Stand: 01.08.2017 14:03 Uhr

Emil Noldes Spukgestalten

Emil Nolde - Die Grotesken
von Ulrich Luckhardt, Christian Ring (Hrsg.)
Vorgestellt von Lenore Lötsch

Dramatische Meeresansichten und vielfarbige Blumengärten - typische Motive des Expressionisten Emil Nolde. Das Kunstpublikum liebt die intensiven Farben seiner Aquarelle. Vor 150 Jahren, am 7. August 1867, wurde er in Nordschleswig als Hans Emil Hansen geboren; später nannte er sich nach seinem Heimatort Nolde. Und obwohl Werk und Leben Noldes in vielen Facetten bereits ausgestellt und erzählt worden sind: Zum runden Geburtstag kann man in diesem Jahr auch einen ganz anderen Nolde entdecken. Einen, von dem Walter Jens einmal sagte: Er sei ein rechter "Spökenkieker von der Marsch".

Spukgestalten, Hexen und Teufel

Gesichter im Putz

Nolde hatte ein Faible fürs Groteske, ein Leben lang. Es war im Kuhstall des elterlichen Bauernhofs, erinnert sich Emil Nolde in seiner Autobiografie, da beobachtete er: "Der herabgefallene Kalk der Wände hatte Gesichter und wilde Figuren gebildet."

Zeitlebens sollte es Nolde so gehen: Himmel, Wolken, Steine - in seiner Naturbetrachtung waren es Gestalten mit Gesichtern, Fratzen, die nach Verbildlichung riefen. Pareidolie nennt das die Psychologie. Nolde selbst sprach von Gedankenspuk. Dieser Fähigkeit verdankte er seinen ersten künstlerischen Erfolg.

Porträt

Emil Nolde und das Meer in allen Farben

Am 13. April 1956 stirbt der Maler Emil Nolde. Besonders die norddeutschen Landschaften sind ein Schlüsselmotiv in seinem Werk von Zeichnungen, Aquarellen und Ölbildern. mehr

Der als Kunsthandwerker ausgebildete Nolde arbeitete 1894 als Zeichenlehrer am Industrie- und Gewerbemuseum St. Gallen und porträtierte in einer Serie die Alpengipfel: "Das Matterhorn lächelt" heißt eines dieser kleinformatigen farbigen Porträts: Der kantige Grat zerschneidet das Gesicht eines feixenden Alten mit roter Alkoholikernase, die Schneeschneisen rinnen, fließen, tropfen über Mund und Wangen. Fröstelnde Feen hinterm Schleier, schmerbäuchige Riesen, die Vermenschlichung gefährlicher Felswände. Nolde lässt seine Bergpostkarten in großer Stückzahl drucken. Innerhalb von zehn Tagen sind 100.000 Karten verkauft, doch der finanzielle Erfolg, der dem 30-Jährigen die Freiheit verschafft, Maler zu werden, ist nicht von Dauer: "... stümperhafte, eklige Plagiate erscheinen, die frische, schöne Idee verunreinigend."

Ein Auge fürs Übersinnliche

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Das Museum des Noldehauses in Seebüll zeigt die Ausstellung "Meisterwerke" mit Werken von Emil Nolde. Der Maler war besonders eng mit der nordfriesischen Küste verbunden. Video (02:55 min)

In dem Bildband "Die Grotesken" ist der ganze Kosmos der Spukgestalten, der Hexen und Teufel, der gutmütigen Könige, Waldgeister und Tiermenschen des Malers versammelt. Emil Nolde bannt sie in Aquarellen, Tuschpinselzeichnungen, Druckgrafiken: hin und wieder schwarz-weiß, oft aber mit überbordender, betörender Farbkraft.

So in seinem Gemälde "Frühmorgenflug" mit zwei Kobolden, die an das Personal der Erzählungen von Cornelia Funke erinnern: Schlitzohrig sitzen sie im oberen Bildrand, bereit für den nächsten großen Jux. Ihr Fell ist blau, aber bei Nolde schillert das Blau immer auch ein bisschen grün und das Gelb an den Koboldohren scheint eine direkte Verbindung zum Sonnenlicht zu haben.

Bei jeder Seite, die der Betrachter umschlägt, hat er das Gefühl, es raschle oder hauche, da flüstere jemand, hier juchze etwas oder bewege sich lasziv wie das "Tolle Weib" mit den roten Haaren und dem ausgestreckten Hinterteil.

Selten waren diese Gemälde und Aquarelle bisher in Ausstellungen zu sehen. Emil Nolde aber hatte den Eindruck seiner Bilder auf Betrachter beobachtet:

"Eigentümlich ist die Wirkung dieser kleinen Bilder bei den Menschen: die Kunstfernen sehen sie als Späße, Witze oder Grimassen, andere wieder durchblättern sie leichtfertig, als ob es Spielkarten seien und wieder andere empfindsame Menschen schauen und schauen; vor einzelnen sitzend, sich nicht trennen könnend." Leseprobe

Stationen einer Künstlerbiografie

Der Bildband präsentiert die Grotesken nach ihrer Entstehungszeit in Werkgruppen. So wird beispielsweise nachvollziehbar, wie wichtig nach Noldes Südseereise sein Aufenthalt auf der Hallig Hooge 1919 war. Nach Experimenten mit Form, Farbe und Figuren war Emil Nolde dort völlig zurückgeworfen auf sich selbst. Er musste aus dem Innersten schöpfen: Es entstanden Affenmenschen, Teufelsgestalten und vogelköpfige Schauspieler - insgesamt 71 Aquarelle mit reduzierter Farbpalette, bei der er sich erstmals völlig vom Naturvorbild löst.

"Weltferne Vereinsamung kann reichstes Leben enthalten, rauschende Vielfältigkeit zerstreut alle geistige Sammlung", so resümiert Nolde seinen Aufenthalt auf der Hallig Hooge. Der Bildband zeigt, dass in dem Expressionisten Nolde auch ein Surrealist steckte. Einer, der gruselige Sagengestalten malte, vor deren Kussmund es den Betrachter schaudert. Oder froschgrüne Paare und rotbärtige Baummenschen, die Märchenbüchern entsprungen zu sein scheinen. Aber er karikierte auch den Menschen als Sklaven seiner Triebe.

Diese Grotesken sind eine Entdeckung - und ein wunderbarer Störfaktor im bunten und blumigen Nolde-Kosmos.

Ausstellung

Noldes Farben aus der Südsee in Gottorf

04.05.2017 20:00 Uhr

Zwischen 1913 und 1914 reiste Emil Nolde mit seiner Frau Ada nach Deutsch-Neuguinea. Viele seiner Werke aus dieser Epoche werden im Schloss Gottorf gezeigt. mehr

Emil Nolde - Die Grotesken

von
Seitenzahl:
176 Seiten
Genre:
Bildband
Verlag:
Hatje Cantz Verlag
Bestellnummer:
978-3-7757-4267-2
Preis:
29,80 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 06.08.2017 | 17:40 Uhr

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