Stand: 22.08.2016 14:25 Uhr

Erinnerung an ein mutiges Mädchen

Meine geniale Freundin Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend)
von Elena Ferrante
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Elena Ferrante ist das Pseudonym einer italienischen Schriftstellerin. Ihr wirklicher Name ist nicht bekannt.

Eine rätselhafte Unbekannte hat in etlichen Ländern gerade die Bestsellerlisten erobert mit ihrem Buch "Meine geniale Freundin" und den folgenden Bänden einer Serie über eine Kindheit in Neapel. Sie nennt sich Elena Ferrante, das ist der Name einer der beiden Hauptfiguren. Wer sich dahinter verbirgt, ist eines der zurzeit sorgsam gehüteten Geheimnisse der Verlagswelt.

Mit wenigen Strichen versteht es jene Autorin, die sich Elena Ferrante nennt, eine Atmosphäre zu schaffen, die ihre Leser in die 50er-Jahre des letzten Jahrhunderts versetzt.

Eine gemeinsame Kindheit

Die Rahmenhandlung geht so: Eine 66-jährige Frau wird vom nichtsnutzigen Sohn ihrer besten Freundin alarmiert, seine Mutter sei verschwunden. Sie setzt sich daraufhin an den Computer und schreibt die Geschichte ihrer Kindheit, ihrer Freundschaft mit Lila auf, allerdings ohne dabei die Erinnerungen zu verzuckern.

"Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt. Es passierte alles Mögliche, zu Hause und draußen, Tag für Tag, doch ich kann mich nicht erinnern, jemals gedacht zu haben, dass unser Leben besonders schlimm sei. Das Leben war eben so, und damit basta, wir waren gezwungen, es anderen schwerzumachen, bevor sie es uns schwermachten." Leseprobe

Die Ich-Erzählerin beschreibt ihre ungewöhnliche Kinderfreundschaft mit einem Mädchen, das Raffaella heißt, von ihr aber immer Lila genannt wird.

Unerschrocken und hochbegabt

Ein starkes, halsstarriges, furchtloses und zweifellos hochbegabtes Kind.

"Lilas großem Bruder Rino zufolge hatte sie mit etwa drei Jahren lesen gelernt, als sie sich die Buchstaben und Bilder in seiner Fibel angeschaut hatte. Sie hatte sich in der Küche neben ihn gesetzt, wenn er Hausaufgaben machte, und hatte mehr gelernt, als zu lernen ihm vergönnt gewesen war." Leseprobe

In der Schule siegt Lila bei allen Denkwettkämpfen auch gegen ältere Jungen:

"Lilas geistige Behändigkeit hatte etwas von einem Zischen, einem Vorschnellen, einem tödlichen Biss. Und nichts in ihrer Erscheinung wirkte als Ausgleich dagegen. Sie war ungepflegt, schmutzig und hatte von Verletzungen, die nie rechtzeitig heilten, stets verschorfte Knie und Ellbogen. Ihre großen, äußerst lebhaften Augen konnten zu schmalen Schlitzen werden, aus denen vor jeder glänzenden Antwort ein Blick hervorblitzte, der nicht nur wenig kindlich wirkte, sondern vielleicht nicht einmal menschlich." Leseprobe

Kein Respekt vor Stadtteilgrößen

Die Kinder nehmen wahr, dass es im Stadtteil einen Mann gibt, vor dem sich alle fürchten, besonders die Erwachsenen. Selbst wenn ein Kind auf dem Schulhof einen Spross des Don Achille beleidigt, müssen sich die Eltern am Sonntag beim Kirchgang vor dem Vater demütig verneigen und ihn um Entschuldigung bitten. Lila weiß das, es kümmert sie aber nicht.

In einer der Kindheitsepisoden, die geschildert werden, greift Lila offen einen Sohn von Don Achille an. Enzo, der verliebt ist in Lila, verschweigt das aber zu Hause.

Häufig beschrieben, gern gelesen

Die Geschichte "Meine geniale Freundin" wird in diesem ersten Band erzählt, bis Lila vom Vater von der Schule genommen wird. Sie muss in der Schusterei mitarbeiten und heiratet viel zu früh. Dieser Roman ist sehr gefällig geschrieben, flott zu lesen, gute Unterhaltung. Wahrscheinlich in dem Stil, den die Ich-Erzählerin Elena Greco an ihrer genialen Freundin Lila so bewundert. Elena ist diejenige, die aufs Gymnasium gehen kann, die Latein und Griechisch lernt, die italienische Aufsätze schreibt, aber Lila, die sich nur in der öffentlichen Bibliothek selbst weiterbilden kann, bleibt immer ihr großes Vorbild und ihr eigentlicher Antrieb. Beim Lesen ertappt man sich dabei, in Lila eine Wiedergängerin der jungen Sophia Loren und in Elena auch eine Version von Gina Lollobrigida zu sehen.

Vielleser haben eventuell den Eindruck, diese Geschichte schon zu kennen, vielleicht weil so ähnliche Geschichten in der Literatur bereits relativ häufig geschrieben worden sind. Wer aber einen schönen, italienischen Familienschmöker sucht, wird ihn hier finden.

Weitere Informationen

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Meine geniale Freundin Band 1 der Neapolitanischen Saga (Kindheit und Jugend)

von
Seitenzahl:
422 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42553-4
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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