Stand: 04.09.2017 18:44 Uhr

Mystery-Kolportage mit Schriftsteller

Romeo oder Julia
von Gerhard  Falkner
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Gerhard Falkner, Jahrgang 1951, erhielt für sein Werk zahlreiche Auszeichnungen.

Seit Jahren ist Gerhard Falkner einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Seit vergangenem Jahr ist der überwiegend in Berlin lebende Franke zudem auch noch Romancier. Da debütierte der mittlerweile 66-Jährige nämlich mit dem Berlin-Roman "Apollokalypse" - und landete damit einen beachtlichen Kritikererfolg. Nur ein Jahr danach legt Falkner jetzt bereits seinen zweiten Roman vor - und schafft es damit sogar auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis. Ein erstaunlicher Aufstieg.

Manuskript aus der Schublade?

Man wird den Verdacht nicht los, dass Gerhard Falkner vor ungefähr einem Jahr von seinem Verlag gefragt worden sein könnte, ob er nicht vielleicht noch einen Roman in der Schublade habe. Sein erster, "Apollokalypse", laufe nämlich gerade so gut, da böte es sich doch förmlich an, direkt einen zweiten nachzuschieben. Falkner könnte sich daraufhin an die Notizen aus dem Jahr 2005 erinnert haben, die er seinerzeit möglicherweise gemacht hatte, nachdem ihm in Innsbruck ein paar Dinge aus einem Hotelzimmer gestohlen worden waren. Eher unbedeutende Dinge, ja, aber Falkner wäre ein schlechter Schriftsteller, wenn er die nicht durch ein bisschen kunstvolles Palaver und allerhand Anleihen aus der Weltliteratur so mit Bedeutung aufladen könnte, dass daraus der Stoff für einen Mystery-Kolportage-Roman würde. Frei nach Gogol (weil eben kaum ein Satz ohne Anleihen bei der Weltliteratur ist) beginnt der Roman nun so:


Am 16. September 2005 ereignete sich in einem Hotel in Tirol nahe Innsbruck ein ungewöhnlich seltsamer Vorfall.


Gewürzt mit einem Haarbüschel

Da der Diebstahl einer "Messenger-Bag von Vaude mit persönlichen Papieren, Unterlagen und Arbeitsbüchern" allein wohl nicht "ungewöhnlich seltsam" genug gewesen wäre, wird das Ganze mit einem Büschel langer schwarzer Haare, das sich in der Badewanne des Hotelzimmers findet, auch noch erotisch aufgeladen.


Es waren nicht zwei oder drei Haare, an denen man sich hätte vorbeimogeln können. Es waren so viele, als wären sie bei einem Zweikampf zurückgelassen worden. […] Die Haare, die sich alle auf ihrer ganzen Länge zwei bis drei Mal leicht wellten, wirkten durch ihre Schwärze irgendwie katastrophal. Leseprobe

Damit hätte Falkner ein bisschen Mysterium, ein bisschen Katastrophe, fehlt nur noch ein Held, dem das alles widerfährt. Falkner nennt ihn "Kurt Prinzhorn" und lässt ihn aus einem "Ort ohne Eigenschaften" kommen (so viel Anspielung muss bei Falkner einfach sein): 


Obwohl ich Kurt heiße, bin ich Schriftsteller. Allerdings bin ich weit davon entfernt, mir auf diese Tatsache etwas einzubilden. Der Rausch, sich nach jahrelangen Tagen und Nächten endlich einem Text gegenüberzusehen, den es vor dem Zurückstellen erquicklicherer und einträglicherer Beschäftigungen nicht gegeben hatte, dauerte bei mir nur kurz. Ein paar selig vernebelte Jahre um die zwanzig. Dann war er ausgestanden. Danach ernüchterte sich das Schreiben zu einer Art von gehobenem Selbstmord. Leseprobe

Ein versnobtes Autorentreffen in Innsbruck

Die Schriftstellerexistenz führt Prinzhorn zu einem versnobten Autorentreffen nach Innsbruck, zu einer wodka-seligen PEN-Tagung nach Moskau und einem erotisch flankierten Übersetzer-Meeting in Madrid. Dem Dichter Prinzhorn - oder auch dem bildungshubernden Falkner, man weiß es nicht so genau - fallen dazu Sätze ein wie dieser:


Das Glück und das Unglück liegen manchmal so dicht beieinander wie Anus und Vagina. Tür an Tür. Leseprobe


Ist das nun ironisch und damit lustig - oder einfach unsagbar schlecht? Ist die Figur Prinzhorn ein von literarischen und kunstgeschichtlichen Anspielungen umzingelter Dichter - oder einfach ein paranoider Sexprotz, der liebend gern von einer Männer mordenden Verehrerin gestalkt würde? Das dünne Geschichtchen, das Falkner in "Romeo oder Julia" erzählt, ist mit all den nervtötenden Anspielungen jedenfalls hoffnungslos überinstrumentiert. Dass es trotzdem auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis gelandet ist, kann nur mit dem schlechten Gewissen zu tun haben, dass sein deutlich besserer Roman "Apollokalypse" im vergangenen Jahr übersehen wurde.

Romeo oder Julia

von
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Berlin Verlag
Bestellnummer:
978-3-8270-1358-3
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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