, eine neuerliche Revolution anzuzetteln? Slapstick-Humor und ein turbulenter James-Bond-würdiger Plot machen die dunkle Dystopie zur unterhaltsamen Lektüre. Obwohl das Buch vor allem eine Abrechnung mit islamistischen Ideologien und Regimen ist, richtet sich die Polemik auch gegen den Konsumwahn des globalisierten Westens und einige Fragen, die Professor Ostaz aufwirft, lassen sich auf alle Religionen übertragen.

"Ist es dir nie verdächtig vorgekommen, dass Gottes Wille so hübsch zu den Absichten der Mächtigen passt? Für die meisten Gestalten der Geschichte ist der Wille Gottes nichts anderes als eine düstere Stimme in ihrem Kopf, die die Unterwerfung der Frauen und die Auslöschung Andersdenkender rechtfertigt. " Leseprobe

Das mag man anders sehen, aber es lohnt sich, darüber nachzudenken. "Die 33. Hochzeit der Donia Nour" regt dazu an, komisch und provokant.

Die 33. Hochzeit der Donia Nour

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verlag Blumenbar
Bestellnummer:
978-3-351-05027-6
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.04.2016 | 12:40 Uhr

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